Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Neujüdische Kunst
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 24 (sequence 1)
- Language
- German
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24 Neujüdische Kunst. Von Robert JaffeV Wenn auch die grossen Künstler und Dichter nach den organischen Gesetzen ihrer doch eigentlich zufälligen Individualität schaffen und sich gewiss nicht um das, was „in der Luft liegt*, kümmern, so können doch die anderen zwanglos gewisse Strömungen feststellen, die durch das Leben der Kunst fluten und die kleinen und grossen Künstler mehr oder minder in ihrem Schaffen berühren. So mag man gegenwärtig, beim Beginne eines neuen Jahrhunderts, immer wieder beobachten, wie in allen Ländern romantische Strömungen über die bereits ganz abgelaufenen naturalistischen die Oberhand gewinnen. Ursprüngliche, allgemeine und daher volksthümliche Herzensregungen treten wieder in den Vordergrund, und ein skeptischer, sich in die tiefste wirkliche Wahrheit einbohrender, nichts beschönigender, bitterer Erkenntnisdrang wird von einer holden, eingehüllten Gebundenheit abgelöst; die Vorliebe für die starken und gesunden patriarchalischen Ursprungszeiten der Menschen wird immer mehr wachsen. Doch neben diesem gleichsam ewigen, erhabenen Sinne, in dem vor allem etwa Shakespeare als ein romantischer Dichter anzusprechen wäre, gibt es noch eine romantische Poesie, der nach Schlegels bekanntem Worte der Begriff des „ Interessanten" zukommt. An den Stämmen spriessen Sprösslinge hervor, die sich niemals zu Aesten und Zweigen und der traulichen grünen Dämmerung eines uralten Baumes auswachsen können. So haben wir die Griechenlieder Müllers, die Polenlieder Platens, und — in jüngster Zeit — die Boeren-Lieder Lienhards. Interessant sind auch nur die Gesänge, in denen Börries Freiherr von Münchhausen, ein niederdeutscher Aristokrat, aus romantischen Sehnsuchtstrieben jüdische Motive poetisch gestaltet. Aber was der junge, aus Drohobycz in Galizien gebürtige Berliner E. JVL Lilien an Buchschmuck und Illustrationen hinzugeben hat, darf eine erheblich weitere — zum aliermindesten eine historische — Bedeutung beanspruchen, da es das erste vollwertige Erzeugnis einer neujüdischen, modern-romantischen Kunst ist. Liliens Werk gewährt einen vollen Eindruck darum, weil wir von allem rein Artistischen absehen können. Das reine Technische ist mit solcher tadellosen Sicherheit bezwungen, dass es wie etwas Selbstverständliches vollkommen in den Hintergrund zurücktritt, und an einer Berliner Kunstschule durfte „Juda" schon allein wegen seiner technischen Vorzüge den Schülerinnen als Vorlage für ornamentale Zeichnungen empfohlen werden. So können wir vor diesem Kunstwerke statt zu eigentlich artistischen zu mehr literarischen Betrachtungen über den Begriff einer neujüdischen Kunst angeregt werden. Alles, was Romantik ist, hat bei der Eigenart des jüdischen Volksschicksals eine noch gefährlichere Kehrseite, als bei den anderen Völkern. Wenn ein moderner Jude sich von dem leichten Schaukelspiele eines individuellen Daseins nach der blutvollen, lebensvollen Gebundenheit eines nationalen Zusammenhanges sehnte, welche verführenden Missverständnisse waren da zu vermeiden, und wie leicht konnte sich unerträglich Reactionäres dazwischenschieben! Die Modernen unter den jungen Juden, in denen alle Blumen ihre Kelche weit aufgeschlossen hatten, konnten unmöglich zu der Gefühlsdumpfheit ihrer Altvordern zurückkehren. Sie konnten scholastische Geisteswissenschaften nicht höher als die Technik einschätzen. In der Kunst schloss die romantische Rückkehr zum jüdischen Volke nun dadurch Reactionäres in sich, dass sie eigentlich in die Ghetto-Hütten und -Gassen hineinführte. Die Ghetto- Dichtungen erregten schon rein stofflich, gleichsam in Anerkennung der Stoffwahl, Interesse, und die fürchterliche Enge ihres Horizontes wurde von dem kleinlichen Ghetto- Bewusstsein nicht einmal empfunden. Ein schon mannigfach eingeengtes und eingezwängtes Leben wurde von den Künstlern, die sich den Ghetto-Bewohnern wieder zugesellt hatten, gar noch in der Froschperspective gesehen. Wie nun die zionistische Gesinnung die volle Freiheit des modernen Europäers und die Anhänglichkeit an einen tiefen, dunklen jüdischen Seelenkreis verbindet, so vereinigt eine n e u j ü d i s c h e Kunst die Zartheit und unendliche Differenziertheit eines kosmopolitischen europäischen Lebens mit dem dunklen Blute, das durch tausend Adern von den starken, gesunden Lebensvorgängen her in das Herz eines Volkes zusammenflutet. Wenn ein ganz modern gesinnter junger Jude, der bis in die heimlichsten Wege der feinsten und differenziertesten Cultur vorgedrungen ist, auf einmal vor einem heilen, grauen Bretterzaune steht, mit der Nase auf unübersteigiiche Hindernisse der Assimilations- Conflicte stösst und nun zu den schlichten, einfachen, starken Ausgängen einer Volkscultur zurückkehrt, so bringt gerade er seinem Volke unschätzbare Bereicherungen mit. Das jüdische Volk hatte seine Nationalität, um sie nur überhaupt zu erhalten, mit tausend Umschnürungen und absonderlichen Verstümmelungen umgeben müssen, und wer sich in begreiflichem Freiheitsdrange nach menschlicher Ungebundenheit sehnte, floh von seinem Voiksthum zu allgemeinen Freiheitsbestrebungen, die anderen Völkern zugute kommen. Sobald es sich erweist, dass es möglich sei, national gesinnt, im Zusammenhange mit den lebendigen, lebenzeugenden Kräften, zu bleiben und doch auf hellen und weiten Wegen fortzuwandern, werden viele der reinsten und schönsten Volkskräfte, die so lange verkümmert bleiben mussten, nutzbar gemacht und vor irreleitenden, schmerzlichen Verwirrungen bewahrt. Der politische Zionismus, dessen Zukunft doch auf den hellen Meeresfluten liegt, vereinigt auf eine unaussprechlich herrliche Weise die Möglichkeit des weitesten und modernsten Fortschrittes mit der tiefen, zusammenhängenden Anhänglichkeit an die innersten Seelenkräfte des Volkes. Das, was wir als neujüdische Kunst angesehen wissen wollen, verbindet nun die ganze anspruchsvolle Differenziertheit des modernen Seelenblickes mit der schlichten, einheitlichen Anhänglichkeit an die alten Traditionen des jüdischen Volkes, wie es sich nun einmal entwickelt hat. Lilien hat eine auch dem verwöhntesten, rein artistischen Geschmacke genügende specifische Kunstübung: er ist einer der ersten Ex libris-Zeichner Deutschlands und einer der hervorragendsten Mitarbeiter der berühmten Münchener Wochenschrift „Die Jugend'', die auch einen ganz eigenen, beinahe übermodernen Stil geschaffen hat. Zugleich nimmt er als Vorlage für seine „Juda"-Zeichnungen Chanuka-Leuchter,Davids-Schilde und segnemiePriesterhände. Lilien hat die feinen, hellen Linien, die das moderne Auge verlangt, und all die Anmuth und Grazie, die in der Andeutung liegt, und zugleich hat er den schweren, fast gedanklichen Ernst, den der Zusammenhang mit einem schwermüthigen Volksganzen erzeugen muss. Die Parallele der neujüdischen Kunst zum politischen Zionismus ist eine ganz merkwürdig ergiebige. Auch hier wird das Neue, das Führende das das Alte Aufrüttelnde und Erlösende. Das Alte verliert sein Schwerfälliges und Reactionäres und behält nur seine herrliche Tiefe. Das Neue erhält durch die Verknüpfung mit einer soliden, bedeutenden Grundlage eine ehrfurchtgebietende, unendliche Beziehung, und alle Triebe und Kräfte eines Volkes werden zu einer unauflöslichen und starken Einheit zusammengeführt durch eine autonome, souveräne, rein künstlerische Kunst. Bei dieser hohen Bedeutung der reinen Kunst für das Volksganze liegt aber allen, die sich nach einer inneren und äusseren Erneuerung des jüdischen Volkes sehnen, die Pflicht ob, alle Keime einer neujüdischen Kunst geduldig und sorgsam zu hegen; je spärlicher diese Keime noch sind, wie Blumen im Vorfrühling, umso sorgsamer müssen sie sein. Das „Juda"-Werk Liliens dürfte in keinem zionistischen Hause fehlen. Armut. Da hub ich an zu sprechen Und habe mich selbst überwunden. Ich zeigt' ihnen meine Seele, Blutend und zerschunden. Ich zeigt' ihnen meinen Schmerz, Den ich einsam bis nun getragen; Um unsere jüdischen Brüder Begann ich zu jammern, zu klagen. Und als sie das Lied des Elends vernommen, Wurden sie alle ganz still und beklommen Und hatten ein sonderbar Erbarmen,— Sie gaben mir Geld für meine Armen. Ich schlich hinaus. In den dunkelsten Winkel Hab' ich mich weinend gestellt; Um Thränen hab' ich gebettelt — Sie hatten nichts als Geld. 'Wien, Ignaz Kohn.