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Die Welt · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Article
Eleazar Schulmann
Date
1901-04-19
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die gyWelt" Nr. 16 geistliche, noch eine weltliche Stellung, auch ist er kein Schriftsteller, der von der Literatur lebt, der das Forscherhand werk als Lebensberuf betreibt. Er lebtals Privatmann fern vom Geräusche der Welt und von dem Getriebe des literarischen Marktes, wo der Wettstreit um den Erfolg tobt und die Kräfte aufzehrt. Die Mussestunden, die ihm seine geschäftliche Thätigkeit frei lässt, widmet er den gelehrten Studien. Er schreibt nicht, weil er muss, sondern weil er schreiben will und weil er etwas zu sagen hat. Staunenswert ist Schulmanns Belesenheit auf vielen literarischen Gebieten, besonders auf dem der jüdischen Wissenschaft in allen ihren Verzweigungen. Nichts von dem, was auf diesem Gebiete in allen europäischen Sprachen geschrieben wurde, entgeht ihm. Mit bewundernswürdigem Fleisse hat er enorme Wissensschätze aufgehäuft und bietet dem hebräischen Lesepublicum einen Theil davon. Aber er besitzt ungleich mehr, als er vertheilt. Und was er gibt, gibt er mit offener Hand, freudigen Herzens, nicht weil er muss, sondern weil er etwas zu geben hat, und weil es ihm Freude bereitet, andere an seinen Schätzen theilnehmen zu lassen. Aber nicht alles, was er weiss, theilt er der Oeffentlichkeit mit, sondern nur die letzten Resultate, den Kern. Das wissenschaftliche Material, welches er in einem kurzen Aufsatze zusammendrängt, würde für einen anderen hinreichen, um ein dickleibiges Buch daraus zu machen. Der fühlbare Mangel an seinen Werken ist das Zuviel, die erdrückende Ueberfülle von Material, die in ihnen aufgehäuft ist. Als Schriftsteller ist Schulmann zurückhaltend und bescheiden und frei von jeder Ehrsucht. Wenn er fremde Ansichten widerlegt oder ihnen widerspricht, thut er dies stets massvoll und ruhig. Nie vergieng er sich gegen den literarischen Anstand, und der richtige Takt verlässt ihn nie, auch wenn er überlieferte Ansichten umstösst. Er hat nichts an sich von der Pedanterie und der Selbstüberhebung, die manchen Fachgelehrten eignet, aber auch nichts von der Oberflächlichkeit jener fingerfertigen Schriftsteller, die über alles und jedes einen Artikel aus dem Aermel schütteln können. ' Vor den ersteren hat er noch den Vorzug eines klaren und lebendigen Stils. Seine ersten literarischen Sporen erwarb sich Schulmann als Mitarbeiter des „Haschacha r", mit dessen Herausgeber ihn eine langjährige treue Freund.ichaft verband. Seine ersten Arbeiten waren Erzählungen und Bilde.iv in denen man wohl getroffene Schilderungen des Lebens und Treibens unserer Glaubensgenossen der vorigen Generation in den kleinen Landstädtchen Russlands findet. Zuweilen schildert er schlicht und anspruchlos, was er gesehen und erlebt hat. Die verschiedenenen Typen aus dem Volke, die Gestalten der gelehrten Müssiggänger, der Halbgebildeten und der „Diener am HeiligthumV Manchmal aber nehmen seine Schilderungen einen ironischen und satirischen Charakter an. Diese in einem tadellosen Hebräisch ahgefassten Erzählungen sind zum _Theile in zwei Sammlungen, „Erinnerungen aus meinem Vaterstädtchen" und „Novellenschatz", erschienen, zum Theil sind sie in verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken zerstreut. Doch Sch ulni anns wirkliche Bedeutung liegt nicht in seinen Erzählungen, sondern in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Die bedeutendste von ihnen ist das zweibändige Werk „Von jüdischem Stamme" („Mim'kor Israel"), eine ausführliche .Biographie von Heine und Börne. Schulmann war der erste und ist bis heute der letzte geblieben, der dem hebräischen Lesepublicum die literarische Wirksamkeit der beiden aus dem Judenthum hervorgegangenen Repräsentanten des „jungen Deutschland" auf dem Hintergrunde ihrer Culturepoche, der literarischen und politischen Strömungen ihrer bewegten Zeit, mitten unter ihren interessanten und bedeutenden Zeitgenossen geschildert hat. Bewunderung erregt die grosse Fülle des biographischen und literarhistorischen Materials, welches er in diesen Büchern zusammengetragen hat; Die ganze weitschichtige Literatur, die sich auf jene Zeit bezieht, hat er mit scharfem Auge durchforscht und sie von höheren Gesichtspunkten beurtheilt. Doch gehen ihm in dieser Menge kleiner Züge, nirgends die grossen Linien verloren. Schulmann hat auch mehrere Gedichte von Heine ins Hebräische übersetzt. Seine kleinen Arbeiten überschreibt Schulmann mit anspruchslosen Titeln : „Verstreute A ehren", «Fragmente", „Kleine Garben" u. dgl. Aber welch einen Reichthum an Gelehrsamkeit bergen sie oft. Für diese seine kleineren Arbeiten wählt sich Schulmann eine wenig bebaute Ecke auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und vermeidet es, Fragen zu behandeln, die schon von anderer Seite beleuchtet wurden. Unter seinen kleineren Aufsätzen gibt es manche wahre Perle wissenschaftlicher Kleinarbeit; so z. B. seine Aufsätze über den Typus des Wander-Chasan, über die übertriebenen Titulaturen, wie sie in früheren Zeiten beliebt waren, über die Abbreviaturen, über die Eigennamen in der Bibel, über die Entwicklung der Schrift bei den Israeliten, über die Eigenheiten der hebräischen Sprache, über das Fremdartige in der heiligen Schrift, über die mittelalterlichen Dichter und ihre Metrik, über die Satire und den Humor in der hebräischen Literatur, über das Greisenalter, über die Schätzung des Handwerks bei den Juden, über die hebräischen Räthsel u. a. m. Ich müsste eine lange Liste aufstellen, wollte ich alle seine Arbeiten anführen. Schulmann wählt immer neue Themen für seine Forschungen und bietet stets etwas Originelles. In allen seinen Artikeln, in denen er die entlegensten Gebiete der Literatur durchstreift und ihre verborgensten Schätze ans Tageslicht zieht, findet man nebenbei hingeworfene, wertvolle Winke, die sich auf unsere Literatur und unser Leben in der Gegenwart beziehen. Ausgedörrte philologische Tifteleien ohne lebendigen Inhalt sind nicht seine Sache. Schulmanns warmherzige Liebe für unser Volk und unsere Literatur ist nicht lärmend und vordringlich und macht sich nie am unrechten Platze geltend. Doch aus allem, was er schreibt, fühlt man diese Liebe wie eine lebendige Kraft heraus. Ein unermüdlicher, nimmer rastender Arbeiter, hat er stets die meisten hebräischen Zeitschriften und Sammelwerke mit den Früchten seiner Arbeit versorgt. Er ist ein Mann, der nicht von der Literatur, sondern für die Literatur lebt. Daher hat er nicht nur niemals einen materiellen Nutzen von seinen Arbeiten gezogen, sondern war im Gegentheil stets bereit, nach Kräften jedes literarische Unternehmen zu fördern. Seit mehreren Jahren ist Schulmann mit einer grossen und umfangreichen Arbeit beschäftigt, die berufen ist, eine fühlbare Lücke in unserer historischen Literatur auszufüllen, nämlich an einer Geschichte des jüdisch-deutschen Schriftthums seit dessen Anfängen bis auf unsere Zeit. Eine reiche Fülle von Material hat er hierzu mit einem grossen Aufwände von Kosten und Mühe aus den verschiedenen europäischen Bibliotheken bereits zusammengestellt. S c h ul m a n n ist einer jener anspruchslosen, aber emsigen uud gewissenhaften Arbeiter, die unserem Volke und unserer Literatur zum Stolz gereichen. An seinem Ehrentage seien ihm die herzlichsten Glückwünsche aller Freunde unseres Schriftthums dargebracht. * * *

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