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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 27

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Pessach-Abend in Jerusalem
Date
1901-04-03
Page
27 (sequence 2)
Language
German
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27 Und dann sehe ich mich wieder vor dem Jaffa-Thore; man verlässt den Wagen und kehrt zu Fusse in die alte Stadt ein. Während die Sonne untergeht und sich die Abenddämmerung langsam auf die Erde senkt, gehen wir, meine vortrefflichen, um mich bemühten. Freunde und ich, durch schmutzige, enge Gässchen, durch abscheulich lärmende und ekelhaft riechende Bazars des'mohammedanischen Stadtviertels; wir gehen zur Klagemauer, der „Coih el Maarabi"... O, diese Klagemauer!.. . Dieses Zeichen unserer nationalen Grösse! . ♦ . . Diese immensen Steine, die erhalten sind durch Zeitalter, als lebendes Symbol der Nation, die gleichsam in denselben Felsen gehauen ist, wie sie. Diese leblosen Massen, ehemals Zeugen des Glückes unseres Volkes, nehmen nun seit zwanzig Jahrhunderten schon nur die heissen Thränen und brennenden Küsse der Menge von Juden auf, die aus allen Enden der Erde, des Exils, kommen, um sich zu erinnern, zu beten, zu weinen und zu hoffen. Dieses Stück Mauer, kaum 30 Meter breit, dessen blosse Erinnerung auf die Fibern der jüdischen Seele, wie eine magnetische Kraft wirkt, die anzieht und festhält! Wie oft sass ich in meinem Kindes- und Jünglingalter, an den Abenden des 9. Abj die Füsse zum Zeichen der Trauer unbeschuht, am Boden des Tempels neben meinem Vater, zuhause neben meiner Mutter, und las, Thränen in den Augen, die Klagen des Jeremias, indem ich mich in meinen Gedanken hinüberbrachte in das ferne Land, unter die Menge meiner Brüder, welche ThräLen vergiessen vor der Mauer, die geheiligt ist durch das Feuer der Feinde und durch das Blut unserer Vorfahren. Und als ich an jenem Vorabende der Ostern der Mauer gegenüberstand und all dem, was vom Heiligthum bleibt, und zugleich meinen Brüdern und all dem, was von der Nation bleibt, da erfasste mich ein Schauer, das Blut stieg mir zu Kopfe, ich fühlte, dass das Fieber mich packte, und meine Traurigkeit, mein Schmerz waren so gross, so tief, so unendlich, dass ich nicht einmal eine Thräne aus meinen Augen hervorbrachte, die fast maschinenmässig, automatisch von den durch Küsse und Thränen polierten Steinen, zur betenden Menge irrten. Und dann erinnere^ich mich wieder, wie ich die Klagemauer verliess und mich zurückwendete in die äussere Stadt, durch dieselben Gässchen und dieselben Bazars der inneren Stadt, die jetzt finster und verlassen daliegen. Ich trete aus dem Jaffathore. Der Himmel breitet sich in seiner ganzen Grossartigkeit vor mir aus, und der Mond, auf dunkelblauem Grunde, scheint ein von Schatten verhülltes Licht zu werfen, passend zu dem Zustande meiner Seele, - die umfangen ist von einer melancholischen Träumerei, von-unaussprechlicher Traurigkeit. Die Luft ist feucht und -frisch, durchdringend feucht und von einer Frische, die an Kälte grenzt. Die Strasse — la Route de Jaffa —führt zur europäischen Stadt. Anfangs ist die Strasse öde und .still, je höher man aber steigt, desto mehr Leben kommt in diese Ruhe und Stille. Dann wird es lebhafter. Ein flüsterndes Rauschen von Stimmen, die durch die erleuchteten Fenster hinausdringen in die Stille der Luft. Ein Rauschen, das am Festabende in jüdischen Städten die Seele mit so seltsamem Entzücken erfüllt. Hier ist es Kindergeplauder, dessen Echo durch die Entfernung an unser Ohr dringt und uns ein Gefühl der Süsse empfinden lässt, dort ist es die junge, zarte, noch unberührte Stimme eines zehnjährigen' Knaben, der seine Hagadah aufsagt; zur Rechten hört man die volltönende Stimme eines Mannes, der den Kiddusch hersagt; zur Linken dringen die gedämpften Stimmen einer Plauderei zu uns; vor uns oder hinter uns hört man die schnellen, wiederhallenden Schritte eines Verspäteten, dessen Ankunft mit Ungeduld von der Frau erwartet wird, deren Kräfte durch die Vorbereitungen zum Feste fast erschöpft sind. Ich erinnere mich noch heute der mächtigen Wirkung, die diese jüdische Atmosphäre auf einen Mann ausübt, der in dieser jüdischen Atmosphäre auferzogen ist, Wie überwältigend aber wirkt sie auf den, der hinkommt nach Jerusalem, nicht aus einer jüdischen Stadt, sondern aus diesem läimenden, schwindelnden, fascinierenden Paris, wo das jüdische Leben keine Möglichkeit hat, sich in seiner ursprünglichen Schönheit darzuthun, für das mehr als einer unter uns oft eine mächtige Sehnsucht empfindet, wie gross auch die Kraft des Taumels sein mag, den die alles mit sich reissende Tollheit der Bewegung und die Beleuchtung auf den Pariser Boulevards auf uns ausüben mag , . . Dann sehe ich mich erst wieder in dem Hause meines vortrefflichen Fachgenossen, M. Benjehudah, des Directors und Chefredacteurs des „Hazewi", dessen Verhältnis zu mir sich.in dem Zeiträume von fünf Minuten zu einem wirklich freundschaftlichen gestaltete. In diesem Hause ist aus einer Art patriotischer Massnahme der Gebrauch jeder anderen Sprache als der hebräischen Sprache untersagt, und jeder, mit Ausnahme des Dienstmädchens, wenn ich mich nicht irre, das keine Jüdin ist, spricht unsere nationale Sprache als Muttersprache. . Und endlich sehe ich mich in dem glänzend erleuchteten Saale des „Hotel Kaimnitz", inmitten einer lärmenden, freudigen Menge jüdischer Pilger, die aus England, Amerika, Italien, Russland, Aegypten u. s. w. gekommen sind und nun nach dem reichlichen Mahle und den „vier traditionellen Gläsern" den volkstümlichen Refrain des Endes der Hagadah singen, auf welchen von dem gegenüberstehenden Tische mit der so melodiösen Arie und denv so tröstenden Worten des Liedes, das zu einer Art Nationalhymne geworden ist, einige Bewohner unserer Feldarbeiter-Colonien antworten, die ihrerseits auch gekommen sind, um ihren Vorfahren nachzuahmen, die vor dreitausend Jahren auf Grund des „vekamta vealita" der Bibel nach Jerusalem gekommen sind, um hier die Ostern zu feiern. Und noch heute, im Augenblicke, wo ich in Paris diese Zeilen für die Oster-Nummer unseres liebgewordenen, tapferen „Echo Sioniste"*) schreibe, höre ich die melodiöse Arie und die tröstenden Worte : . ,wnpn .tisk vb tu?;jwun n^pm ISTTDK pK^Slttb ♦nan th rö Tpb Und die Worte tragen mich hinweg in die Ferne zu den geweihten Ufern des Jordan, zu jener ewigen Stadt, zu jener Stätte des Ruhmes, zu jener Gegend, die aufersteht, langsam, langsam, um dem tröstlichen Glänze zukünftiger Tage entgegenzuschreiten. Süsse Erinnerung! Was auch das Leben mit seinen nagenden Zweifeln pan Elend und Leid in sich schliesst, vergesse ich,'denk* ich jener Stunden, in denen mein Fuss zum erstenmale auf dem Boden unseres Stammlandes wandelte, des Landes unserer Vorfahren, des Landes unserer Herkunft. Peter Swansens Concert. Von Maximilian Barber (Wien). Peter Swansen war ein Name von gutem Klang. Von Zeit zu Zeit verkündeten die Litfas-Säulen der grossen Städte sein „einziges Violin-Concert". Dann pflegten die bekannten Notizen durch die Zeitungen zu laufen: „Von seiner überseeischen Tournee zurückgekehrt, wird der berühmte *) .Diese Skizze wird in der nächsten Nummer des „Echo Sioniste" erscheinen.

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