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Die Welt · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Article
Die zwölf Brüder
Date
1901-03-22
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr: 12 hören bekam. Es war fast dieselbe Leidensgeschichte, wie die des Bruders aus dem Osten. Auch er musste schwer arbeiteu. Für jeden Fehler, der in der Wirtschaft begangen wurd1e.1 wurde er verantwortlich gemacht; stets war er es, der allfes büssen musste. Und dabei drohte ihm der Herr beständig, dass er ihn davonjagen werde, ihn, der zum Wohlstände des Hauses so viel beigetragen hat! — Und wohin sollte er sich denn jetzt wenden in seinen alten Tagen? Tieftraurig reiste nun der jüngste Bruder westwärt-, um den dritten Bruder aufzusuchen. Von diesem bekam pr nun zu hören, dass er sich zwar durch unermüdlichen Fleiss und durch Begabung zum Theilhaber der Wirtschaft emporgeschwungen habe, allein sein ehemaliger Herr könne es nicht vergessen und verwinden, dass er sein Knecht gewesen ... Er lasse ihn dies auch bei jeder Uelegei.heit deutlich fühlen. Und all die tausend Nadelstiche, die er ihm bei jeder Gelegenheit versetze — die empfinde er fast noch schmerzlicher, als die Stockhiebe, mit denen er früher bedacht worden war. Und dann das Gerede der Leute! . . . Arbeite er massig, so sei er faul. Arbeite er schwer, so sei er habsüchtig. Gehe er einfach einher, so sei er ein Geizhals. Trage er sich vornehm, so sei er ein Protz. Kurz, wie immer er auch handeln möge, stets haben alle etwas zu tadeln. Der jüngste Bruder reiste nun zu den anderen Brüdern, die zerstreut in verschiedenen Gegenden lebten. Aber bei jedem von ihnen bekam er die gleiche Geschichte zuhören. Und jeder von den Brüdern weinte bitterlich, als er geendigt hatte.---------------- Da sagte sich nun der Jüngste : Das darf nicht so weiter gehen! Und er berief alle Brüder auf einen bestimmten Tag, um zu beschliessen, was zu geschehen habe. Und als sie erschienen waren, sprach er zu ihnen: „Brüder, viele, viele Jahre arbeitet Ihr schon und plaget Euch — und was habt Ihr erreicht? — Jung und kräftig wäret Ihr, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt — und grau und gebrechlich seid Ihr geworden in fremden Diensten. Mir geht es ja auch nicht gut, aber wahrlich, als ich die, meisten von Euch sah, ei schrak ich. „Sind das meine Brüder?" fragte ich mich. In meiner Erinnerung lebtet Ihr als frische, kraftvolle Männer, und hinfällige Greise, die Schatten Eurer selbst — so fand ich Euch. Kummer and Sorge, die vielen Demüthigungen, die Ihr erlitten, die haben Euch so verändert — nicht die Zeit! Soll dies auch ferner so bleiben? Sollen wir noch länger uns für Fremde plagen, um nur Undank zu ernten? Müssen wir denn nicht so völlig zugrunde gehen? Und glaubet nur ja nicht, dass es später besser -werden wird! ... Nun, ich will Euch was sagen . . . Einige Tagreisen von hier liegt unsere Heimat, jener liebe, kleine Ort. wo unser Vater, unsere Mutter begraben sinti, wo das Haus steht, in dem unsere Eltern gewohnt haben, wo die Felder und Weingärten sind, die einst uns gehörten. Lasset uns unsere Ersparnisse zusammenthun und die alte Wirtschaft unserer Eltern wieder erwerben! Mit Lust und Liebe werden wir dort arbeiten, wo jedes Plätzchen mit unserer Erinnerung verknüpft ist. Und wenn wir uns nur das trockene Brot erarbeiten werden, so werden wir doch als freie Männer leben. Aber wahrlich, wir werden nicht mit blossem Brot vorlieb nehmen müssen, denn fett sind die Felder unserer Heimat, und üppig ihre Gärten —- sie müssen nur gepflegt werden." Und während er redete, erstrahlte sein Antlitz und seine Stimme tönte ehern. Die Brüder merkten, dass aus ihm eine gewaltige Ueberzeugung und ein unbeugsamer Wille sprach. Aber die meisten von ihnen blickten theilnahmslos drein, und nur der aus dem Osten und der aus dorn Norden fielen ihm um den Hals und weinten Thränen der Freude. „Es wäre ja recht schön und gut," meinten die anderen, „aber . . . und sie erhoben allerhand Einwendungen. Ais der Jüngste sie also sprechen hörte, da füllte sein Her/ sich mit Kummer, denn er nahm wahr, dass sie keinen Muth mehr hatten. Die lange Knechtschaft hatte ihnen die Kraft des Willens geraubt. Aber dennoch wandte er sich noch einmal an sie: „Brüder, seid doch nicht so kieinmüthig, raffet Euch auf, helfet wenigstens, diese zwei unglücklichen Brüder in unsere Heimat bringen! Eine Stätte soll dort erstehen für jeden von Euch, in die Ihr Euch flüchten könnet in Zeiten der Bedrängnis. Seid doch nicht zweifelsüchtig! Die Glut unseres Eifers wird alle Hindernisse hinwegschmelzcn. Brüder, seid doch wieder Männer. Es ist unser nicht würdig, zu jammern, kämpfen wollen wir!" Aber sie blieben kalt. — Tirauri&J ndto'^dß 'Abschied von ihnen1,0 und dann wandte er 'ßlcfe r a n f'die ^Brüder vom Osten uW Norden : „Und helfen die anderen Euch nicht," sagte er, „so will ich allein Euch in die alte Heimat führen. Nicht grau und bresthaft, sondern verjüngt und gekräftigt durch die Macht der Liebe und des heiligen Willens." Und als die Brüder halb lächelnd, halb bewundernd den dreien nachblickten, wandte der Jüngste sich noch einmal an sie und rief ihnen zu: „Wenn auch nicht Ihr — Eure Kinder und Enkel kommen uns schon nach! .. Lieder eines Juden.*) Von Theodor Zlocisti. I. Sehnsucht. Heil'ge, tiefe, friedenreiche, Biütenduft'ge Träumenacht!.. Die vom kalten Tag umschnürte Sehnsucht hat sich frei gemacht. Alle Sorgen, alle Bangheit, Die der Tag ins Herz mir schreit, Scheucht mir meine naehtgebor'ne Sehnsucht tausend Meilen weit Pocht mir an die Brust mit leisem Märchenzartem Finger an: Nie gekannte Lebensquellen Haben sich mir aufgethän .. # II. Sonnenkinder. Aus allen giftgen Blumen Sog ich nur Honigseim. In allen Sturmeswettern Ahnt' ich den Sonnenschein. Und was ich als Jude gelitten In stummer, verkrampfter Noth: Ich sah drin um heimische Fluren Leuchtendes Morgenroth .. Die Uhr. Nach dem Polnischen der Elise Orszeszke, deutsch von Flora La ndesber ger. (Fortsetzung) Der „gnädige" Herr aber antwortete nichts, er schritt zur Wand, an der die tickenden Uhren hiengen, und blieb vor der einen, die eben „Kuckuk" gerufen hatte, stehen. b_ Woher hast Du diese Uhr? Sie ist antik!..... ein eigentümliches Zifferblatt!..... Woher hast Du sie? Wem gehört sie?;< Wie von einer Feder bewegt, schnellte der Jude in die Höhe, mit zwei Schritten stand er vor dem hohen Ebenholzkästchen, in demjiie Kuckuk-Uhr steckte ... „Wem die Uhr gehört? Wem soll sie denn gehören? Mir! Wie der Sohn dem Vater, der Freund dem Freunde, so gehört sie mir! Euer Gnaden haben geglaubt, dass die Uhr bei mir in der Reparatur ist? Dass bald jemand kommen wird, um sie abzuholen? Aj, aj, wer mir f die Uhr wegnehmen wollte, den möcht' ich mit dem Stock empfangen, ich möcht' so einen Lärm schlagen, dass mir alle Leute zuhilfe kommen müssten, denn die Uhr gehört mir ..." Er stiess die Worte heftig, in grosser Erregung und doch lächelnd hervor, plötzlich aber schwieg er und betrachtete seinen Gast, der sich gar nicht um ihn kümmerte; und mit erhobenem Haupte und halboffenem Munde die . Uhr ansah ... *) Aus „Ost und West".

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