Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Peter Swansens Concert
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 28 (sequence 2)
- Language
- German
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28 Virtuose u. s. w." Andere brachten sein Bild. Manche wussten wieder [interessante Anekdoten aus seiner Künstlerlaufbabin zu erzählen. Peter Swansen selbst kümmerte sich nicht u*m die Kniffe seines Impresarios. Er hielt sie für überflüssig; denn er glaubte fest an seine künstlerische Sendung. Petfir Swansen war ein ernster Mann; etwas ermüdet und auch ein wenig verbittert vom Leben. Viel Aussergewöhnliches war nie in diesem Leben. Die conventionelle Carriere eines Modemusikers ersten Ranges. Am Anfang war die NotW. Dann, plötzlich beinahe, kam das meteorische Aufleuchten des ersten Erfolges. Die Sternwarten theilten sich die Erscheinung mit. Peter Swansen erhielt Rubrik und Etikette. Der namenlose Stern hatte fortan einen Namen und dazu die Licenz, am Künstlerhimmel zu leuchten» Damals stellte Swansen seine Geige auf eine Weile beiseite und amüsierte sich nach Herzenslust. Es war, als ob sein Erfolg die Kunst verscheucht hätte. Dieser wunderbar berauschende Erfolg, der ihm so lange versagt geblieben und den er jetzt auskostete bis zur Neige. Und zur Geige griff er nur an seinen Abenden. Auch da gab er sich nicht viel Mühe. Hatte es auqft nicht nöthig. Er war bereits Mode.Nach einigen Geschichten mit Frauen kam dann eine Zeit der Einsamkeit für ihn, dif> ihm sehr gut that. Denn sie brachte ihn langsam zur Kunst zurück. Er wurde fein und reif. Von seiner Phantasie auf der G-Saite hiess es, dass sie ihn als Souverän auf einer Höhe zeige, die keinen anderen Aufstieg gestatte. Es wa% als ob er da mit der Spitze seines Bogens eine Stelle i& den Gemüthern berührte, zu der bisher weder Musik noch eine andere Kunst gedrungen war. So hingerissen waren sie alle, Männer und Frauen. Er war glücklich, denn e£ glaubte endlich seine Note gefunden zu haben. Seine Sprache^ in der kein anderer sprach, in der nur er sich einer, Gb^ meinde von Andächtigen, Gläubigen offenbarte. Aber es gäj| auch Augenblicke, wo ihn Zweifel überkamen. Eine un£ gewisse Furcht, dass sein Werk vielleicht nicht echt, nich| aus dem Vollen gegriffen wäre, peinigte ihn zuweilen. Abeiv nie hatte ihn noch diese Furcht ganz übermannt. Dazu ws&~ sein Ruf als Künstler. zu fest begründet. Und er glaubte ehrlich, dass er diesen Ruf auch verdiene. Doch einmal kam es so, dass Peter Swansen in seinem Innern dieseif Glauben verlor und mit ihm jeden anderen. Wie das kam| will ich jetzt erzählen: | Vor einem grossen Concerte in München suchte ihr£& ein armer Musiker auf und bat ihn um Unterstützung. E$ war ein verbummelter, entgleister Mensch. Ein sonderbare!! Zufall wollte es, dass sich die beiden als Jugendbekannte) aus derselben Stadt erkannten. Swansen hatte sie längst vergessen gehabt, diese ferne dunkle Zeit im jüdischen' Vaterhause in einem elenden russischen Neste, Etwas? Warmes aber erfüllte sein Herz, und er wies den Armen nicht ab. Er beschenkte ihn sogar reichlich und sprach mit ihm über dies und jenes. Und da er unter der grauen Asche des Elends einige Funken wirklichen musikalischen Talentes zu vermuthen glaubte, spielte er dem Manne auch^| etwas vor: Seine „Phantasie". Das Almosen eines Königs sollte es sein. Dieser arme Jude sollte auch sehen, wen er da vor sich habe, den Abstand spüren, keinen Moment glauben, dass Swansen noch etwas behalten habe von jenem Elend, vom Ghetto, dem feigen und ohnmächtigen Blicke des fussgetretenen Hundes. Swansen heisst er heute,.Peter Swansen, ist ein freier Künstler mit eigener Note, und die schönsten Frauen haben ihn auf die Lippen geküsst.; . So spielte der Grosse vor dem Kleinen. Als er zu Ende war, blickte er auf. Er, der Blasierte, Verwöhnte, war neugierig auf das Urtheil des schäbigen Menschen, der heute sein Publicum war. Seltsam sah der Mann ihn an und sprach langsam: „Schön war's. Wunderschön, Herr Swansen, aber .. ,a „Aber?" „Erinnern Sie sich noch an Kol-Nidre, Herr Swansen?" „Was, bitte?* „Kol-Nidre, eine uralte jüdische Melodie. Als Kinder haben wir sie beide oft genug gehört, von Jossei Klesmer gespielt. Wissen Sie, etwas davon ist in Ihrem Stück. Vielleicht nur für mein Ohr. Und auch nur stellenweise und vielfach variiert. Aber dies Ailegro ... Diese Uebergänge... Wenn Sie erlauben?" Und er griff zur Geige, spielte Kol-Nidre, Anfangs lächelte der grosse Virtuose. Aber dann lauschte er immer gespannter. Und zuletzt geschah es, dass er gar hastig aufsprang, dem Spielenden das Instrument fortnahm und ihn gehen hiess, nachdem er ihm noch einiges Geld in die Hand gedrückt. In Swansen war etwas entfesselt. Wie heimkehrende Zugvögel. Dunkel wurde es vor den vielen Fliegenden. Und mit jedem schwirrenden Flügelschlage kam eine Erinnerung über ihn. Der alte Vater im weissen Talles, am Seder-Abend, aus der Hagada lesend in näselndem Singsang... Die Mutter mit dem glänzenden Atlas-Scheitel... der Rabbi... das Todtenfeld mit zahlreichen flachen, schiefen Leichensteinen, die drin staken, wie geschnitzte Mandeln in einer Geburtstagstorte ... die halb zerfallene Synagoge ... Jossei Klessmer... Kol-Nidre? Also er, der freie Künstler, sollte . . .? Nach so vielen Jahren, nach so viel Kampf und Mühe hatte er seine Note gefunden, und diese Note sollte fremd sein? Gestohlen? Mitgebracht, aus diesem finsteren Elend, diesem Schmutz, dem er entronnen zu sein geglaubt? Sehr klein fühlte sich Peter Swansen einen Moment lang, dann gewann seine Sicherheit die Oberhand. Jetzt, vor dem Concert durfte er an so was überhaupt nicht denken. Dumme Geschichten. Nichts weiter. Uebrigens beim Concert will er prüfen. Sollte doch was an der Sache sein — o, er wird unerbittlich und ehrlich prüfen. Das Concert kam. Zuerst, wie gewöhnlich, spielte er Glattes, allen Geläufiges. Zeigte den Leuten seinen vornehmen Geschmack, die wundervolle Technik. Aber das war alles, wie die kleinen Kunststücke, die Akrobaten vor ihrem grossen Tric vorführen, spielend, überlegen, nicht ganz bei der Sache. Erst zum Schlüsse kam der Haupttreffer. Die Phantasie, Jetzt verzitterte der letzte Ton. Tief beugte sich Peter Swansen einem Orkan von Beifall. Minutenlang berührten Bogen und Geige in seinen gesenkten Händen den Böden, während Blumen in Kränzen und Gewinden sich auf dem Podium häuften. Aber bleicher als sonst war sein Angesicht. Denn er hatte wirklich geprüft und er glaubte schreckliche: Gewissheit gewonnen zu haben. In ihm kämpfte es. Aufschreien wollte er: Lug und Trug alles. Ihr irrt, da Ihr glaubt, ich stehe auf stolzer einsamer Höhe. Denkt ihr, meine Seele sei in dem Werke? Meine Verzweiflung, die drin stönt? Mein Schmerz, der drin wimmert? Meine Klage, die drin schreit? Nichts davon. Es ist des Judenthums weinende Seele. Und ich, Peter Swansen? Ein Klesmer, der Euch ein jüdisch Stück gegeigt ein uraltes jüdisch Stück, Ihr Herren und Damen... Aber nichts von alledem rief Peter Swansen in die wirre Menge, die ihm tosend zujauchzte, denn er konnte der Eitelkeit nicht entsagen. Er wusste, wie leicht und mühelos er die Täuschung erhalten könne. Nur sich selbst täuschte er nicht mehr. . . Erste jüdische Toynbee-Halle in Wien. Die erste jüdische Toynbee-Halle in Wien, aus der wir ein schönes Momentbild unseren Lesern vorführen, wurde am 31. März geschlossen, um für die täglichen Vortragsabende im Herbste wieder eröffnet zu werden. Indessen wird sie auch für das Sommersemester als ernste Bildungestätte dienen, als Schule für Sprachen und mancherlei Fertigkeiten (Volksbildungscurse).