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Die Welt · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Article
Aus der öffentlichen Plenarversammlung des Cultusvorstandes vom 17. März 1901
Date
1901-03-22
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 „Die Welt06 Seite 7 Interessengenossen gewählt zu werden, so wollen sie auf die Th ei In ahme an den Gemeinde-Angelegenheiten überhaupt v e rz i c h ten.;jn6ben deshalb haben sicdos^ofe^ des Rednei?sp;ptfor der Schaffung der> treWiHtoiar* um die Führung der Gemeinde-Angelegenheiten nicht gekümmert. Dadurch haben sie sich den Vorwurf der Indoienzzugezogen. In Wahrheit sei aber diese Passivität keine Folge der Indolenz, sondern bloss ein Geb o t der S e 1 b s t a c h t u n g (!) gewesen. Den besten Beweis hierfür liefere die Thatsache, dass seit der Einführung des neuen Wahlstatutes die Höchstbesteuerten und deren Vertreter für alle Angelegenheilen der Gemeinde das wärmste Interesse an den Tag legen. Redner gesteht-, dass der Antrag des Cultusvorstehers Ge witsch auf Einführung einer Curie der Unbesteuerten von einem gewissen doctrinären Standpunkte aus bestechend sei. Vom Standpunkte der praktischen Interessen imdfaetischen Zustände der Gemeinde aber sei dieser Antrag absolut zu verwerfen. Die Leute, die keine Cultusstouer bezahlen, hätten kein Interesse für das Judenthum und die Gemeinde. Redner sei selbst für die Einführung der facultativen FürfguIden-Steuer gewesen. Und als diese thatsächlich eingeführt wurde, habe nur ein einziger Mann diese Steuer entrichiet. Solche Element© verdienen es nicht nur nicht, zu einflussreichen Factoren erhoben zu werden, sondern dürfen nach der Ueberzeugung des Redners überhaupt keinen Factor abgeben. Denn was wäre die Folge, wenn wir eine Curie der Unbesteuerten einführen wollten? Fs kämen junge, unerfahrene Leute in den Cuitusvorstand, denen es an Reife des Ürtheils gebricht; bemooste Häupter, Studenten, die ihre Examina nicht bestan len haben — oder wenn es auch ältere Leute wären, so beweise doch schon der Umstand, dass sie nicht in der Lage sind, Cultussteuer zu bezahlen, zur Genüge, dass diese Leute Schiffbruch im Leben gelitten haben, dass sie nicht imstande waren, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen. Wie also sollten derartige Elemente imstande sein, die Interessen der Gemeinde wahrzunehmen?... . Man habe ja bei den jüngsten Wahlen gesehen, wie sich schon die Wähler der allgemeinen Curie von Schlagworten haben bethören lassen. Redner wolle den neuen Collegen dieser Curie nicht nahetreten. Diese seien ihres Amtes gewiss würdig und von den besten Intentionen beseelt. Wenn aber alle 36 Vorsteher von der allgemeinen Curie gewählt oder gar eine Curie der Unbesteuerten geschaffen würde, so könnten leicht Leute in den Vorstand gelangen, die entweder noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu wahren. Und das müsse im Interesse des Judenthums und der Gemeinde vermieden werden .... Dieses Bekenntnis einer schönen grosscapitalistischen Seele bedarf weiter keiner Erklärung. Es spricht ganze Wahlprogramme. Wenn die Curie der Höchst besteuerten durch das Machtgebot der Wiener jüdischer Bevölkerung abgeschafft werden wird — und das wird früher oder später, aber unausbleiblich geschehen —, so wird sich Herr von Taussig auch ein bescheidenes Verdienst daran zuschreiben können: durch die Aufschlüsse, die seine Rede über den Zweck und Nutzen dieser Privilegierten-Curie geboten hat. Der kleine jüdische Mann wird sich die Lection, die ihm Herr v. Taussig ertheilt hat, hoffentlich gut einprägen. Nach der Rede des Herrn v. Taussig spielte sich noch eine interessante Scene ab. Herr Dr. Spitzer beantragte nämlich, über die Anträge E 11 b o g e n und Gewitsch nicht abzustimmen, sondern zur Tagesordnung überzugehen. Der Präsident bemerkte hierzu mit Recht, dass dies nicht angehe, da auf der Tagesordnung eben die Aenderung der Statuten stehe. Aber der Präsident denkt und Herr von Taussig lenkt. Er meinte, es komme bei der Abstimmung bloss darauf an, dass der Wille der Versammlung klar zum Ausdrucke komme. Und so wurde denn „zur Tagesordnung übergegangenu und vom Präsidententische aus verkündet, dass „s o m it" die Anträge Eltbogen und Gewitsch abgelehnt erscheinen .... Man konnte in diesem Augenblicke wahrlich nicht wissen, wer eigentlich die Versammlung leitete: Herr Dr. K o h n. der den V o r si t z, odier Herr v. T a u s s ig, der das grosse Wort führte . . * M. Z. Deutsche Chronik. Köln. (Z i o n i s t i s c h e Propaganda.) Dem Vortrage Edelsteins 'in Barmen ist ein Vortrag Bodenheimers in Elberfeld gefolgt. Die Versammlung war recht stürmisch, trotzdem ist der Erfolg, die Gründung einer neuen Ortsgruppe „Elberfeld -Barme n", nicht ausgeblieben. Falls unsere neuen Freunde im Wupperthale intensiv weiterarbeiten, was wir sicher annehmen dürfen, werden weitere erfreuliche Fortschritte nicht ausbleiben. M a r m o r e k - P a r i s, dessen zugesagter Bonner Vortragleider?us localen Gründen eine kurze Zeit hinausgeschoben werden musste, hat dafür in der Kölner Vereinigung vor überaus zahlreich besuchter Versammlung 'mit >cöJnem Referate über „Zionismus und westeuro ]> ä fcasfrh e C u 1 t u r" einen durchschlagenden Erfolg erzielt. Die Discussio^, an der von unserer Seite unsere Freunde Wolffs o h n, ßodenheimer, Klee u. a. theilnahmen, war recht angeregt und bedeutete ebenfalls fiir uns einen seltenen Erfolg. Der Abend brachte uns über fünfzig neue Mitglieder, erfreulicherweise aus Kreisen, die unserer Sache bisher ferne, ja feindlich gegenüber standen. Neuerdings zeigt sich auch in Duisburg Interesse für unsere Sache: wir kommen langsam, aber stetig überall weiter. K. Elberfeld. Nachdem hier durch die am 25. Februar 1JMM stattgefundene Versammlung der Boden für den Zionismus gewonnen wurde, meldete eine grosse Anzahl von Mitgliedern ihren Beitritt zur „Zionistischen Vereinigung fiir Deutschland" an. Jüngst constituierte sich ein Verein mit dem Namen Zionistische Ortsgruppe „lvria". In der nun stattgehabten General-Versammlung wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Max Goldreich (Elberfeld), I. Vorsitzender; J. Weile ersheimer (Barmen), II. Vorsitzender; S. G o e t z e (Elberfeld), Cassier : E. E h r 1 i c h (Schwelm), L Schriftführer; N. Mehl (Elberfeld), IL Schriftführer. Es ist die be<te Hoffnung vorhanden, dass der junge Verein ein starkes Glied in der Kette des deutschen Zionismus bilden wird. . * Berlin. Am 3. d. M. hat in Berlin wieder eine Vertreter- Versammlung zur Berathung der Judentagsidee stattgefunden. Die Zionisten blieben ausgeschlossen, und niemand fand diesmal zu Erregung Anlass. Die Berliner Gemeinde sandte überhaupt keinen Vertreter, und die 17 erschienenen „Nolabeln" fassten — natürlich unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, wie es sich für Würdenträger geziemt — den erschütternden Entschluss, noch eine neue Versammlung zu berufen, um über die jedermann interessierende Frage einmal im aller engste n Kreise zu berathen. Dann beschäftigte man sich mit Ausschliessungen, zunächst natürlich der Zionisten, dann liess man die Geschichtsvereine streichen und viele andere. Sollte wirklich eine Vertretung von Vereinen im Herbste zustandekönrhien — was ausgeschlossen erscheint — so bleibt sie ein Torso, der für niemand mehr ein Interesse bietet. Das ist das vorläufige Ende des schönen Gedankens, den auf der Besprechung nur noch Dr. A p p e 1-Karlsruhe, Justizrath Breslaue r- Berlin und der Vertreter des Centraivereins befürworteten. Wenn die Herren sich einbilden sollten, den Gedanken endgiltig besiegt zu haben, so werden sie freilich eine böse Enttäuschung erleben. So lange wir in der Gefechtslinie stehen, wird die Idee nicht wieder aus der Debatte verschwinden, und schlimmstenfalls werden die Wählermassen bei den Repräsentantenwahlen ihren Willen durchzusetzen wissen. * Berlin ist gegenwärtig das Endziel zahlreicher Familien, die aus der Umgegend von Könitz vor der Bevölkerung flüchten. In Westpreussen greift Ahasver wieder zum Waiiderstabe und sucht eine neue Zufluchtsstätte für sein müdes Haupt. In K onit z, Tuchel, Waldenburg u. s. w., herrscht eine verzweifelte Stimmung unter den Juden, deren Existenzmöglichkeit völlig untergraben ist. Glücklicherweise hat der alte Wphlthätigkeitssinh der Berliner Judenschaft dafür gesorgt, dass. diesen Aermsten, wenigstens vorläufig, materielles Elend erspart bleibt. Aber die Erregung der Bevölkerung im Osten wächst, und der , Zustand blinder Massensuggestion wird noch manche Thräne erpressen.______ ^' Koliner Brief. Ein' treffendes Beispiel für. den durch nichts mehr aufzuhaltenden Siegeszug des Zionismus bildet unser:Gemeinwesen, i ■ ■ '■' >

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