Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Wie bekämpfen wir den Antisemitismus?
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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8' Zionismus lehrt: Beugt Euch nicht, kriecht nicht, es nützt Euch nichts. Stellt Euch auf Eure eigenen Füsse' und heget das Bewusstsein in Euch, dass Ihr Euer Volksthum zu vertreten habet. . . Der zionistische Gedanke hat darum eine solche werbende Kraft und darum in so kurzer Zeit eine geradezu weltumspannende Bedeutung gewonnen, weil, abgesehen von den einzelnen Momenten, in seiner Lehre etwas steckt, was allgemein-menschlich, bezwingend ist, was an die Herzen rührt und in die Tiefen der menschlichen Seele greift. Der Zionismus ist die Religion der Armen und Unterdrückten, die Religion derer, die da mühselig sind und beladen und die durch das irdische Jammerthal wandern, wie durch ein Thal von Blut und Thränen ... Denn das ist der grosse Fehler, in den die Gegner des Judenthums verfallen, die Liberalen und ein grosser Theil der Juden selbst, dass sie das Judenthum beurtheilen nach seinen Spitzen, die in der Gesellschaft auftauchen, und dass sie die grossen unglücklichen Volksmassen nicht sehen. Den Juden bei uns in den Städten Ist ja unter Umständen zu helfen. Und wenn ihnen nicht im grossen zu helfen ist, so können sie sich doch im kleinen Erleichterung schaffen. Wenn man aber ins Auge fasst, wie die überwiegende Mehrheit der Juden lebt, wenn man sich vorstellt, welch ein ungeheures Elend da durch die Welt geht, da muss man sagen : Schon das ist ein wahrer Segen, dass durch den Zionismus diesen Menschen wenigstens die Hoffnung gegeben worden ist. . . Denn wenn wir zusammenfassen, was den Inhalt eines Lebens ausmacht, wenn wir fragen, was hatten diese Menschen Köstliches in ihrem Leben, so können wir Bände um Bände durchstudieren und alle Seiten der Geschichte umblättern, wir werden doch nichts Köstlicheres finden als die Hoffnung. Selbst wenn sie getrogen hat, so war sie doch das Schönste, das Lebengebende im Dasein. Und dieser Ruhm, den Armen eine Hoffnung gegeben zu haben, das ist der Ruhm der Zionisten, ihr unvergängliches Verdienst . . . ♦ . . Ja, darf man aber Hoffnungen ins Blaue hinein erwecken, die „nicht verwirklicht" werden können? Ich muss Ihnen sagen, meine verehrten Anwesenden, ich habe den Respect verloren vor den Unmöglichkeiten. Wer vor wenigen Jahren noch behauptet hätte, dass sich jenen anderen „Utopisten", denen der Friedens-Idee, der mächtigste Autokrat der Welt zugesellen werde, den hätte man in ein Narrenhaus gesteckt. . . Ich kann es darum durchaus nicht als „Utopie" ansehen, und glaube sogar, dass eine türkische Regierung sich einmal sagen wird: Ja, da haben wir es mit einer vernünftigen und nützlichen Bewegung zu thun. Und darum, glaube ich, ist es kein Spiel, das man mit den Massen treibt, indem man ihnen die Hoffnung des Zionismus gibt. Und, wie sagt doch das Dichterwort: „In grossen Dingen genügt es auch, gewollt zu haben . . Es ist die Aufgabe der jetzigen jüdischen Generation, für die Idee des Zionismus einzutreten und ihr zum Durchbruche zu verhelfen mit all ihrer Kraft. Ich aber habe die feste Zuversicht, der Zionismus lasse sich verwirklichen. Und er wird zum Segen und zu einem Acte der Menschlichkeit werden. Und er wird die Juden herausführen aus diesem Thale von Blut und Thränen, von Schande und Entwürdigung. Märchen von einem Stein. Es liegt ein kleiner, schwerer Stein In jedes Juden Seele drein, Der drückt ihm schier das Herze ab Und führt die Freude früh ins Grab. — Will uns der Sturm zu Boden wehn, Er hält uns, dass wir aufrecht steh n. Lockt uns ein Traum in die Wolkenbahn, Er drückt uns fest an die Erde an! — Und dieser Stein, der so viel Leid Uns bringt und so viel Trotzigkeit, Mit so viel Kräften wunderbar, Liegt in uns mehr als tausend Jahr: Seit jener schwarzen Schreckensnacht, Da uns're Thränen aufgewacht, Und uns von aller Heimathab* Nur blieb ein dorn'ger Wanderstab. Als, trotz'ger Feinde letztes Ziel, Der Salomstempel sank, da fiel Vom sinkenden Tempel ein kleiner Stein In jedes Juden Seele hinein. Der drückt uns scbier das Herze ab Und führt die Freude früh ins Grab. — Doch wenn einst der Tempelgrund erbebt Von Frühlingswindeshauch' umschwebt, Und uns des Ewigen Flammenhand, Hinführt ins harrende Heimatland, Dann lassen die Steine die Trauerstatt, Die sie so lang geborgen hat. Und unter erwachtem Palmensang Und Lautenspiel und GithiLliklang Fügt sich nun Leidensstein an Stein Zum neuen Zionstempel ein. — Berlin. T h e o d o r Z1 o c i s t i. W€ Lessen Ury. Von Martin Bub er.*) I. Das stärkste Zeugnis des Lebens ist das Schaffen und die unmittelbarste Form des Schaffens ist die Kunst. Darum fragen wir, die wir das Leben des jüdischen Volkes verkünden, nach der Möglichkeit einer jüdischen Kunst. Ist heute eine jüdische Kunst möglich? Darauf gibt es nur eine Antwort, eine klare und harte: Nein. Eine nationale Kunst braucht einen Erdboden, aus dem sie herauswächst, und einen Himmel, dem sie entgegenblühi. Wir Juden von heute haben keines von beiden. Wir sind die Sclaven vieler Erden, und zu verschiedenen Himmeln fliegen unsere Gedanken auf. Im tiefsten Seelengrunde aber haben wir keine Erde und keinen Himmel. Wir haben kein Volksland, das unsere Hoffnungen im Schosse trüge und dem Schreiten unserer Füsse Festigkeit verliehe, und wir haben keine Volkssonne, die unsere Saaten segnete und unseren Tag vergoldete. Eine nationale Kunst braucht eine einheitliche Menschengemeinschaft, aus der sie stammt und für die sie da ist.. Wir aber haben nur Stücke einer Gemeinschaft, und leise erst regt es sich in den Theilen, zu einem Leibe zu weden. Ohne diese natürlichen Voraussetzungen aber kann eine nationale Kunst — dies muss immer wieder gesagt werden — nicht entstehen, sie kann nfölit gemacht werden. Sie ist auch kein Treibhausgewächs, sondern fjin gesundes saftreiches Pflanzenleb en in freier heimatlicher Luft. Es können für sie keine künstlichen Bedingungen geschaffen werden; sie muss werden und wachsen mit der fortschreitenden Wiedergeburt. Die Frage der äusseren Bedingungen, der einen Erde und der einen Gemeinschaft, muss aus dem Kreise dieser Betrachtungen ausscheiden. Aber um zu wissen, ob eine jüdische Kunst überhaupt möglich ist, müssen wir auch die Frage auf werfen und zu beantworten suchen. Es steht nämlich fest, dass unser Volk zu keiner Zeit eine wahre nationale Bildkunst besessen hat. Hat nun die geschichtliche Entwicklung die Fähigkeit zur Kunst im Geheimen geweckt und vorbereitet? Eine tiefere wissenschaftliche Erörterung dieser Frage, so weit eine solche möglich ist, müs^te dem Gange der Jahrhunderte nachspüren. Ich möchte einen anderen einfacheren Weg vorschlagen. Fassen wir unsere Frage so : Sind heute jüdische Künstler, — d. h. Künstler, die in ihrem Wesen und ihren Werken jüdische Stammesart kundgeben — möglich? Können wir s;e bejahen, so ist damit auch die innere Möglichkeit einer jüdischen Kunst bejaht. Denn dass ein nationaler Künstler entstehe, dazu wirken zumeist zwei Elemente zusammen, eine nationale Vererbungslinie und ein nationales Milieu; das erste zeitlich, nicht erlebt, sondern unbewusst mitgebracht, das zweite mehr räumlich und (bis zu einem gewissen Grade bewusst) erlebt. Da nun, wie wir gesehen haben, zu einem nationalen Milieu im heutigen Judenthum günstigsten Falles nur das Material und der Anfang einer Neugestaltung gegeben ist, müsste heute ein jüdischer Künstler sein nationales Wesen hauptsächlich aus den durch Vererbung empfangenen Eigenschaften schöpfen. Dadurch aber wäre bewiesen, dass im jüdischen Stamme die Fähigkeit zur Kunst wie ein Feuer *) Aus „Ost und West" im Einverständnisse mit dem Verfasser.