Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Die jüdische Toynbee-Halle
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Die 5$ Welt*4 Seite 11 erste und oberste Zweck der jüdischen Toynbee-Halle wurde vollständig erreicht. Die alten Männer und Frauen, die mit vergrämten, verdrossenen Gesichtern., mit misstrauisehen Augen zu uns gekommen sind, haben wieder lachen gelernt; dieselben Menschen, die anfangs stumm nebeneinander sassen und mit böser, vom Kampfe ums Dasein herübergebrachter Rücksichtslosigkeit einander kaum den Sitzraum vergönnten, die plaudern jetzt gemüthlich und erweisen sich Höflichkeiten, wie sie dem sicheren Besitze geziemen. Sie fühlen sich zuhause in unserer Halle. Nach diesem ersten Zwecke schwebte mir ein zweiter vor: unsere jungen Leute sollten sehen, dass man sich unterhalten könne, ohne alles Selbstbewusstsein zu verlieren, ohne Würde und Anstand mit Füssen zu treten. Was fangen unsere Handelsangestellten an, wenn sie abends dem Geschäfte entrinnen? Das ist eines der traurigsten Capitel aus dem Leben der Grossstadt. Die Wiener Cafes und Singspielhallen haben mehr Existenzen ruiniert, als Tuberculose und Pest. Man stirbt nicht, wenn man schon als junger Mensch sich an den Kaffeehaus- und Tingl-Tangi- Ton gewöhnt, aber man geht daran zugrunde. Alle die seelenlosen, jüdischen Familien der Grossstadt, denen das Leben ausserhalb der Arbeit nichts anderes als SpieL Theater, Turf und Ball bedeutet, haben ihre Erziehung im Kaffeehause begonnen und in der Singspielhalle beendet. Es gibt in Wien ein Tingl-Tangl, in welchem Abend für Abend jüdische Bänkelsänger einem jüdischen Publicum in der niedrigsten, schamlosesten Weise jüdisches Wesen carikieren und beschmutzen — wer darf sich wundern, dass diese Art von Juden sich gegenseitig noch weit mehr Verachtung entgegenbringen, als die Christen für sie fühlen V Die Winterabende unserer Toynbee-Halle sollten den Versuch machen, mit den genannten Giftstätten zu concurrieren. Haben wir dieses Ziel erreicht? Ich glaube ja. Wir können es haarscharf beweisen. Als wir anfangs tasteten und mit dem Publicum Fühlung zu bekommen suchten, forderten wir die Sangeskundigen unter den jungen Leuten auf, sich doch hören zu lassen. Einer nach dem anderen kam und meldete sich zum Vortrage von — Couplets. Und was waren das für Couplets! „Ich bin der Isaak Silbersteintf, „Die Sarahleben wollt' einmal" u. s. w. u. s. w. Die Sänger machten höchlich erstaunte Gesichter, als wir uns für solche Kunstgenüsse bedankten, und blieben aus. Aber sie kamen wieder, und heute singen uns ebendieselben Leute Wagner, Schubert, Schumann, Grieg, Brüll: die Sänger der Toynbee-Halle sind jetzt schon so weit durch die Toynbee-Halle selbst erzogen, dass man sie zum Ciavier lassen darf, ohne sich vorher nach ihrem Programme zu erkundigen. Und noch eine zweite Thatsache sei angeführt. Als sich an den ersten Diseussions-Abenden ein Mann halb im Jargon äusserte, gieng ein Gelächter durch die Reihen der überlegenen Jünglinge vom Handelsfache; heute haben sie es gelernt, dem ärmsten polnischen Juden zuzuhören, wenn er in noch so schwerfälliger Sprache einen Gedanken vorzubringen hat. Also unser zweites Ziel war verhütender Art: unsere Jugend sollte von der systematischen Erziehung zur Frechheit und Frivolität ferngehalten werden. Erst in dritter Reihe wurde die Belehrung ins Auge gefasst. Systematischen Unterricht zu bieten lag nicht in unserem Plane. Wer in Wien ernstlich darnach strebt, seine Bildung zu erweitern, der hat vollauf Gelegenheit, dieses Ziel ausserhalb der Toynbee-Halle zu erreichen. Die „volksthümlichen Universitätscurse", die vor ein paar Jahren nach dem Muster der englischen „University Extension Lecturestt eingerichtet wurden, haben sich vortrefflich bewährt. Man kann für eine Krone ein ganzes Semester lang Latein lernen oder Anatomie studieren. Mit diesen Cursen kann und will die Toynbee-Halle nicht wetteifern. Aber einen Vortheil haben wir bei unseren Vorträgen vor den Docenten der Universitätscurse voraus. Wir haben ein einheitliches Publicum, wir kennen seine Bedürfnisse, wir wissen, wo wir anzuknüpfen haben. Zwei Abende in der Woche sind einfür allemal bestimmten Stoffgebieten zugewiesen : am Montag wird Naturwissenschaftliches vorgetragen, am Freitag Bibel erklärt; in letzter Zeit hat ein hervorragender Psychiater dermassen das Interesse an psychologischen Fragen geweckt, dass wir den Donnerstag regelmässig der Seelenlehre widmen. Sonst haben wir, um einen Theaterausdruck zu gebrauchen, ein wechselndes Repertoire. Aus der Mannigfaltigkeit des Gebotenen lassen sich einige Gruppen mit charakteristischen Beispielen hervorheben. I. Naturwissenschaftliches. Elemente der Mechanik. — Elemente der Astronomie. — Einige Hauptgesetze der Optik. — Das Auge. — Der Kreislauf des Blutes. — Psychologie. II. Medicinisch e s, Antisepsis und Asepsis. — Was ist Krankheit? — Das Wasser als Heilmittel. — Die Gefahren des Alkoholismus. — Hygiene des Mundes. III. G e s c h i c h t e und Literatur. Alexander der Grosse. — Die Juden im vorchristlichen Italien. — Die Chazaren. — Die Ahasver-Sage. — Unsere Ahnen bei der Unterhaltung. — Die Agadisten. — Cremieux. — Die Prager Judenstadt. - Jüdische Kunst. — Juda Halevy. — Shakespeare. — Hamlet. — Mendelssohn. — Nathan der Weise. — Morris Rosenfeld. — Deutsche und Spaniolen. IV. Ethisches. Nächstenliebe. — Kants Ethik. — Altjüdische Rechtsethik. — Die Ethik des Talmud. . V. Juridisches. Der Process. — Die Todesstrafe. — Die Civilehe. — Der Process Calas. — Der Process von Damaskus. VI. Discussionsthemen. Jüdische Dienstboten. — Jüdische Frauen-Erwerb vereine. — Warum geben die Juden Mitgift? — Sind die Juden aomassend? — Die Juden und der Wucher. — Jüdische Armenpflege. — Welche Erwerbszweige stehen den Juden offen? * Die Toynbee-Halls im Sommer. Mit dem Anfange der warmen Tage haben die Thee- Abende in der Toynbee-Halle ihr Ende erreicht. Jetzt beginnen die regelmässigen Curse. Hebräisch, Französisch. Englisch, Stenographie, Buchhaltung werden unentgeltlich von Fachleuten gelehrt. Die Zahl der Anmeldungen ist in keinem Curse hinter °20 zurückgeblieben, im Französischen und Englischen geht sie über 10* hinaus. Am Sonntag-Nachmittag werden regelmässig Ausflüge in die Umgebung von Wien unternommen werden. Ein Naturforscher von Fach wird uns immer begleiten und wird uns dazu anhalten, die Augen zu öffnen, um die Wunder des Himmels, der Wolken, der Thier- und Pflanzenwelt zu verstehen. * Die Erhaltung der Toynbee-Halle. Bisher wurde die Erhaltung der Toynbee-Halle durch Spenden bestritten. Nun aber haben wir dem Institute, das sich so sehr als Bedürfnis erweist, eine festere Grundlage gegeben. Wir haben einen Verein ins Leben gerufen, dessen Aufgabe es sein soll, für die Erhaltung und den Ausbau der Toynbee-Halle zu sorgen. Durch die regelmässigen kleinen Jahresbeiträge der Mitglieder, durch die einmaligen grösseren Leistungen der Förderer wird es dem Vereine leicht werden, dieses Ziel zu erreichen.