Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- In der "Israelitischen Rundschau" [Kommentar]
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 „Die & Welt" Seite 13 uns zu einer verstärkten Predigt des Evangeliums unter den Juden, wobei wir uns freilich ebenso sehr vor überschwenglichen Hoffnungen, wie vor gewagten Experimenten zu hüten haben. Ueber die zweite These werden die Zionisten eine grosse Genugthuung empfinden können : eine grössere Anerkennung als diese schlotternde Angst der Judenbekehrer um ihre ohnehin schon mehr wie bescheidenen „Erfolge" dürfte es wohl kaum geben." Tiefen der Seele. Esther, meines Lebens Seele: Geliebte, was ist Dein Blick so tief? „Meine Liebe ist tiefer denn Meere, Unergründlich wie meines Volkes Sinn." Esther, meines Lebens Seele, Geliebte, was ist Dein Blick so weit? „Meine Liebe ist weit wie der Himmel, Zukunftahnend wie meines Volkes Hoffnung/ Esther, meines Lebens Seele, Geliebte, was ist Dein Blick so heiss? „Meine Liebe ist heisser denn Flammen, Glühend wie meines Volkes Schmerz und Sehnsucht." Wien. Ernst Müller. Die Uhr. Nach dem Polnischen der Elise Qrszeszko, deutsch von Flora Landsberger. (Schluss.) Einige Monate waren vergangen. Frühling war's, milder, sonniger Frühling. Der alte Berek trat aus seiner Stube, die von dem ewigen Gemurmel der Uhren widerhallte; vor dem Laden blieb er stehen. Bald hatte ihn das Sonnenlicht umflutet; von goldenem Hintergrunde hob sich die kleine, zarte, gebückte Gestalt ab, im langen, abgeschabten Kaftan und der eingedrückten Mütze mit dem schiefen Schirm. Unter dem Schirm sah man das runde, welke Gesicht mit dem rotheri Schimmer auf den gefurchten Wangen, den Brillen, deren Einfassung sich in einer schwarzen Linie auf der Stirn und den Schläfen schlängelte, um hinter den Ohren in den grauen Haaren zu verschwinden. Der weisse Bart leuchtete in der Sonne, wie eine Spindel mit silbernem Gespinst. Er. stand vom Sonnenlicht durchleuchtet und durchwärmt und sah durch seine Augengläser auf die schmale, lichtumflossene Gasse, über die sich ein Streifen tiefblauen Himmels spannte. Es war Mittag. Die Leute liefen geschäftig hin und her, aus den nächstgelegenen Gassen tönte das gewohnte Rädergerasse], aus dem aber das geübte Ohr des Juden bald ein anderes auffallendes Geräusch heraushörte. Es war Gesang, der bald lauter, bald tiefer erklang, um dann wieder feierlich, alles andere übertönend, zu erschallen. Berek'hörte einen Augenblick zu, dann nickte er mit dem Kopfe, zum Zeichen, dass er die Bedeutung des Gesanges verstehe. Es war ein Leichenzug, der immer näher kam. In der schmalen Gasse entstand ein Gedränge, wie immer, wenn die Menschen eilen, um ihre Neugier zu befriedigen. Auf den Trottoirs tönten rasche Schritte, man hörte laute Stimmen. Berek stand ruhig auf den beiden Stufen, die sich über das Trottoir erhoben, und schaute in die Richtung, aus der man den feierlichen Gesang vernahm. Bald sah er den Trauerzug. Erst kamen einige weisse Gestalten, ein schwarzes Kreuz schwebte in der klaren Luft. Die Fahnen leuchteten saphirblau und roth, gelb glänzten die Reihen der Fackeln. Das Licht war trüb. Der Trauergesang ward lauter, er verband sich mit dem dumpfen Geräusch der langsam dahin rollenden Wagen. Schwarze Decken wurden sichtbar. Der sechsspännige Leichenwagen erschien, Männer in Trauerkleidung giengen nebenher, auf dem Wagen ruhte der reich mit Silber verzierte Sarg. Der Gesang verhallte nach und nach, hinter dem Leichenwagen wehten wieder Fahnen, leuchteten die Fackeln, dann kamen die Trauernden paarweise in einer langen, langsam dahinschreitenden Reihe, in schwerer kostbarer Trauerkleidung. Dieser Trauerzug bewegte sich zwischen zwei Reihen von fackeltragenden Dienern, an diese drängte von beiden Seiten eine bunte, schaulustige Menge. Es war eines der grossartigsten Leichenbegängnisse, die man in dieser Stadt zu sehen Gelegenheit hatte. Ruhig, nur hie und da mit dem Kopfe nickend, betrachtete Berek durch seine grossen Augengläser den vorüberziehenden Leichenzug, Als er aber aus der Menge einige Ausrufe vernahm, erzitterte er und wandte sich an einen Unbekannten: „Was? Was? wer? Wer ist das?" Ein Graf! „Welcher Graf? Was ist das? Wer ist gestorben? Wessen Begräbnis ist das?" Mit all diesen Fragen, die sich, ihm selbst unbewusst, auf die bleichen Lippen drängten, stand er plötzlich mitten unter der Menge und stellte sich einem Vorübergehenden in den Weg. „Ns was denn? Halt' mich nicht auf, Jude! Wessen Begräbnis? Das Begräbnis des Grafen Strumieniecki! Was denn noch? Was hältst Du mich am Rockschoss? Welcher Strumienicki? Der Vater... Der Vater... der alte Graf Xaver? . . . Lass mich, ich hab' Eile!" Berek liess den Rockschoss fahren, er warf den Kopf zurück, sah auf zuttrtlauen Himmel und schrie: „Er ist gestorben? Der Graf Xaver ist gestorben? Wie kann es sein? Warum ist er gestorben? Er war ganz gesund, wie er bei mir war! Er war einmal so jung, so schön, so lustig, und jetzt ist er todt? Wie kommt es, dass er todt ist?" Die Vorübergehenden, die eilten, um das prachtvolle Begräbnis noch zu sehen, stiessen ihn an, verwundert sahen sie den Greis an, der seine verzweifelten Fragen zum Himmel emporschrie. Man wusste nicht, wem diese Fragen galten. Unwillkürlich stiess ihn jemand an die Mauer eines Hauses; einige Judenkinder liefen herzu und schrien: „Sielr, sieh'! a Meschuggener!" Aber all dies währte nicht lange, denn der alte Jude jagte, wie von einer unsichtbaren Gewalt gezogen, dem Leichenzuge nach. Den langen Kaftan mit den Händen emporhaltend, lief er von Gasse zu Gasse, gebeugt, den Kopf vorgestreckt; der silberweisse Bart leuchtete in der Sonne. Er eilte unaufhaltsam vorwärts; er dachte nur daran, den Leichenzug einzuholen. Der Trauerzug bewegte sich langsam, es war nicht schwer, ihm nachzukommen. Bald war Berek bei den letzten Reihen angekommen; aber er war damit nicht zufrieden. Er lief noch weiter, geschickt schlüpfte er durch die Menge, wo sie am dichtesten war, er stiess mit der Faust umher, bis er sich neben den paarweise hinter dem Sarge dahinschreitenden Herren und Damen befand. Auf beiden Seiten des schwarz verhangenen Leichenwagens und der Trauernden waren zwei des Streifen Trottoirs frei geblieben. Berek verlangsamte seinen Schritt und zog sich auf das Trottoir zurück. Die trauernden Paare schritten gleichmässig und feierlich daher; er trippelte und stolperte auf den Steinen. Neben ihren kostbaren Kleidern nahm sich sein abgenützter Kaftan wie ein Fetzen aus, den man in die Gosse wirft. Trotzdem gieng er weiter. Vielleicht bemerkte man ihn und wunderte sich, wieso und warum er hierher kam, er aber gieng weiter. An der Spitze des Zuges sah man in der klaren Luft das hochgetragene schwarze Kreuz, feierlich tönte der Gesang; er aber schritt weiter. Plötzlich fiel ihm ein: „Nu, wozu bin ich hergekommen? Wozu bin ich gelaufen wie ein Wahnsinniger? Zu was geh' ich?" Und doch gieng er weiter. Bis jetzt lief er, und drängte sich durch die Menge, er dachte an nichts, instinctmässig vom Gefühl getrieben, unklar, aber unwiderstehlich. Jetzt fieng er an, übersieh selbst, wie auch über den, dessen Sarge er, neben den Verwandten und intimen Freunden, trippelnd und stolpernd folgte, zu erstaunen. „Nu, warum ist er damals ein paar Stunden, beinahe die ganze Nacht, bei mir gesessen? Warum hat er mit mir gesprochen wie mit einem Bruder? Warum bin ich diesem Wagen nachgejagt, wie ich gehört hab', dass er darauf fährt? Warum gehe ich noch jetzt?" So dachte er, wunderte sich immer mehr über ihn und über sich und schritt weiter. Hinter der Stadt gieng sich's bequemer, die Luft war frisch, rein und klar. Zu