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Die Welt · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Article
Jüdische Pflegerinnen-Schulen
Date
1901-03-22
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 „Die 2$ Welt" Seite 3 hygiene schon in der Heiligen Schrift beigemessen wird, an und kam im Verlaufe ihrer Erörterungen auf Deutschland zu sprechen, wo sich das Institut gebildeter Krankenpflegerinnen glänzend bewährt und bereits vollkommen eingebürgert häfc-Die Vortragende gab die1, AfärW^ngy auch bei uns etwas Aehnliches zu schaffen, und besprach die Mittel und Wege, wie auch bei uns der Beruf der Krankenpflege auf ein höheres Niveau gehoben werden könne, wie auch bei uns Mädchen und Frauen der gebildeten Stände veranlasst werden könnten, sich diesem Berufe zu widmen. Die Vortragende beleuchtete ihr Thema vornehmlich vom Standpunkte der öffentlichen Wohlfahrt, für die es von eminentestem sowohl praktischem als auch idealem Werte ist, wenn die sociale Hilfsthätigkeit im weitesten Sinne, also die Fürsorge für Kranke, Sieche, Arme, überhaupt für alle Hilfsbedürftigen in die Hände von gebildeten, für diesen Beruf eigens herangebildeten Frauen und Mädchen gelegt wird. Im Anschlüsse an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Discussion. Hierauf brachte Frau Ida D i a m a n t, die Präsidentin des Altersversorgungshauses, den Antrag ein, es möge sich sofort ein kleines Comite aus Damen und Herren bilden mit dem Rechte der Cooption betreffs Statuten-Ausarbeitung und Constituierung eines Vereines, der den Zweck hat, eine Pflegerinnen-Schule für intelligente jüdische Mädchen und Frauen zu gründen. Zahlreiche Personen aus der Zuhörerschaft meldeten ihren Beitritt zu dem zu gründenden Vereine an und stellten namhafte Beiträge in Aussicht. Auch die anwesenden Vertreterinnen vieler Frauen- und Mädchenvereine — so Frau Dr. Ignaz Kornfeld namens der „Providentia", Fräulein Kolmann namens des Vereines jüdischer Mädchen „M ori a", Fräulein Schimmer namens des Vereines jüdischer Mädchen „Hadassah" u. s. w. — sagten werkthätige Unterstützung zu. Ferner sprach noch Frau Feigenbaum namens des „Zionistischen Frauenvereines", Es steht ausser Zweifel, dass die Schule demnächst ins Leben treten wird. Einige jüdische Mädchen, die sich diesem Berufe widmen wollen, haben sich bereits gemeldet. * * * Entartung und Regeneration. Von S. Chaikis. (\us dem Russischen übersetzt von Otto G 1 o g a u.) I. Das Cheder. Wer in Russland in jenen berüchtigten „Niederlassungs- Kreisen* *) gelebt hat und die Bewohner dieses „glücklichen Arcadien" ganz aus der Nähe zu studieren Gelegenheit hatte, der muss zu dem traurigen Schlüsse kommen, dass die russischen Juden, die Hauptmasse des jüdischen Volkes, immer mehr und mehr einer physischen und psychischen Entartung entgegen gehen. Ich beabsichtige an dieser Stelle nicht, diese Frage jn alle ihre Details zu zergliedern, umsoweniger als ja die Leser die Ausführungen Max Nordaus über diese Frage ebenso genau kennen, wie das diesbezügliche Referat des Professors Mandelstamm vom vierten zionistischen Congresse zu London. Ich möchte hier bloss eine der Hauptursachen der Entartung der russischen Juden eingehend behandeln, eine Ursache, deren Beseitigung Aufgabe, sogar Pflicht der in den betreffenden „Niederlassungs - Kreisen" thätigen Zionisten ist. Ehe ich aber an die Behandlung dieser Hauptursache der Entartung der russischen Juden gehe, will ich vorher einige Worte über die Entartung überhaupt sagen. Bekanntlich hat die Entartung der russischen Juden ihren Grund in der ökonomischen Lage und in der rechtlichen Stellung der Juden. Der arbeitende Theil der russischen Juden besteht grösstenteils aus Proletariern. Kann nun ein solcher jüdischer Proletarier bei einer 14- bis 15stündigen Arbeitszeit und bei der möglichst schlechtesten Nahrung sich physisch genügend entwickeln? Kann es uns wundernehmen, wenn mancher russische Jude schlau und *) Die Juden haben in Bussland bloss in 2fr Gouvernements das Recht, sich niederzulassen, und selbst von diesen sind alle Dörfer, sowie einige Städte, zum Beispiel Kiew, den Juden verboten. unehrlich wird, wo ihn doch von allen Seiten die härtesten Gesetze einschränken, die er oft, um den Kampf ums Dasein bestehen zu können, zu umgehen gezwungen ist? Man braucht also kein schwarzsehender Pessimist zu sein, um einsehen zu können, dass bei der Fortdauer der jetzigen Lage der russischen Juden ihre physische und psychische Entartung unbedingt eintreten muss. Das sollen wir Zionisten uns immer vor Augen halten; zwar müssen wir unsere Kräfte hauptsächlich der Erreichung unseres Endzieles weihen. Da dieses Endziel aber in eine unbestimmte Zeitferne gerückt ist, müssen wir jetzt schon, um eine diohende Gefahr zu vermeiden, an der Verbesserung der Lage unserer Brüder in den Ländern ihres derzeitigen Aufenthaltes arbeiten. Wie sollen wir dieses nun anfangen? Meiner Meinung nach müssen wir vor allem jene Ursachen der Entartung zuerst beseitigen, die zu beseitigen sicher in unserer Macht liegt. Die wichtigste dieser Ursachen, zugleich das Hauptübel, an dem das jüdische Volksthum in Russland krankt, ist das „C h e d e j ". Weiss der verehrte Leser, was das „Cheder" eigentlich ist? Gewiss nicht, wenn er nicht in gewissen Gouvernements Russlands oder in einigen Theilen Galiziens gelebt hat. Es sei mir deshalb gestattet, etwas Genaueres über das „Cheder" zu erzählen. Das „Cheder" ist die Volksschule der russischen Juden, in welcher die jüdischen Kinder viele Jahre hindurch ihre „Bildung" holen. Die ganze Schule besteht aus einem engen, dumpfen Räume, in dem oft mehr als 40 Schüler zusammengepfercht sitzen, und der gleichzeitig der oft sehr zahlreichen Familie des Lehrers, des sogenannten „Melamed", als Wohnraum (Küche, Speisesaal und Schlafzimmer) dient. Wenn man sich vorstellt, dass eine so grosse Anzahl von Schülern täglich 14 Stunden lang ihre Lungen mit der verpesteten Luft dieser muffigen Kammer speisen — denn das „Reinlichkeitsgefühl" des „Melamed" lässt es gewöhnlich nicht zu, dass der Raum gelüftet oder gar gereinigt werde — dann wird man die seitsame, dem russischen Juden eigenthümliche Fähigkeit begreifen -- die Fähigkeit, statt des Sauerstoffes Kohlensäure einathmea zu können. Dieses gefährliche Experiment bleibt aber für die Schüler des „Cheders" nicht ohne böse Folgen; denn niemals wird man im „Cheder" einen völlig gesunden Knaben finden, vielmehr passende Objecte zum Studium dieses oder jenes Theiles der Pathologie. Wenn wir uns nun vor Augen halten, dass Millionen russischer Juden von ihrem fünften bis fünfzehnten Lebensjahre im „Cheder" verdumpfen, so werden wir uns sicher gestehen müssen, dass das „Cheder"-Unwesen die wichtigste Rolle bei der physischen Entartung der Juden in Russland spielt. Wenn man aber meint, dass das „Chedertf etwa zur psychischen, dass heisst geistigen Entwicklung der jüdischen Jugend beitragen könne, so irrt man gewaltig. Denn die „Melamdim" sind grösstentheils ungebildete Männer, die von der Pädagogik keine Ahnung haben und nach einem Jahrhunderte alten System unterrichten und deshalb, weil ihre Worte auf die kindlichen Gemüther keinen Eindruck zu machen imstande sind, zum bösen Schreckmittel des „K a n t s c h u k" (Knute) greifen müssen; was natürlich auf die seelische Entwicklung der Jugend keinen fördernden Einfluss ausüben kann. Wie lange aber sollen wir noch zusehen, dass ungebildete Männer, ignoianten im vollsten Sinne des Wortes, die vielversprechenden Keime, die in unserer Jugend schlummern, verderben und vernichten? In meinen Augen begehen jene Zionisten, in deren Bethätigungs-Bezirk sich ein solches „Cheder«-Unwesen

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