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Die Welt · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Article
Wien
Date
1901-04-19
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 16 „Die & Welt" Seite 11 IL Ein zionistischer Familienroman/) Von Emil Kronberger. Wenn es schon im allgemeinen der meisten Bücher Geschick ist, von denen nicht gelesen zu werden, für die sie geschrieben sind, so trifft diese These im besonderen für die specifisch-jüdische Literatur zu, deren Leserkreis zumeist zwei Eigenheiten zeigt: die eine, gute Bücher nur dann zu lesen, wenn sie einem geschenkt oder geliehen werden, die andere (wohl gemerkt, wir sprechen hier nicht vom zionistischen Publicum) in Form einer ganz besonderen Gleichgiltigkeit jüdischen Stoffen gegenüber. Wenn nun ein jüdischer Roman, in dem nicht einmal eine einzigeMischehe, der gewöhniicheKöder unserer höheren Töchter und besseren Frauen, vorkommt, innerhalb acht Wochen zwei Auflagen erlebt, muss er ganz besonders über das Mittelmass hinausragen, entweder die Neugierde reizen oder eminent künstlerisch wirken. Und zu dieser letzteren Auffassung werden wir uns wohl entschliessen, wenn wir hören, dass Meister Nord au dem Verfasser des Romanes schrieb: „,Dr. Guttmann' ist ein Kunstwerk, und wenn er den Erfolg hat, den Sie ihm wünschen und den er verdient, muss er das Buch des Jahres werden." Wir kannten Max Viola schon seit längerem als trefflichen und geistreichen Erzähler, wir kannten ihn aber nicht als guten Juden und nicht als Dichter. In „Dr. Guttmann" hat sich der Schriftsteller zum Dichter erhöht, dem die innige Liebe zu seinem Stamme die Feder in die Hand gedrückt. Die knappe Form der Darstellung, das Vermeiden lästiger Reflexionen, das packende, lebenskräftige Element seines Stiles, die Virtuosität seines Dialoges, das liebevolle Eingehen auf charakteristische Eigenheiten eines uralten jüdischen Gemeindelebens, das örtliche Colorit geben dem Romane geradezu die Form einer Heimatdichtung, wie sie ähnlich die jungdeutschen Literaten in den letzten Jahren zu schaffen bemüht waren. Dort, wo der Dichter uns das Idyll seiner Heimat, des alten Judendorfes Lakenbach, schildert, wo er die Silhouetten der ländlichen Patrizierfamilien zeichnet — denn auch das weltentlegene, strassenferne Dorf hatte solche — erhebt sich seine Kunst zur vollendeten Kraft und Schönheit. Nur die längere Reflexion gelingt ihm nicht, das kann im Judenromane nur einer, schneidig und krystallklar zugleich, ohne Wortschwall und doch präcis, und das ist Jaffe.**) Dass Viola aber stine Schwäche erkannt hat und sie sorgsam meidet, hat uns das Buch lieb und wert gemacht. Es klingt etwas wie traumseliges Erinnern an Jugendliebe und Jugendsehnen durch dasselbe und befangt in Theilnalime des Lesers Herz; er fühlt mit den Helden, mit den Hackers, Stössels, Bäsch und wie die Familien alle heissen, die aus dem Bereiche einer mühseligen Vergangenheit unter der Maske eines durchsichtigen Pseudonyms Violas Hand in das Traumland der Dichtung hinübergeführt. Dr. Guttmann, dessen Namen das Buch trägt, ist der jüdische Arzt des Dorfes, der Patriarch der ganzen Siedelung, die aus wohlhabenden Dorfgehern und sehr reichen Händlern bestand, bis zur Zeit der Handlung unseres Romans viele in die grossen Handelscentren verzogen und dem Dorfe halbverfallene Häuschen, Bettler und Hausierer zurückliessen. Aber das Buch trägt den Namen des Doctors mit Unrecht, denn im Mittelpunkte der Handlung steht nicht er, sondern seine reizende Enkelin, die frühverwaist, von ihm erzogen, ihm den Sonnenschein ins Haus getragen hat, der Typus der feingeistigen Mädchen, die in den kleinen Kehillas ihre Zeit zwischen Classikerlectüre und häuslichen Aufgaben theilen. Ihre treu-innige Liebe zu diesem Plagevolke von Kleinhändlern ist das Band, das sie mit Heinrich von Hartenstein zusammenführt. Heinrich ist Grundbesitzer von Lakenbach, der Sohn eines millionenreichen Wiener Banquiers, der sich zu den Goldhöhen menschlichen Glückes hinaufgearbeitet hat. Er hat eine ultra-assimilatorische Erziehung erhalten, doch modelt ihn die Einsamkeit des Gutes, er lernt die jüdische Umgebung verstehen und bald auch lieben. „Dass sie gepeinigt wurden, verbindet mich mit ihnen, und die Poesie ihres Schmerzes ist die Poesie meines Lebens." £>o kann er leichthin die Bekehrungsversuche eines Kaplans, der ihn für das Christenthum ge- . *) Max Viola: „Dr. Guttmann", Roman, Breslau (S. Schottländer), 1900, 2. Auflage. **) Wir werden in einer der nächsten Nummern eine Besprechung von J äff es Roman „Ahasver" bringen. D. Red, Winnen soll, damit der Vater Baron werden könne, ablehnen. Das gemeinsame Sich-Vertiefen in die alte Geschichte, die Sehnsucht, mitzuarbeiten an der Befreiung der Mühseligen, spinnen zarte Bande zwischen Mathilde und Hartenstein, immer fester bis zur unentrinnbaren Fessel der gewaltigen Liebe. Aber Mathilde ist nicht mehr frei, sie ist, wenn auch ohne Liebe, die Braut eines Wiener Mediciners. Das Pflichtgefühl legt ihr einen harten Kampf auf, der dem besorgten Grossvater nicht entgeht. Er meint, es trüge daran des Bräutigams langes Schweigen schuld, und macht sich auf die Reise nach Wien, ihm ins Gewissen zu reden. Dieser, Emil Rosenbaum, ist inzwischen Bräutigam einer Pfaidlerstochter geworden; ihn seiner Mathilde wiederzugeben, die nöthigen. Mittel zu erlangen, tritt Dr. Guttman den schweren Gang zu seinem Bruder an, den er vor vierzig Jahren durch dessen Uebertritt zum Christenthum verloren hat. Der Domherr Guttmann ist dem Rafael von Wrede's „Die Goldschilds" ähnlich, einer jener romantischen Pilpulisfcen, die sich glücklich fühlen im Ideengebäude, das sie sich construiert haben, und das nicht stärker als ein Kartenhaus ist. Wie Viola das Zusammentreffen der beiden Brüder schildert, wie die Herzen sich nähern und die trennenden Wände nacheinander sinken, das ist ein Cabinetstück psychologischer Darstellungskunst. Wie Mathilde den Rosenbaum noch vor ihres Grossvaters Rückkehr entlarvt, daran soll sich der Leser nur in der selbständigen Leetüre erfreuen. Die Bahn ist frei; Mathilde und Heinrich verloben sich. In einer Scene von überquellender Herzenskraft zeigt uns der Dichter den Augenblick, in dem die beiden ihr Geheimnis dem überraschten Grossvater mitttheilen. Der alte Hartenstein aber sucht Heinrich noch immer seiner Lebensauffassung unterzuordnen. Was der kühlen Erwägung nicht gelang, soll der Liebe — der Alte weiss nichts von Heinrichs Verlöbnis — glücken. Eine Baronesse soll dem Hause Glanz, Ansehen und Zutritt in Aristokratenkreise verleihen. Während Heinrich ihr vorgestellt wird, spielt sich eine für die Tendenz des Romans so charakteristische Scene ab, dass wir sie nicht verschweigen mögen. Ein Zuruf ertönt: „Ah, der Herr Israelit!" Im Nu steht Heinrich vor dem Vorlauten: „Sie irren, ich bin kein Israelit; ich bin Jude, und das ist etwas anderes. Ein Jude besitzt die guten und die schlechten Eigenschaften, ein Israelit aber bloss die schlechten Eigenschaften des Juden. Ich aber bin Jude; merken Sie sich das!" Die Baronesse wird Heinrich nicht gefährlich. Sein Vater aber stellt ihn vor die Wahl : entweder Taufe oder Enterbung. Und da, auf dem Höhepunkte des Conflictes zeigt sich wieder des Dichters ungewöhnliche Kraft. In einer meisterlichen Rede ruft PI ein rieh seinem Vater die Vergangenheit ins Gedächtnis zurück, die sorgliche Liebe seiner Eitern, die Poesie der jüdischen Familie und endlich den Treueschwur, den er den Eltern geleistet, dem Väterstamme treu zu bleiben. Wie Kolbenschläge erdröhnt jedes Wort im Gewissen des Alten, die ideale Kraft, der Schwung seiner Sprache, das Feuer der Ueberzeugung haben Heinrichs Sieg erringen geholfen. In Doctor Guttmanns Wohnung, wo er auch den Domherrn findet, söhnt sich der Alte mit Heinrich aus, nimmt Mathilden freundlich auf und erhält vom Domherrn das Versprechen, dass er die Baronie erreichen werde — ohne Taufe. Wenn auch des Dichters Mund uns das fernere Schicksal d^s Domherrn verschweigt, wir ahnen es doch. Der christkatholische Kirchenfürst ist wieder heimisch geworden im jüdischen Kreisen. Der mächtige Zauber jüdischen Familienlebens fesselt auch ihn. Und wie sein Lehrer, der ihn dem Christenthum zuführte, mit dem Schema Israel auf den Lippen stirbt, wird auch er den Weg zu seinem Stamme zurückfinden. Für uns Zionisten ist dieses Buch von hohem Werte. Immer wieder erblicken wir Worte, die unseren Gedanken entstammen, unseren Zielen, unseren Wünschen. Und weil das Wort „Zionismus" nicht ein einzigesmal vorkommt, wirkt es mehr als viele andere ausgesprochen zionistische Werke, predigt eine stille, aber beredte und kräftige Sprache, mahnend und spottend, die Millionenprotzen der Assimilation verhöhnend und die herrliche Lebenskraft des jüdischen Stammes verherrlichend. fSus dci) Voranzeigen. Wien. („Erster Wiener jüdischer Turnverein.") Die Turnstunden des „Ersten Wiener jüdischen Turnvereines" wurden wie folgt festgesetzt: Für Herren: Montag und Donnerstag von V28—9 Uhr. Für Damen : Mittwoch und Samstag von 7—1/29 Uhr.

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