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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Wie das Buch "Juda" entstand
Date
1901-04-03
Page
22 (sequence 2)
Language
German
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22 Es war auf unserem Thüringer Schlosse Windisch- Leuba. Ein helles Giebelzimmer oben neben dem Thurme war demZeiehner hergerichtet,neben seinem Zeichentische stand mein Schreibtisch. Weit offen die Fenster, Kartoffelfeuer rauchten durchs Thüringerland, und ihr Duft zog ins Zimmer. Auf den Wiesen und Feldern sangen fern die Kinder, und unten im Schilfe des Wallgraben^ spectakellen die Rohrspatzen. Im Schlosse alles ganz still, kaum dass ein Schritt die Wendeltreppe herunterhuschte und sich in dem Kreuzgange verlor, kaum dass mal verschlafen die Wetterfahnen kreischten. Und in die Arbeit hinein erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten, die eine voll von unverdientem Leid, voll von Kämpfen, die andere eine einzige grosse Erfüllung jedes Wunsches . .. Nach dem gemeinsamen Mittagstisch — Lilien war nicht nur mir, sondern auch meinen Eltern und Geschwistern ein lieber Gast — giengs dann heraus ins Land, immer mit der photographischen Camera bewaffnet. Fra, was haben wir nicht alles getypt! Das alte Schloss von allen Seiten mit allen Thürmen und Erkerchen, die Pflüger auf den Feldern und die wandernden Musikanten im engen Hofe! Und wenn wir in die Weite radelten und Du Dich über die reichen Schönheiten des gesegneten Landes begeistertest, wenn wir durch die Wälder strichen — es war eine köstliche Zeit, ein reifer, klarer Herbst voll von Fröhlichkeit und voll von künstlerischer Arbeit. So wurde Blatt für Blatt fertig. Die letzten zeichnete Lilien in Berlin, als schon die ersten gedruckt wurden. Wie aber das einzelne Gedicht entsteht, das ist schwer zu sagen, wenigstens für mich. Es ist ein Kern, eine Stimmung da, andere schiessen an wie Krystalle, einige fallen ab, eine fortwährenee Bev/egung, ein Fliessen, und auf einmal ist es eben da. Der „Simson", den ich (man verzeihe das Urtheil in eigener Sache) für meine beste Ballade halte, hat mir viele Monate Mühe gemacht. Ich wollte einmal den „Helden* nicht nur stark und edel, die „Heldin" nicht nur sinnig und minnig darstellen, wie das sonst die Ballade that. So arbeitete ich nach dem Buche der Richter die Charaktere aus; ihn, den prahlerischen, etwas eitlen Athleten, indiscret und dem Weibe gegenüber völlig machtlos.* Sie eine jener Naturen, in denen sich Sinnlichkeit und Grausamkeit seltsam mischen. Von den drei Frauengestalten in Simsons Leben — mit der eisten und dritten war er verheiratet — wählte ich die mittlere, die Dirne aus der Philisterstadt Gaza, nur so liess sich die Handlung rund schliessen, nur so eine innere Beziehung zwischen Anfang und Ende knüpfen. Als Form nahm ich die zuerst von mir gebaute Strophe, in der zwei Reime das strophische Charakteristikum bilden. Sie ist die einzige Strophe (nicht nur der deutschen Sprache), die unbeschadet ihres straffen Baues eine beliebige Ausdehnung von vier bis zu beliebig viel Zeilen zulässt. Wer ein Ohr dafür hat, dass innere und äussere Einheit (Gedanke und Strophe) sich decken, und wer da weiss, wie verschieden gross die inneren Einheiten einer Handlung (die einzelnen Handlungsmomente) sind, wird den Wert einer derartigen Strophe für das erzählende Gedicht verstehen. Im einzelnen habe ich die Ausdrucksinittel stark stilisiert, entsprechend meiner Vorliebe für pathetische, getragene Ausdrucksweise gegenüber der saloppen, unsoignierten vieler Moderner. Auch etwas wie ein Leitmotiv (des Mädchens) wird der sehr aufmerksame Leser finden und wird auch den Grund desselben in der Blindheit Simsons erkennen. Aber wie gesagt, all diese schönen Theorien legt man sich nachher zurecht, eigentlich ist alles ein instinetives Finden, Erfinden, Tasten und Probieren. Der Wunsch aber, den ich zum Schlüsse meinem Buche, wie allen meinen Büchern, mitgegeben habe, heisst: Mögen die Leser die gleiche Freude beim Lesen haben, wie ich sie im Schaffen empfand! Börries, Freiherr von Münchhausen. ^m- Verwaister Sang. Aus dem Hebräischen des Ch. N. BiaSik übersetzt von Moriz Zobel. Horch, aus den heimlichsten Tiefen der schweigsamen Waldung Stiehlt sich ans Ohr Dir verschmähter Vogelsang leise. Alle die Bangigkeit rings und die Oede des Weltraums Kündet: verfrüht ist erklungen die lenzhafte Weise. Schau, noch versinken wir knietief in eklem Moraste .. Bleigrau und lastend die iJäfolken zu Häupten uns hangen! Grimmiger Frosthauch durchfriert uns die innerste Seele, Schmutzwellen thürmen sich, reichen uns bald an die Wangen! Starr ruht die Waldung und tonlos gleich einer Verstorbnen, Gleich als hätte kein einziger Lichtblitz ins Herz sie getroffen. Barhäuptig ragen die Baumriesen, träumen ihr Ende, Wie wenn sie nimmer ein Aufersteh'n dürften erhoffen. Und auf dem Waldboden häuft sich der Moder seit Jahren ... Zahllose Herbstzeiten pflanzten hier auf ihre Zeichen: Schichten verwehter, zerzauster, zerfallender Blätter, Mulm von gealterten, wetterentwurzelten Eichen. Keime der Fäulnis — sie drücken mit wuchtiger Schwere Nieder die Knospen, die aufstreben, sich zu entfalten, Alle die Triebe, die sehnsuchtsvoll drängen zum Lichte, Aber im Dunkel ersticken, im Rauhfrost erkalten, . . Tödtlicher Rauhfrost — er nistet im Schosse des v Erdreichs, Und es vermag keine Sonnenglut ihn zu verjagen. Ach, wieviel liebliche Reiser schon sind ihm erlegen, Und wieviel würgt er noch hin, wer vermocht' es zu sagen? Schmerzhafte Blosse ringsum ... Es erschlottern die Bäume. Wettergestähltes Gewild sogar hat scheu sich verkrochen, Blinzt zum Erbarmen aus eishauehumkleidetem Buschwerk, Hinter Gestrüpp, das der knickende Nordwind zerbrochen. Schaurige Klaglieder pfeift wohl der unwirsche Sturmwind, Lieder von freudlosem Dasein, das schleppend sich windet, Gleichwie sich dehnet das Grauen der Mittnacht dem Wand'rer, Der in dem Irrsal der Wildnis den Ausweg nicht findet. Während Dich aber durchschüttert der Rauhfrost, mein Liebster, Wenn Dir entgegen da zwitschernder Vogelsang klänge, Dauerte Dich nicht der einsame Frühlingsverkünder? Tönten die Triller Dir nicht wie verwaiste Gesänge? m

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