Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Article
- Rede des Fräulein Rosa Kollmann anlässlich der Debatte über "Agitation"
- Date
- 1901-03-29
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 13 „Die i& Welt*6 Seite 11 Rede des Fräulein Rosa Kollmann anlässlich der Debatte Uber „Agitation". V erehrte Anwesende! Als Delegierte der „Moria" — ein literarischer Geselligkeits-Verein jüdischer Mädchen — erlaube ich mir zu dem Punkte „Agitation" das Wort zu ergreifen. Ich bitte im voraus um Entschuldigung, wenn ich mit meiner Ansicht der Allgemeinheit widerspreche; aber schon fin alles Dichleiwort eagt uns: „Durch Widerspruch klären sich die Geister." Der Verein „Moria" ist neben der „Kadirnah" der älteste jüdischnationale Verein in Wien. Unsere Erfahrungen datieren also nicht von gestern und ehegestern, sondern wir haben sie im Laufe von zehn Jahren gesammelt. Unser Arbeitsprogramm lässt sich in zwei Tlieile gliedern. Durch den ersten Theil, die literarischen Nachmittage, wirken wir auf unsere Mädchen, durch den zweiten Theil, unsere Unterhaltungsabende, auf die ausserhalb unseres Vereines Stehenden, auf die Eltern, Freunde und die Bekannten unserer Mitglieder. Die literarischen Nechmittage haben den Zweck, durch tüchtige, gediegene Vorträge aus jüdischer Geschichte und Literatur den Geist unserer Mitglieder mit Kenntnissen zu bereichern und ihnen echt jüdische Grundsätze einzuprägen. Jüdisches Wissen, jüdisches Können, Denken und Fühlen suchen wir ihnen zu vermitteln. Der zweite Theil unseres Programmes — unsere Unterhaltungsabende — haben einzig und allein agitatorische Bedeutung. Sie werden aber nur veranstaltet, um altnationale Feste — wie Makkabäer- und Purim-Fest es sind — würdig zu feiern. Wer nur einmal bei uns an der Feier eines solchen Festes theilgenommen hat — und wie ich mit Vergnügen bemerke, befinden sich auch unter den verehrten Anwesenden viele, die uns die Ehre erwiesen haben — wird mir zugeben, dass diese Feste nicht nur von wahrhaft jüdischem Empfinden zeugten; sondern'dass sie auch von rein zionistischem Geiste durchtränkt waren. Gäste, die nur ihrer Confession nach zu den unseren zählten, wurden durch den Geist der Ueberzeugung, der diese Feste kennzeichnet, wieder zum wahren Judenthum zurückgeführt, sogar für «Jen Zionismus gewonnen. Ja selbst Christen, aber nicht Paradegojim, sondern solche, die dadurch, dass wir ihrer Hilfe bedurften, an unserem Feste theilnehmen mussten, wurden nicht nur wahrhafte Philosemiten, sondern sogar Förderer unserer Bestrebungen. Der Ausspruch eines solchen : „Ich fühlte mich wie in einem Heiligthum" wird mir immer in Erinnerung bleiben. Was aber den Bestand unseres Vereines sichert, ist, dass wir fast nach jedem Unterhaltungsabende — abgesehen vom Reinerträgnisse., das wir jüdisch-humanitären Zwecken zuführen — ein paar neue Mitglieder gewinnen. Freilich dürfen w|r da nicht immer sagen, wir sind ein zionistischer Mädchen verein, sondern, nach der Jeindenz des Vereines befragt, müssen wir uns als einen ^literarischen Geselligkeifes - Verein jüdischer Mädohen" bekennen. Denn der Papa erlaubt wohl, einem jüdischen Mädchenyereine beizutreten, nicht aber einem zionistischen. Und sehen Sie, meine Damen und Herren, gerade um solche Sifädchen ist es uns vorzüglich zu thun. Denn Mädchen, die von Haus aus zionistisch sind, Mgwerden auch ohne unser Zuthun zionistisch bleiben. Pfesen ergeht es wohl wie jenem Matrosen, der mir einmal zur Antwort gab: „Wer einmal Salzwasser geschluckt hat, Ich glaube, wer sich einmal mit dieser hohen Idee. ^',j^i9"^ylfy.^l^fZionismus bezeichnen, vertraut gemacht hat, i-r>wardi^Wohl zeitlebens treu bleiben. Also, Zionistinnen zionistisch zu erhalten, ist kein Verdienst, Nichtzionistinnen oder gar Antizionistinnen zum Zionismus zu bekehren — das erscheint uns ein Verdienst, eine Aufgabe, des Lohnes wert. Und diese Aufgabe, meine Verehrten, diese hohe Aufgabe hat sich der Verein „Moria" gestellt. Die Mädchen kommen fast entjudet in unseren Verein; sie werden durch unsere Vorträge für das Judenthum gewonnen, durch den zionistischen Geist aber, der darinnen herrscht, und der sich immer und immer wieder Bahn bricht, nach und nach auch zum Zionismus bekehrt. Indem wir also unmittelbar auf unsere neuen Mitglieder und Gäste, mittelbar aber auf deren Eltern und Freunde wirken, sie von der Richtigkeit unserer Ansichten zu überzeugen suchen, wird nothwendig unser Ziel mit dem ihren eins. Sie werden anfangs unbewussterweise, später aber mit Bewusstsein und Einsicht an unserem Baue mitarbeiten. Kleine Theile müssen sich also zu kleinen Ganzen fügen, und diese werden sich, einer fortwirkend segensreichen Kraft zufolge, zum grossen Ganzen zusammenschliessen. (Stürmischer Beifall.) Zuhause. (Drama in einem Act von Georg Hirschfeld.) Ich hatte bereits einmal Gelegenheit, an dieser Stelle auf eine aufblühende eigenartige Kunst hinzuweisen. Es handelt sich um die literarische Verwertung des modernen jüdischen Menschen. Diese Kunst hat nichts gemein mit der alten Ghettogeschichte, noch ist sie beeinflusst von irgendeiner Tendenz. Die Ghettogeschichte hat sich überlebt. Wohl besteht noch viel, sehr viel vom Ghetto, aber seine Romantik, sein Humor sind längst geschwunden, und mit ihnen ist die Quelle jener Judengeschichten aus der guten alten Zeit versiegt. Bei allem Festhalten an der Erkenntnis von der unverwüstlichen Eigenart unserer Rasse müssen wir doch zugeben, dass die neue Zeit auch in unseren Reihen vielfach neue Typen geprägt, neue Verhältnisse geschaffen hat. . Und diese sind so interessant, dass sie förmlich nach literarischer Behandlung rufen. Mit dem groben Mittel der Tendenz lässt sich dies allerdings nicht erreichen. Um irgendeiner Fiction, irgendeines allgemeinen Satzes willen, wenn er auch richtig ist, Handlungen und Menschen zu erfinden ohne sich weiter um die Wirklichkeit zu kümmern, mag zwar in manchen Fällen herzlich gut gemeint sein, ist aber in allen Fällen unkünstlerisch. Das Leben ist zu souverän und übrigens auch viel zu unruhig, > um in irgendeiner künstlerischen Attitüde Modell zustehen. Trotzdem ist das Tendenziöse bei den Juden selbst sehr beliebt. Das ist etwas für Verfolgte und unglückliche Menschen Charakteristisches. Das ist die Psychologie der bekritzelten Gefängniswände, des überlauten Schreiens ungerecht Beschuldigter. Dass diese Art zurückgeht und ganz deutlich eiirer neuen, stillen und vornehmen Kunst Platz macht, nehme ich als ein gutes Zeichen für. unsere Zukunft. Literatur ist ein feines, äusserst empfindliches Ding. Wie bei einer Art Barometer lassen sich an ihr stets noch in weiter Ferne liegende culturelle Erscheinungen und Ereignisse voraus- bestimmen. Und wir Zionisten, die doch mehr oder weniger nach der Zukunft gravitieren, haben alle Ursache, hier zu spähen und zu prüfen. Vielleicht sehen wir in der Strömung irgend etwas treiben, ein grünendes Holz, wie es der wankelmüthigen Mannschaft des Messer Christoph Columbus frischen Muth und unzweifelhafte Hoffnung auf nahes Land ^gegebßn i^t.