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Die Welt · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Article
Zuhause [Rezension]
Date
1901-03-29
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Sejte 12 „Die O Welt*' Nr. 13 Neulich wurde im. Wiener Josefstälter Theater „Zuhause", ein Einacter von Georg Hirschfeld, gegeben. Er ist anspruchsloser als seine anderen Studie 3 ,.D i e Mütter'^ „Agnes J o r d a n", aber gewisse Momente bewirken hier eine viel intensivere Wirkung des speeifisch jüdischen Milieus, mit dem sich H i r s c h fe 1 d gewöhnlich beschäftigt. Nicht als ob in den anderen Stücken Hirschfelds das Jüdische mehr im Hintergrunde oder unwesentlich wäre. Ganz im Gegentheil scheint H i r s c h f e 1 d mit sehr viel Beständigkeit und Liebe überall einem ernsten Problem näherkommen zu wollen, welches die heutige jüdische Gesellschaft zum Gegenstande hat. Aber in den grossen (Wiener) Theatern, wo Hirschf e 1 d bisher aufgeführt wurde, liebt man nicht jüdisches Milieu, und mit Ausnahme gewisser, auf Heiterkeitseifolge berechneter Stellen verwischten offenbar mehr oder weniger geschickte Hände das Jüdische in diesen Stücken bis zur unanstössigsten Unkenntlichkeit. Da dies bei dem vorhin genannten Stücke und auf der Josefstädter Bühne nicht der Fall war, lohnt es sich hier wohl, darüber einiges zu sprechen. Seinerzeit wurde einigemale in diesen Blättern von dem polnischen Schriftsteller W. F e 1 d m a n n gesprochen. Dieser hat manches mit H i r s c h f e 1 d gemein : Die Wärme, die dramatische Kraft, mit der er dasselbe Sujet behandelt. Aber Hirschfeld ist moderner, differenzierter. Im selben Verhältnisse, als Beilin moderner, differenzierter ist als Lemberg. Der Act ..Zuhause44 führt uns in das Heim eines jener kleinen Verdiener aus unserem Mittelstande, wie wir sie zahllos im Leben herumstreifen sehen. Sie haben keinen ausgesprochenen Beruf. Der „Verdiener" vertritt bald die, bald jene Gesellschaft, schaffe sich Verbindungen, übernimmt Commissionen, Vermittlungen, kurz, ist den ganzen Tag auf den Beinen nach jedem anständigen, seinen bescheidenen Fähigkeiten entsprechenden Verdienst. Politisch und religiös ist er indifferent, stets versorgt und vergrämt und nachlässig gekleidet, ein einziges Ziel vor Augen : seine Familie. Und wie sieht diese Familie aus? Das ist eben der Kernpunkt der ungewöhnlich concentrierten Handlung des Stückes. * Es ist nicht mehr die alte jüdische Familie, diese Hochburg, von der es heisst, dass die Juden alles, was ihnen noch das grausame Schicksal an ethischen Gütern gelassen, in ihren Schoss gerettet haben. Dieser rocher de bronce taucht tief in die ätzende Säure der Assimilation mit fremden Culturen und wird von ihr langsam, aber sicher zerfressen. Es mag ja wahr sein, dass mit anderen ethischen Werten auch die Ehe und die mit ihr in Zusammenhang stehende Familie eine Umwertung erfahren muss. Aber nicht Fäulnis mag das Schicksal dieser Institution sein, der besonders die Juden so viel Schönes und Gutes, rührend Gutes zu verdanken haben . . . Dieses Berliner Heim aber, in das uns H i r s c h f e 1 d führt, ist verseucht durch und durch. Die Dame des Hauses ■ erpresst ihrem Manne für die unsinnigsten Dinge das schwer erworbene Geld. Gesellschaften, Toiletten, Schmuck, das Taschengeld, das sie dem verlotterten Jüngsten zusteckt, die Schulden, die sie überall conträniert — für alles muss der Aermste aufkommen, ohne dafür den geringsten Genuss zu haben : ja nicht einmal Dank und Anerkennung findet er, nicht einmal Verständnis für seine Mühe und seine Liebe. Sein Vaterherz. ist durch ein schweres Unglück tief getroffen. Sein Töchterchen ist krank und nach dem Urtheii der Aerzte wird es zeitlebens lahm sein. Er pflegt und wartet es mit rührender Zärtlichkeit. Aber nie trifft er an diesem trostlosen Bettchen mit seiner Gattin zusammen. Diese schämt sich des kranken Kindes. Sie trachtet es zu vergessen, indem sie sich in den Strudel des Gesellschaftslebons und von Genuss zu Genuss stürzt. Sie hat auch einen — einen Freund. So einen Horm, der sie „versteht. , ." Unser Hausherr ist kein Cavalier. Er gibt dem Kerl, der bei ihm im Hause herumschmarotzt4, nicht die Hundspeitsche und schlägt sich nicht mit ihm. Aber tiefer, unauslöschlicher und ohnmächtiger Hass gräbt sich in die Brust des Unglücklichen. Er hasst sie alle, diese fremde Frau, das Talmi-Gigerl, seinen Jüngsten, dessen höchstes Ziel das Einjährigen-Examen ist. Und sie hassen ihn, den schäbigen Juden. So wüthet Hass und Verachtung in diesem Hause. Scenen unbeschreiblicher Tragik. Während im Nebenzimmer lustige Gesellschaft spielt und lacht, stehen sich Eltern und Sohn hasserfülltgegenüber,undhässliche Worte sprudeln aus den zusammengepressten Lippen .... In dieses Heim kehrt der älteste Sohn von seinen Studien zurück. Er hat seinen Doctor gemacht und will sich nun zu einem tüchtigen Arzte heranbilden. Aber dieses Vorhaben stösst auf Widerstand bei Frau Mama. Sie will, dass der Jung»1, den sie nicht sonderlich liebt, gleich mit dem Verdienen beginne. Das Studium hat so viel gekostet, das Corps, in das er, allerdings auf ihren speciellen Wunsch, eingetreten ist u. s. w. Er erklärt sich schliesslich bereit dazu, nachdem er den ersten Blick in die traurigen Verhältnisse des Hauses gethan, des alten Vaters Hilflosigkeit, den kalten herzlosen Egoismus der Mutter und die Nichtsnutzigkeit des Herrn Bruders erkannt hatte. Er ist jung und stark. Er will seiner geliebten Wissenschaft das schwere Opfer bringen und für diese Leute schuften, schon um seines geliebten Vaters und des kranken Schwesterchens willen. Aber dann erfährt er noch des Hauses Schande, das Verhältnis seiner Mutter. Da bäumt sich in ihm der alte Couleurstudent auf. In diesem Hause ist kein Weilen für ihn. Fort! Er muss ihn verachten, seinen alten Vater, den er so liebt. Das Los vieler jungen Juden, dass sie verachten müssen,, was sie lieben. Und er kämpft einen kurzen Kampf in sich, in dem das Lebensgefühl, die Jugend, die Gesundheit, die er draussen in der freien Universitätsluft eingeathmet, siegen. Er kehrt seinem Vaterhause resolut den Rücken und geht in das Leben hinaus, mit einer tiefen Wunde im Herzen, aber bereit, zu kämpfen, entschlossen, sich einen Platz zu erobern an den Tischen des Glückes, wie sie, die anderen . . . Und der alte gebrochene Jude sieht seine letzte Hoffnung schwinden ... Es mag Härte und robuster Egoismus in dieser That liegen, aber es war der einzige Ausweg für den Jungen. Er müsste sonst zugrunde gehen im Sumpfe. Es ist die jüdische Jugend, die da bei Hirschfeld kampfbereit ins Leben hinausschreitet, die schmerzlichen und dunklen Schlachtfelder hinter sich lassend. Sie wird bald erkennen, wie sie ihr Judenthum aufzufassen, wo sie es zu suchen und wohin sie es zu steuern hat. Denn sie ist tüchtig und ehrlich genug, um einzusehen, dass sie jüdisch ist und bleiben muss, wenn sie nicht unecht, entwurzelt, ein würdeloses Spiel des Zufalls werden will. Und dabei hat diese Jugend bei Hirsch f e 1 d wohl auch scharfe Augen, um zu sehen, dass die Hässlichkeit, der sie eben den Rücken gewandt, keineswegs das Judenthum war, sondern die Fratze des Judenthums, sein Zerrbild im Spiegel der Assimilation. Diese"* entartete mondaine Frau wurde nicht jüdisch erzogen — sondern im „Sacre coeur\ Das muss der Jugend zu denken geben. Und einer dieser Gedanken, der letzte, wird der Zionismus sein. Dieser erscheint mir als die organische Consequenz des Stückes, wiewohl oder vielleicht gerade weil Hirschfeld sie unausgesprochen lässt, ja sogar wahrscheinlich an sie nicht gedacht hat. Es war einmal ein Fischer, der auf Weisslinge die Netze auswarf, und als er sie wieder anzog, in den Maschen den verschollenen reichen Königsschatz fand. Maximilian ß a r b e r.

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