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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Der Utopist
Date
1901-04-03
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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13 sein überlegenes Wissen, seine Gelehrsamkeit, seine Vaterlandsliebe gekleidet. Er hätte stolz auf seinen pharaonischen „Orden von der heiligen Pyramide" — gewiss hätte er ihn gehabt — hingewiesen, und mit seinem prächtigen Baryton hätte er dem jungen Moses und dessen aufwieglerischer Schar zugerufen: „Utopisten, Schwärmer, Wolkenkukuksheimer!" O, er hätte es viel schöner gesagt, denn in der Homiletik ist er zuhause, und er kann salbungsvoll, aber auch zornig sein. Und was hätte Moses, der schlichte Mann, gesagt? Er hätte, so weit ich ihn aus der Gesammtausgabe seiner Werke, den bekannten fünf Büchern, kenne, gewiss erwidert: „Nun wohl, ich bin ein Utopist, aber ich glaube an meine Utopie, ich glaube es mit allen Fibern meines Herzens; ich glaube und hoffe es, denn Gott, unser allmächtiger Herr und König, den ich im Geiste gesehen, hat es mir verheissen. Ich sehe das Leid meines Volkes und ich muss es heimführen in das Land seiner Urväter. O, ich weiss es wohl, es gibt unter Euch viele, denen es recht gut geht in Mizraim. Ihr habet Stellen bei Pharao ergattert, seid reich geworden, kleidet Euch in seidene Gewänder und füllet Eure Wohnungen mit Prunkmöbeln. Doch blicket, um Euch! Sehet, wie die grosse Masse des Volkes darbt und hungert, gepeinigt und gemartert wird von den Herren des Landes, sehet, wie sie zu Sclaven geworden sind mit sclavischem Sinne, wie die Moral und gute Sitte von ihnen geht, wie sie immer tiefer herabsinken, ohne Halt und ohne Kiaft. Sie tragen Stein auf Stein zusammen, um Pyramiden, unnütze Werke, die nur der übermüthigen Laune von Tyrannen dienen, zu erbauen. Ist das der Beruf eines begabten Volkes, der Nachkommen von Alraham, Jitzchak und Jakob? Wer ein Mann unter Euch ist, der thut mit an dem grossen Werke der Befreiung. In wem der letzte Tropfen männlichen Stolzes und edlen Selbstgefühles noch nicht vertrocknet ist, der zieht mit mir. Weit ist der Weg und er führt durch die Wüsie der Entbehrungen, aber Ihr müsset es mitmachen. Wer ans Endziel will, darf den steilen Pfad nicht scheuen. Vorwärts, aufwärts, Ihr Armen und Bedrückten. Ihr Proletarier aus Goschen, Ihr armen Soldknechte, die Ihr schlimmer daran seid, als die Thiere des Waldes, scheuet nicht die Mühe jahrelanger Eeisen. kommet mit mir! Ihr Fetten und Reichen aber, bleibet hier in Mizraim." Ein Jauchzen gieng durch die Reihen, ein Jauchzen und Jubeln, ein Singen und Klingen, als wäre es nicht am Fusse der grossen Pyramide, sondern im grossen Casinosaale in Basel . . . „So seid Ihr Zionisten, Utopisten; Ihr redet Euch in die Begeisterung hinein, träumet von Vergangenheit und Zukunft und vergesset die Gegenwart, den heutigen Tag, den harten Herrn, der gebieterisch heischt, dass wir ihm dienen und für ihn leben. Bedenket einmal: was wird das arme Volk erdulden müssen, ehe es ins Land der Verheissung gelangen wird. Es wird nicht hingelangen; denn das, was Euch der Moses da verspricht, ist eine Utopie, ein Hirngespinst. Nur bedenket: Ihr saget ja dasselbe, was die antisemitischen Mizrim — Gott verfluche sie — behaupten, dass Ihr nämlich nicht hierher, in unser Vaterland Aegypten, gehöret, sondern nach —Kanaan. Wir haben unsere Mission hier. Wir müssen die Heiden lehren. Der Antisemitismus Pharaos ist eine Tagesmode, eine Strömung, die bald vorüber ist." So ungefähr wörde Dr. Güdemann repliciert haben, selbstverständlich viel eindringlicher, logischer, scharfsinniger; und dennoch blieb Moses der Utopist, der er von allem Anfang war, der Zionist. Und wenn Moses es blieb, warum sollte ich es nicht sein? Der alte Mathatias und sein Sohn Juda waren Utopisten. Die Chaschmonaim waren eigentlich nur gewöhnliche Zionisten. Sie hielten ihre Congresse allerdings nicht in den prunkvollen Sälen der Queens Hall ab — damals führten noch keine Eisenbahnen und Schnelldampfer nach London — aber ihre Schlupfwinkel und Höhlen Kanaans waren eigentlich nichts weiter, als Zionisten- (Utopisten-) Congresse. Der alte Mathatias war freilich blos Oberrabbiner von Jerusalem und nicht von Wien, aber auch er soll ein gelehrter Mann gewesen sein, und seine Predigten würden einigermassen den G ü d e m a n n'schen standhalten können. Es war — Sie verzeihen schon, hochwürdiger Herr Doctor Güdemann — reiner Brotneid von Ihnen, wenn Sie am Chanuka-Sabbath im Seitenstetten-Tempel über ihren Collegen Mathatias mit geringschätzigem Achselzucken hinweggiengen und erklärten, dass Chanuka nur wegen des Oelkrügleins, das sieben Tage brannte, gefeiert werde. Mathatias und seine Söhne waren zwar Utopisten, aber wer entwand schliesslich den Tempel, das Allerheiligste, heidnischen Händen? Gewiss, das Krüglein hielt mit seinem Lichte so lange, bis die Befreier des Volkes wieder in Jerusalem eindrangen. Was wäre aber geschehen, wenn die Makkabaer die Heldenthaten nicht vollbracht hätten? Das Krüglein hätte am Ende weiter gebrannt, aber zu Ehren der Ptolomäer, der Heiden, der Gottes^chänder, und — ich wage den Gedanken gar nicht auszudenken — . . . Sie wären heute, statt Oberrabbiner von Wien Gross-Derwisch von Damaskus. Die Utopisten können also doch einigermassen nützen, und darum bin ich Utopist. Ich bin ein Utopist und lese die Hagada am ersten und zweiten Pessach-Abend. „Knechte waren wir in Mizraim." Dann lese ich mit stets wachsendem Eifer von den Wundern Gottes und den Thaten der Juden, die sie unter Führung des Erz-Utopisten Moses vollbringen mussten, ehe sie nach Kanaan gelangten. Still sage ich die achtzehn Segenssprüche vor mich her. Merkwürdig, was für Utopisten doch die Juden sind! Jedes Gebet beginnt mit Zion und schliesst mit Zion. Ich muss still lachen, denn da fällt mir ein, was sich wohl der fromme Dr. Güdemann dabei denkt, wenn er mit der von einem Oberrabbiner zu erwartenden Innigkeit im Seitenstetten-Tempel diese Zionsgebete täglich wiederholt. „Utopisten"! brummt er gewiss in den Bart. Dasselbe dsnkt er sich sicherlich, wenn er die Hagada liest, immer rascher und rascher . . Leschono haboh bijeruscholajim. Das muss entschieden ein Druckfehler sein, denkt der Oberrabbi schon ganz schlaftrunken und legt mit einem Seufzer der Erleichterung die Hagada aus der Hand. Die Knödel her und den vollen Fleischtopf! . . . Passah. Dem Maler E. M. Lilien zu eigen. Siehe, es neigt sich auf die Welt Die Nacht mit sternbesäeten Schleiern, Die dunkle, stille Frühlingsnacht, In der wir wieder Passah feiern. Wir feiern es in diesem Jahr Zum letztenmal im fremden Land, Denn aus dem Ghetto führt uns heim Der alte Gott mit starker Hand. 0 Rabbi! Unser Sehnsuchtsschrei Fand endlich Gnade vor dem Herrn; Es leuchtet uns ins Vaterland In junger Pracht der Zionsstem! Noch liegt vor uns ein trübes Jahr, Denn unser Weg ist rauh und weit, Und unser Fuss wird müde sein Und unser Herz voll Traurigkeit. Es werden uns der Dornen mehr Als Rosen an dem Wege steh n; Wir aber werden Hand in Hand Mit hohem Muth dem Stern nachgeh n. — Und, Rabbi — dann kommt eine Nacht, Die heilen wird all uns're Wunden; Das gnadenreiche Passahfest, Wenn wir uns endlich heimgefunden. Wir können erst im Vaterland Den Kelch des höchsten Glückes trinken; Wir werden uns in jener Nacht Beseligt in die Arme sinken . ♦ . Der Heimat Palmen rauschen leis', Und über uns strahlt hell und fern Im dunkelblauen Himmelsmeer Der Zionsstern. Berlin. Dolorosa.

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