Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Article
- Organisation
- Date
- 1901-03-29
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 .„Die & Welt'6 Seite 9 Man kann aus diesen Gründen sagen, dass die Organisation der Bewegung auf der Agitation, auf der richtigen Propaganda beruht. Es wurden centralisierte Reichs- und Landesverbände mit Ortsgruppen zur Organisation der Bewegung geschaffen. Ein Ergebnis der Structur der Vereine ist die Registrierung ihrer Mitgiitder, die vonnutzen sein mag, weil man dieselben für den Fall ausserordentlicher Forderungen in Evidenz halten kann. Eigentlich hat die Registrierung nur die Bedeutung eines technischen Behelfs für das Gedächtnis der Vereinsleitung. Eine Pression auf Widerspenstige, eine geforderte Leistung zu erfüllen, zu der sie nicht verpflichtet sind, kann höchstens bei einem kleinen Vereine ausgeübt werden, der dann schon mehr „Clique*-Charakter hat. Je grösser der Umfang eines Vereines ist. desto schwieriger ist es, die Mitglieder in Evidenz zu halten. Sobald das Wachsthum des Vereines seinen Gipfelpunkt erreicht und der Verein die gesammte Judenschafi des Bezirkes aufsaugt — jeder Verein hat doch die Tendenz, sich zu erweitern — hat auch die Registrierung ihre Bedeutung verloren, weil es einen Unterschied zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern nicht mehr gibt. Wenn die Vereine ausser der Werbung von Mitgliedern als Mitkämpfer der zionistischen Bewegung und ihrer Registrierung keine anderen Functionen hätten, so wäre ihre Mission erfüllt. Da es aber heisst: „Wir Zionisten sollen uns (in Vereinen) organisieren", so muss das erst recht wahr sein, wenn wir in der grösstmöglichen Menge beisammen sind. Die Organisationsform, in der wir uns aber dann befanden, wäre die der Partei — im socialen Sinne des Wortes. Die Parteiform ist aber eine revolutionäre, eine Angriffe-Organisation, zu der uns Juden das Object fehlt. Die Grundlagen zionistischer Organisation bilden nationale Institutionen und die systematische Propaganda in der durch die Verhältnisse gebotenen Form. Um auf den allgemeinen jüdischen Arbeiterverein zurückzukommen : Da sich die Eignung einer Form für die Propaganda nur nach den Erfolgen beurtheilen lässt, so wird man diese abwarten müssen, bevor man über die Zweckmässigkeit urtheileu kann. Im vorhinein glaube ich aber sagen zu können, dass nur eine solche Form Erfolge aufweisen wird, die durch die Vortheile, die sie bietet, ihre Mitglieder festhalten kann. Es bleibt jedoch ernsilich zu erwägen, ob e!n Verein, der sich als „Gewerkschaft14 constüuiert, der eine Concurrenz mit den neutralen Gewerkschaften unter so ungleichen Bedingungen aufnimmt, dass er jedenfalls den Kürzeren ziehen wird, der einen Vergleich mit ihnen ganz ohne Notli provociert, auf Erfolge rechnen kann. Wenn die Socialdemokraten sich bestreben, alle Juden, die nur überhaupt in ihren Bereich kommen, von der Mitarbeit bei der Lösung unserer nationalen Frage fernzuhalten, so müssen die Zionisten begreifen, dass ihre Sache die bessere ist, nicht aber die gute Sache durch eine verfehlte Form der Propaganda gefährden. Jüdische Coloniatbank. Wie wir vernehmen, wird das Directorium der Jüdischen Golonialbank an alle mit der Zahlung ihrer . Raten im Rückstände belindlichen Subscribenten ein . persönliches Ultimatum richten des Inhaltes, dass der Originai-Prospect der Gesellschaft, sowie das von jedem Actionär gezeichnete Zeichnungs-Formular die Zeitpunkte und sonstigen Bedingungen enthielten, zu welchen die Theilzahlungen der von jedem gezeichneten Actien hätten-? geleistet werden sollen. Diese Bestimmungen sind in den von dem Directorium hierzu beauftragten Zeitungen an verschiedenen Daten kundgemacht wo den. Da nun diese Actionäre auch nach dem 31. Deceinbcr 1900 als letztem Termin ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind, fordert das Directorium diese Actionäre auf, ihre rückständigen Zahlungen endgiltig am 31. Mai bei den respectiven und auf der Rückseite des persönlichen Ultimatums angeführten Zahlstellen zu leisten. Sollten dieselben dieser Aufforderung in der bestimmten Zeit nicht nachkommen, so werden die Aclien der Verwirkung ausgesetzt sein. Ausserdem hätte die Bank das Recht, diese Actionäre für die Bezahlung der Rückstände sammt hierauf entfallenden Zinsen und sonstigen Spesen laut § 44 der Statuten gerichtlich zu verfolgen. Dieses persönliche Ultimatum, das also als letzte Aufforderung zu betrachten ist, wird jedem mit seinen Zahlungen im Rückstände befindlichen Actionär zugestellt werden. Eine Section für jüdische Kunst und Wissenschaft. In Nr 11 der „Welt" wurde in dem Berichte „Die Berliner Zionisten" eine „Section für Kunst und Wissenschaft des Judenthums* erwähnt. Ich möchte zunächst den Namen richtigstellen. Dieser ist nämlich im vorliegenden Falle nicht Schall und Rauch, sondern etwas durchaus Wesentliches. Eine Kunst des Judenthums kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, und mit der ehrwürdigen „Wissenschaft des Judenthums" haben wir es in unserer Section auch nicht zu thun. Jüdische Kunst, das ist lebendige Kunst eines lebendigen Volkes. Jüdische Wissenschaft, das ist Wissens haft eines Volksleben-, Beide Worte aber bedeuten in unserer Section, dass s;e eine weitere und tiefere Auffassung des Zionismus pflegen will: ah einer Bewegung unserer Volksseele zum Schaffen, und als einer Bewegung von Ideen, die Wiiklichkeit werden wollen. Unsere Section i?i sozusagen reichsunmittelbar; sie hält sich nkht au die Partei, sondern an die grosse Bewegung, die um die gleichsam festgewoi dene Partei und über sie hinaus flute!. Darum galten die bisherigen Veranstaltungen Männern, die gewöhnlich als ausserhalb der „Partei" stehend angesehen werden: Mathias Acher, Achad Haam. Der nächste Abend (Montag 25. im „Münchner Huf"4) soll Max Nord aus „Aufgaben des Zionismus" und eine Discussion über die Probleme unserer Gegenwartsarbeit bringen. Atelierbesuehc und Kunstdemonstrationen, sowie weitere Vorträge, werden folgen. Unsere Section beschrankt tich auf einen kleinen Kreis, ab<r gerade das lässt uns eine fortschreitende Erhöhung des Discussionsniveaus und Veredlung des Discussioristones erhoffen. Gelegentlich mehr über die Notwendigkeit solcher Institutionen. M. B. Deutsche Chronik. Köln. Auch in Köln beginnt in letzter Zeit ein regeres jüdisches Leben. An Anlässen hierzu fehlt es leider nicht. Die Dehatten im preussischen Abgeordnetenhause und das Verhalten des Kölner Gemeindevorstandes hierzu riefen vielfach Unmuth und Entrüstung hervor, und so fand das Vorgehen der „Zionistischen Vereinigung* gegen diese würdelose Resolution des Vorstandes in weiten Kreisen Billigung. Gestern fand nun wieder eine Versammlung der hiesigen zionistischen Ortsgruppe statt, zu welcher circa 400 Personen erschienen waren und in der Herr Doctor Alexander Marmorek aus Paris die Hauptrede hielt. „Zionismus und westeurop ä i s c h e C u 11 u r" lautete das Thema. Redner wies darauf Inn, dass d<*r