Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Ein jüdisches Museum
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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17 Schönheit und mit ihren Schwächen wieder aufleben zu lassen. Aus den gebrochenen Säulen, die einsam die Hochebene von Heliopolis krönen, zittert der Schönheitszauber einer um Jahrtausende entschwundenen Zeit durch unsere schönheitslüsternen Herzen. Die Auferstehung zu neuem idealen Leben ist das Museum für die alten Ueberreste vergangener Zeiten. Auch das Judenthum hat ein Alterthum gehabt, dessen Schönheit eine andere war als die des Griechenthums. Das classische Hebräerthum auf dem Boden Palästinas, das zuerst von allen Culturen der Gerechtigkeit geweiht war, hat doch nicht minder dem Geiste der Schönheit gehuldigt, wie alles Vollkräftige und Gesunde naturgemäss auch schön ist. Während aber eine reiche Arbeit, ein grenzenlos regsamer Eifer mit unendlichen Mühen und Opfern der Erforschung des Hellenismus seit Jahrhunderten in immer gesteigertem Masse zutheil wurde, blieb das freie Culturerbe Israels ein Tummelplatz kritisierender Secierer, die nicht einmal im Besitze philologischer oder gar historischer Methode waren, und die in absoluter Unkenntnis des historischen Bodens orientalischer Geschichte eine Culturgeschichte Israels construierten, wie sie wünschten, dass sie gewesen wäre. Jedes Denkmal anderer orientalischer Völker, das in seiner Entstehung zur jüdischen oder israelitischen Geschichte irgendwelche, auch nur noch so geringe Beziehungen hat, bricht breite Bresche in diese Theologen- Philologie. Man erinnere sich nur der Thontafeln über die Geschichte des Chammurapaltu und des Kudurlagamar. Wenn man aber nennenswerte jüdische oder israelitische Alterthümer aufdecken könnte, da würde bald die Wahre Wissenschaft mit klingenden Spiele die schon morsche Feste der Aftergelehrsamkeit zwingen. Der Boden Palästinas selbst war bis jetzt völlig unfruchtbar für das biblische Zeitalter, Ausser der unschätzbaren Siloah-Inschrift und dem Mescha-Stein sind bemerkenswerte Documente kaum zutage getreten. Wer aber einmal in den Katakomben Jerusalems herumgekrochen ist oder in den Grotten unter der Omar-Moschee war, oder auch das Trümmerfeld von Jabne oder Caesarea gesehen hat, wer überhaupt das Land in seiner Länge und Breite durchzogen und durchstreift hat, der weiss, dass auch in dieser Hinsicht Israels Boden nur deshalb nicht ergiebig ist. weil es an thätigen Arbeitskräften fehlt. Im Gegentheile enthält der Boden der alten Heimat Israels zu allen Perioden seiner Geschichte so zahlreiches Material, dass es beinahe gleichgiltig ist, wo man den Spaten in die Erde setzt. Da will ein Colonist auf der Dorfstrasse Bäume setzen, muss aber davon abstehen, weil wenige Fuss unter der Erde ein fester Mosaikboden die weitere Arbeit unmöglich macht Sein Nachbar versucht neben seinem Hause einen Brunnen zu graben, geräth dabei aber in die Gefahr, in die Tiefe eines ausgedehnten antiken Kellergewölbes hinabzustürzen. Der Pflug bringt aus den Furchen griechische und römische, kufische aber auch hebräische Münzen zum Vorschein, und es ist auf das tiefste bedauerlich, dass all dieses wertvolle Materiat der ernsten Forschung verloren geht, weil es im Privatbesitze bleibt. Die classischen Ruinen von Caesarea werden gar als ergiebiger Steinbruch für arabische und bosnische Neubauten benützt. Ich sah einmal auf einem Ritt zufällig einen Stein mit einer lateinischen Inschrift, der mitten durchgebrochen war. Auf dem von mir gesehenem Stück waren u. a. die Worte „Pompo L a e 1" lesbar. Ich bat, mir den Stein aufzubewahren und bot entsprechende Belohnung für die Auffindung der anderen Hälfte, da mich die Eile der Reise verhinderte, an Ort und Stelle selbst nachzuforschen. Als ich nach fünf Tagen desselbigen Weges zurückkam, hatte man auch meinen Pomponius Laelius in das Fundament eines Neubaues versenkt. Jedoch solche Vorkommnisse sind beinahe alltäglich und haben ihren Grund darin, dass die gesammte Bevölkerung wohl das grosse Schwindelgeschäft mit den Antiquat gründlich versteht, dass aber ihr jedes noch so geringe historische Empfinden abgeht. Viel Schuld ist daran der Mangel an wissenschaftlich geleitetem Schürfen im Heiligen Lande. Immerhin haben die bestehenden gelehrten (Gesellschaften, die sich dieser Arbeit widmen, schon bedeutende Verdienste erworben, allen voran „ Palestine Exploration Fund" und der „Deutsche Palästina-Verein". Mit tiefem Bedauern aber muss es uns erfüllen, dass diejenigen am wenigsten hierfür thaten und thun, deren Ehrenpflicht es wäre, gerade auf diesem Gebiete exakter Forschung die allerersten zu sein. Thutesdoch sogar die russische Nation in der „Orthodoxen Russischen Palästina-Gesellschaft" den Juden zuvor. Ja, wenn es sich um eine technische Erschliessung Palästinas handelte, könnte man es begreifen, wenn die Juden es denen überliessen, die ein vitales Interesse daran haben. Aber hier handelt es sich um keine politische, um keine Parteisache, sondern um den friedlichen Wettbewerb auf dem Felde wissenschaftlicher Ehre. Wir sollten doch wahrlich hier die ersten sein, wo wir leider die allerletzten sind. Es ist eine Ehrensache der Gesammtjudenheit, einen jüdischen Verein zur Erforschung Palästinas ins Leben zu rufen, der darum keine Concurrenz für andere Unternehmungen bildet, weil es auf diesem Gebiete im Gegentheile nur dann einen günstigen Fortgang der Arbeit gibt, weil jeder neue Arbeiter den alten neuen Arbeitsstoff zu bringen gezwungen ist. Die leitenden Kreise des„DeutschenPalästina-Vereines11 wenigstens würden gewiss die Entstehung einer jüdischen Gesellschaft zur Mitarbeit willkommen heissen und fördern. Denn ganz abgesehen von der Pflicht der Juden, an der Erforschung ihres eigenen Alterthums hervorragenden Antheil zu nehmen, ist auch ein jüdischer Palästina-Verein, der keinerlei religiöse Nebenabsichten hätte, mehr dazu geeignet, tüchtige und opferbereite Theilnehmer in allen Ländern zu gemeinsamer Thätigkeit zu verbinden, als irgend eine andersnationale Gemeinschaft. Aber auch die zahlreichen, in ganz Palästina ansässigen Juden würden erst dadurch zu gedeihlicher Mitarbeit herangezogen werden. Endlich aber würde die Entstehung eines solchen Vereines bewirken, dass die zutage geförderten U eberreste nicht mehr ins Ausland geführt und nicht mehr zerstreut würden. Denn wenn andere Völker vielleicht ein Interesse zu haben glauben können, möglichst viel in ihre eigenen Vaterländer zu schleppen, so fallt dieses Interesse bei den Juden fort und kehrt sich in das Gegentheil um. Wir dürfen versichert sein, dass die Gründung eines jüdischen wissenschaftlichen Palästina-Vereines in Jerusalem seitens Sr. Excellenz Hamdi Bey derartige Förderung erfahren wird, dass wir auch in dieser Hinsicht unbesorgt ans Werk gehen können. Freilich wird man zuerst sich damit begnügen müssen, etwaige Funde in der Bibliothek aufzustellen, bis genug beisammen ist, um ein eigenes Gebäude nothwendig zu machen. Auch wird die von dem Palästina- Verein herauszugebende Zeitschrift einstweilen noch klein und in engem Rahmen sein, aber sie wird doch von vornherein sich mit allen wissenschaftlichen Fragen 'des alten und neuen Palästina ernst befassen können. Und es wird nicht ausbleiben können, dass die gesammte wissenschaftliche Erforschung Palästinas sich einen Mittelpunkt schaffen wird in der Gründung eines jüdischen Museums zu Jerusalem. Charlottenburg. Dr. Heinrich Loewe. $ Der Auswanderer. „Mein Vater, mein Vater, o sag' mir, wohin .. . Wohin mit den Wellen so rastlos wir zieh'n? Wohin bei des Sturmes feindsergem Gebraus?" „ „---Wir wandern aus!"" „Sieh', Mütterehen schluchzet so laut und so bang . . . 0 Vater, was war's, das zu fliehen uns zwang, Zu flieh'n aus der Heimat lieb traulichem Ort?" „„----Man trieb uns fort!"" „Was thaten wir denn, mein Vater lieb, Dass aus dem Heim man uns nächtlich vertrieb? Warum stiess man hinaus uns bei Wetter und Wind?" „„---Weil wir Juden sind!'4" „So haben wir nirgends ein schützendes Dach, Das uns Juden behütet vor Ungemach? So haben wir nirgends ein Vaterland?" „»---Wir sind d'raus verbannt!"" „Und kehren wir niemals, ach, niemals zurück? Ist ewiges Wandern bloss unser Geschick? Wann endet . . . o wann! . .. uns're Leidensnacht?" „„--— Wenn das Volk erwacht...!"" Antwerpen. Heinrich Grünau.