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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Unser Freiheitsfest
Date
1901-04-03
Page
6 (sequence 1)
Language
German
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6 Unker Freiheitsfest. Ein lauer Frühlingsabend schwebte durch die Strassen, und ein Hauch davon verirrte sich auch tief in die dumpfen Gassen des Ghetto, wo kein Garten und kein Grün, kein Hoffen und kein starkes Wollen ist. nur in den jüngeren Gemüthern erzittert es leise. Aber das Gefühl des erwachenden Frühlings wich bald der intensiveren Festesstimmung, man sammelte sich in der leuchtenden Stube, die in sich eine Welt abzuschliessen schien. Es war einer jener Momente;,>j an denen auch der niedrigst stehende Jude mit einer psychologisch fast übernatürlichen Raschheit aus den erniedrigendsten Lebenskämpfen in die erhabensten Seelenregungen flüchtete. Der Bettler ward zum Prinzen. Nirgends prägte sich der im alten Judenthum herrschende Contrast zwischen Wochen- und Festtag stärker und naiver als in der Frage Mah-nischtaneh. Es erwachte der jährlich wiederkehrende Zauber, aufrollten sich uralte Erinnerungen eines Volkes, Erinnerungen aus einer vollsändig unbekannten Urzeit, ein versteinertes Volk ward wieder lebendig, lebendig in jedem Einzelnen. * Dieses Volk war das erste, das sich aus so tiefem Drucke selbst befreite, das erste, das nicht durch bloss passive Entwicklung, sondern eigentlich durch sich selbst und seine geistige Kraft zum Volke wurde, das der ganzen, Jahrtausende späteren Culturwelt, seine sittlichen Grundzüge aufprägte. Und von diesem Volke erzählten sich seine eigenen Ueberreste bunte Geschichten. Wahrheit und Dichtung, Geschichten von kindlicher Einfalt und blutigem Ernste, ein Gewebe von Ehemals und Heute, die sich nicht sondern Hessen, ein Gewebe von Andacht und Gemüthlichkeit, von Trauer und Hoffnung. Am nächsten Morgen las man eines der grössten lyrischen Geständnisse, die jemals ein Volk hervorgebracht, das „Lied der Lieder", das ewige Buch von der Liebe und dem Frühling der Natur und der Menschenherzen. Während es die Alten lasen, hüpfte wohl plötzlich ein Sonnenstrahl durch das aumpfe Zimmer oder durch den engen Betraum, spielte an den schmutziggrauen Säulen entlang und ärgerte die aufgeschrecktenLeser. Sie kannten keinen Zusammenhang zwischen Büchern und Natur, zwischen ihrer entschwundenen Grösse und ihrer gegenwärtigen Kläglichkeit. Das Freiheitsfest war ihnen Erinnerung an eine Befreiung, während sie selbst in Knechtschaft schmachteten, es erregte ihnen mehr die Empfindung des noch fortdauernden Druckes, als der Möglichkeit einer neuen Erlösung. Erst für uns Zionisten gewinnt das Fest eine neue Bedeutung, die wir die in der Hagada stets betonte Identität des Schicksals mit unseren Ahnen nicht nur auf die Knechtschaft, sondern auch auf die Befreiung beziehen. Der wahre Inhalt des Befreiungsgedankens iLusste aber immer denen fremd bleiben, die ihn nicht in seiner gegenwärtigen Gestalt erfassen konnten, und diejenigen können ian nicht richtig realisieren, die nicht den Muth haben, geradeaus in die Zukunft zu blicken und nicht erst durch die Vergangenheit hindurch. „Wer zu viel nach rückwärts denkt," sagt Nietzsche, „der glaubt auch nach rückwärts"; die Vergangenheit belehre uns nur über unseren lebendigen Zusammenhang mit der Zukunft. * Wie die Hagada in Bezug auf das Verhältnis zum jüdischen Gesetze jene vier Männchen als Typen aufstellt, die schon jedem Kinde aus den Illustrationen wohl vertraut sind, so gibt es in Bezug auf die Auffassung des jüdischen Freiheitsgedankens verschiedene Typen, nicht gerechnet alle jene, die entweder aus versteinerten Gewohnheiten oder aus moderner Indolenz die grossen Fragen gar nicht sehen oder nicht sehen wollen. Im ganzen war ja seit den letzten Jahrhunderten ein Theil der Judenheit immer ein fortschrittliches, nach Befreiung drängendes Element der menschlichen Gesellschaft, darin sind Feinde und Freunde mit uns selbst einig. Aber wir müssen einmal näher zusehen, was man eigentlich in den verschiedenen Zeiten und Richtungen unter dieser Freiheit verstand. Hat ja seit dem 18. Jahrhundert kein Wort so sehr wie dieses Begeisterung und grosse Thaten und Bewegungen angefeuert, wuiVe ja auch kein Wort so sehr wie dieses missbraucht. Als die Fesseln des Mittelalters nach und nach sprangen, als man den Völkerfrühling gekommen glaubte, das Judenthum nur wie eine „grosse Brüderkrankheit" hinter sich liegen sah, da dachte man, dass die Unterschiede zwischen den Völkern nach und nach verschwinden würden, man erblickte hierin das Ideal der Humanität und achtete der Selbsttäuschung nicht, die darin lag, dass man sich diesem Ideal am besten und würdigsten nähern zu können glaubte, wenn man die eigene Nationalität wie ein Gewand abstreifte. Man vergass ganz, dass es im Grunde leichter sei, für eine ganze Menschheit in unbestimmter Weise zu wirken, als für das1 eigene Volk in seiner bestimmter Entwicklung, und hielt, was, zumal bei einem unterdrückten Volke, zumeist nur Bequemlichkeit war, noch obendrein für ein erhabenes Opfer. Rousseau sagt in classischer Weise: „Der kosmopolitische Philanthrop liebt die Menschen nur deshalb so weit in der Ferne, um der Nächstenliebe überhoben zu sein." So kam die Zeit, in der man nicht mehr die menschheitliche, sondern nur noch die ganz persönliche Befreiung schätzte, in der man der Bequemlichkeit eventuell das Heiligste opferte, in der, ohne dass man es sich eingestand, Befreiung des Judenthums fast identisch wurde mit Befreiung vom Judenthum un i das Festhalten an dem Judenthum hauptsächlich auf Familienpietät beruhte. Und am Ende dieser Epoche, die mit dem der Menschheit dargebrachten Opfer des eigenen Volksthums begonnen hatte, stehen die hässlichen Auswüchse unseres heutigen Assimilantenthums. Wir aber suchen unsere Freiheit nicht in einer Entäusserung, sondern in einer Verinnerlichung unser . selbst, nur auf diesem Wrege. können Hr unsere Widersprüche lösen und die tausend quälenden Fragen, wenn auch nicht beantworten, so doch überwinden. Mit klaren Augen betrachten wir unsere Geschichte und legen ihre Lehren mit „einfachem Wortsinne" aus, wie die Talmudisten sagten. Während heutzutage viele Leute die Judenfrage gerne zerstückeln und auf diese Art als Judenfrage wegleugnen möchten, erkennen wir all die traurigen Erscheinungen des heutigen Judenthums als ein Uebel, das nur als ein. Ganzes beseitigt werden kann. * Es gibt Leute, halb krankhafte Naturen, in denen der anbrechende Frühling unangenehme Empfindungen hervorruft, sei es infolge von Schwäche und Unfähigkeit, die starken freudigen Eindrücke in sich zu verarbeiten, sei es aus einem halb physischen Mangel an Muth zur Lebensfreude; so stehen aus ererbter Muthlosigkeit noch viele dem freudigen Zukunftsstreben ferne. Ihnen gilt es, unseren Muth und Glauben zu bringen! Wien. Ernst Müller. Moses. Ein junger Jude, hager die Glieder, Und hochgewachsen in blühender Schöne, Sah leiden die armen geknechteten Brüder: Knechte-Väter und Knechte-Söhne. Ich will Euch befrei'n. Es gilt eine That. Da sass er mit Vätern und Söhnen zu Rath. Er sprach, dass ihre Wangen brannten Und ihre Herzen höher schlugen. Väter und Söhne ihn nicht verstanden, Ob sie auch Sehnsucht im Herzen trugen, Der Vater ein Knecht und der Sohn ein Knecht, Noch war nicht geboren das dritte Geschlecht. * Ein greiser Jude, hager die Glieder, Doch ungebeugt in blühender Schöne, Und um ihn standen die jungen Bruder Und sahen hinab die Bergeslehne. Da lag ein sonnig goldenes Land Und silbern des Jordans Schlängelband. Der Führer hatte die Augen voll Thränen : Jetzt darf ich mich ruhig schlafen legen. Ich lebte noch mit den Sieger-Söhnen Und gab ihnen scheidend den Reife-Segen, Denn mit mir stirbt der letzte Knecht. . Glück auf den Weg — Du drittes Geschlecht! Komotau. Max Fleischer.

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