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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 19

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Der jüdische Mai
Date
1901-04-03
Page
19 (sequence 2)
Language
German
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19 Maienlust und Maienfreude — Doch für ihn ist nichts dabei! Fremde Vögel, fremde Götter, Fremde Welt — ein fremder Mai . .. * Lacht nicht, Blumen, nur nicht spotten! Euch zu seh'n, ist Hochgenuss. Doch vieL schönere zertreten Hat einmal des Juden Fuss . . . Felder voll von Goldorangen Glänzten einst in seinem Land. Seine wunderschönen Pflanzen Pflanzte Gott mit eig'ner Hand. Fragt vom Libanon die Cedern, Sarons Myrthen allzumal! O, sie würden noch erkennen Ihren Herren von einmal. Fragt den schönen heil'gen Oelberg, Fragt den Karmel, jeden Baum, Fraget all die todte Schönheit Nach dem schönen alten Traum . . . Würz'ge Paradieseslüfte Wehten einst durchs heil'ge Land, Und in seinem heii'gen Tempel Hat sein Gott sich ihm bekannt. Tausend sel'ge Engel spielten In dem göttlichen Gezelt, Und er fühlte tausend Freuden, Freuden einer andern Welt. Dort beim schönsten Saitenspiele Sang der Jude wunderviele, Sang er wunderreiche Lieder, Wie sie nie erklingen wieder In so reinem, hellem Sange, Mit so zaubersüssem Klange — — — Ach, an stumme Weidenbäume Hängte Juda seine Träume . . . Doch vorbei sind jene Träume . . . Aber sieh, Du träumst aufs neu. Hörst Du, Jude? „Friede! Friede!"4 Ruft Dir zu ein neuer Mai. Wein' nicht! Bist noch nicht verloren, Leidensmüder Wand'rer Du, Neue Jahre, gute Jahre Winken Dir, mein Jude, zu! Hörst Du, wie's durch Wolken zieht? Zauberschöne Melodien, Süsse Engelsharmonien, Hörst Du es, das neue Lied? Wieder wird Dein Esrog grünen, Deine Myrthen werden blüh'n, Wieder wird Dein Land erwachen, Und Dein Gott, er bringt Dich hin . . . Wieder klingen Hirtenlieder, Und Dein Weinberg dehnt sieh weit, Leben wirst Du, leben wieder, Fort in alle Ewigkeit. Nach den bösen Wandertagen Wird das Leben Dir zur Lust, Unter'm stummen Berg Moria Athmet frei die Heldenbrust ... Und beschlossen sind die Leiden Und zu Ende ist die Qual, Wirst in Deinem Heim verbleiben Frei und friedlich wie einmal. Auf, betritt nur kühn die Pfadev In Dein altes Heimatland! Manch ein Feuerfunke glüht noch In der eingefallenen Wand ... Altneuland/) Roman von Theodor Herzl. Drittes Buch. Drittes Capitel. Nachdem Mendel abgegangen war, schritt David Littvvak zur Tribüne. Sein Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, als er mit klarer, weithin vernehmbarer Stimme anfieng: „Meine Freunde! Ihr werdet mich anhören. Ihr vvisst, ich bin aus Eurem Blute. Ich habe wie Ihr auf dem Felde gearbeitet, an meines Vaters Seite. Ich habe mich etwas höher hinaufgeschwungen, aber ich kenne die Schmerzen und Freuden des Landmanncs. Ich weiss, wie Euch zumuthe ist, und dennoch sage ich Euch, dass Mendel nicht recht hat. Vorerst denkt niemand daran, Euch etwas wegzunehmen, was Euch gehört. Wenn das einer versuchen wollte, wurde ich bis zu meinem letzten Athemzuge an Eurer Seite kämpfen. Nein, es handelt sich gar nicht darum, Eure guten erworbenen Rechte zu schmälern. Die Früchte Eurer Arbeit sollen Euch bleiben und werden sich mehren. Die Frage steht anders, ganz anders, als man es Euch sagte. Mendel ist guten Glaubens, aber er irrt sich. Vor allem irrt er sich darin, wenn er meint, dass alles, was wir hier sehen können, das Werk Eurer Hände ist. Eure Hände haben es gemacht, aber Eure Köpfe haben es nicht erdacht. Ihr seid zwar, gottlob! nicht so unwissend, wie es die Bauern früherer Zeiten und anderer Länder waren, aber doch kennt Ihr die Herkunft Eurer eigenen glücklicheren Verhältnisse nicht. Was ist Neudorf? Wer es zum erstenmale sieht, ohne die Geschichte der Niederlassung zu kennen, der wird sich höchstens wundern oder freuen, dass an der alten Römerstrasse nach Tiberias, im Wadi Rummäne, diese blühende Ortschaft entstanden ist. Ich bin heute mit zwei fremden Herren herausgefahren und ich war stolz, ihnen unsere Herrlichkeiten zeigen zu können, unsere Felder, auf denen jetzt die Gerste blüht, unsere Weiden und Baumschulen, unsere grünen Gärten, unsere schmucken Häuser, unsere Zuchtthiere und Maschinen, unsere Bewässerungen und unsere eroberten Moore. Ich sage „unser", obwohl mir keine Spanne Feld und kein Stück Vieh hier gehört. Alles ist Euer, aber ich fühle mich da so zuhause, dass ich „unser" sagen kann. Und wenn mich die Herren fragen, wer das alles in zwanzig kurzen Jahren hervorgezaubert hat, so werde ich ihnen genau so wie Mendel antworten: Wir, wir, wir! Ja, aber wie? Sind wir einfach hergegangen und haben mit unseren Händen gearbeitet, wie Mendel sagt? Mit unseren ungeschickten Händen, die früher so wenig die Feldarbeit gewohnt waren? Wie konnten wir solche Resultate erzielen, die man früher hier nie erzielt hat? Wenigstens hat man sie nie erzielt, bevor die deutsche i protestantischen Bauern am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hierher kamen und einzelne Colonien gründeten. Und diesen Tüchtigsten der Tüchtigen haben wir es gleichgethan, haben sie sogar überflügelt. Wie ist das zugegangen? Es ist wahr, Ihr habt gearbeitet, mit der ganzen Begeisterung, die wir Juden für unsere heilige Erde haben. Für andere war das ein unergiebiger Boden, *) Wir verdanken der Gefälligkeit des Verfassers den hier folgenden Abschnitt aus dem dritten Buche dieses Romanes, der jetzt nahezu beendet ist.

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