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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Israel am Meere
Date
1901-04-03
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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o sind wir gar nicht der schuldige Theil. Wir müssen uns mit der Welt zu verständigen, müssen uns den Völkern, unter denen wir leben, anzupassen und anzugliedern suchen* Müssen ganz so werden, wie sie; nichts darf uns mehr von ihnen unterscheiden. Vor allem muss alles jüdisch-nationale Empfinden und Bewusstsein abgethan, verpönt und unterdrückt werden. Wir sind keine Nation, sondern nur noch eine Glaubensgemeinschaft. Wenn heute Moscheh-Rabbenu aus dem Grabe aufstünde, wenn dieser grosse Meister und Heldenführer seines Volkes solchen Parteiungen und ihren wenig stichhältigen Redereien begegnete — er würde sie heute ganz gewiss ebenso abfertigen, wie dazumal. Er würde aber äüch die heutigen Zeitverhältnisse in Betracht ziehen, die von den damaligen grundwesentlich verschieden sind. Moscheh hatte zu seiner Zeit es mit einem Volke zu thun, das sich eben erst von einem anderen Volke losgelöst hatte und noch in den Kinderschuhen sich befand. Dieses Volk war noch gar nicht zum Bewusstsein seiner selbst gekommen. — Es feierte ja eben erst pein erstes Pessach-Fest, das will sagen, seinen ersteig Geburtstag. Seitdem aber hat unser Volk dieses Fest schon vieltausendmal gefeiert, hat eine lange und ereignisreiche Geschichte hinter sich. Die Erfahrung all dieser Zeiten darf nicht verloren gehen. Heutzutage würde die erste Mahnung und Zurechtweisung unseres grossen Volksbefreiers und Volksbildners lauten: Gedenke, wer Du bist und was Du bist und gewesen bist! Hat nicht Gott selbst beim Auszuge aus Aegypten zu Dir gesprochen: „Und ich habe Dich genommen mir zum VolkeÄ? Habe ich nicht später Dir ausdrücklich eingeschärft: „An diesem Tage bist Du zum Volke geworden vor dem Ewigen, Deinem Gott?" Lautet nicht die Deinem ersten Erzvater gewordene Verheissung: „Und ich will Dich machen zu einer grossen Nation, will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein. Durch Dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter des Erdbodens P" Sind nicht diese Verheissungen auf das herrlichste und vollkommenste in Erfüllung gegangen? Welches Volk hätte der Welt so viel Heil und Segen gebracht als das israelitische? Und auch die andere Verheissung; „Und ich will Dich machen zu einer grossen Nation", ist zur Wahrheit geworden. Israel ist, was seine Einzelglieder betrifft, vielleicht eine der grössten Nationalitäten der Welt. Alle die übrigen Nationalitäten haben sich in grossen Staatencomplexen und Sprachgebieten zusammengefunden. Wieviele Nationalitäten ein solches Staatsganzes umfasst, und wie gross die Zahl der Einzelglieder einer jeden dieser Nationalitäten sein mag, das lässt sich gar nicht mehr ermitteln. Niemand kann mit Bestimmtheit zum Israeliten sagen: Meine Nationalität ist zahlreicher als die Deinige. Wir aber wissen es, dass unsere Nation eine zahlreiche ist; der Nichtisraelit kann das nicht von sich sagen, denn er hat dafür kein Kennzeichen. Keine Nation der Welt hat sich so rein erhalten wie die israelitische. Das Pessach-Fest nun ist das G e b u r t s f e s t der jüdischen Nation und ist darum für die Zionisten von ganz besonderer Bedeutung. Der jüdische Nationalgeist hat das von jeher richtig erfasst und hat die jüdischen Nationalfeste mit dieser Thatsache in Beziehung gebracht und in allen seinen Segenssprüchen und Festgebeten die Feiertage bezeichnet als eingesetzt „zum Andenken an den Auszug aus Mizrajim". Selbst das erste und Hauptgebot des jüdischen Glaubens, der Glaube an den einig-einzigen Gott hat keine bessere Begrüdung finden können, als diese : „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der Dich aus Aegypten herausgeführt hat/ Das will bedeuten, der Du als die Nationalität erwählt und berufen bist, der Träger dieses Gottesglaubens zu werden. So tritt überall im ganzen Judenthum das Nationale als Untergrund des Religiösen zutage. Der Zionismus hat das begriffen, er hat die jüdische Nation aus ihrem Schlummer erweckt, hat sie wieder zum Bewusstsein ihrer selbst gebracht und erstrebt die Erlösung und Befreiung unseres Volkes, wie damals, als an diesen Pessach-Tagen die Kinder Israels aus Aegypten zogen. Wird das aber auch gelingen? Ja, es wird gelingen, es muss gelingen, wenn das eine nur zuwege kommt — der nationale Entschluss. Vor dem nationalen Entschlüsse, wie er im Sinne und Geiste des Zionismus der Erlösung und Befreiung unseres Volkes zustrebt, müssen alle gegnerischen Parteiungen, Meinungen und Neigungen verstummen und zurücktreten. Und vor der Unwiderstehlichkeit dieses allgemeinen Volkswillens müssen, wie verheissen, alle Meere sich spalten, alle Berge und Hügel sich ebnen, alle Pforten sich erschliessen, und es wird vollbracht werden das grosse Werk der Erlösung, der dritten und letzten, und das „Pessach-Mizrajim" wird umgewandelt werden zum „Pessach - Doroth", zur Erlösungsfeier für alle Zeiten und Geschlechter. % Judenlieder*-) Von Adolph Donath. VIL Mutter betet in der Kammer, Wenn die graue, nimmersatte Sorge durch die lichtermatte Sabbathruhe irrt und jagt. Und der Vater schlingt die Hände. Die vom Dienste wundgerieben Und doch arbeitsstark geblieben, Träumend um des Kindes Hals. Und als sei das Glück gekommen, Beten alle drei im Chore, Während man vielleicht beim Thore Draussen ihre Armut höhnt . . . VIII. Ich bin ein Jude! Stark und frei Ertönt des Volkes Jubelschrei Und dröhnt durch alle Welten: Wir wollen, wenn der Hass auch stürmt Und Fluch auf Flüche weiterthürmt, Mit Liebe nur vergelten. Denn um zu rächen, sind wir blind, Weil Menschen wir und Juden sind Und stolz auf Geist und Seele. Das sind die Waffen uns'rer Macht! Uud rast der Tod in Tag und Nacht, Uns bleiben: Geist und Seele. *) Aus einem demnächst erscheinenden Buche: „Liebe". Neue Gedichte. (Fortsetzung der „Judenlieder" Adolph Donaths, die wir bisher nach ihrer Reihenfolge in der „Welt" zum ersten Abdrucke brachten.)

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