Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Article
- Zum ersten österreichischen Zionistentage
- Date
- 1901-03-22
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. RP711ffQnrP1QP* Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland UGZiligayiOiarj. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig.. 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 12. Wien, 22. März 1901. 5. Jahrgang Zum ersten österreichisehen Zionistentage. Sonnlag den 24. März tritt die Oonfercnz der Delegierten der österreichisehen zionistischen Vereine in Olmütz zusammen. Schon äusserlich wird sich der Zionistentag als eine würdige Vertretung des österreichischen Zionismus repräsentieren. Ueber hundert Delegierte haben bisher ihre Theiinahme an der Conferenz angemeldet. Aber der Zionistentag sollte von vorneherein nicht Manitestationszweeken dienen. Er hat ein Arbeitsprogramm zu absolvieren, dessen Umfang und Inhalt die volle Zeit und die ganze Kraft und Hingebung der Delegierten in Anspruch nehmen wird. Wird diese Gonferenz das bringen, was die Veranstalter von ihr erwarten, dann wird sie einen Wendepunkt in der österreichischen zionistischen Agitation und Organisation bedeuten. Nirgends hatten und haben die Zionisten einen so schweren Kampf auszukämpfen, wie in den österreichischen Ländern. Die Assimilation hat hier, begünstigt durch eine Jahrzehnte andauernde Vorherrschaft des politischen Liberalismus, alle Schichten des Judenthums erfasst. Es ist die einzige Solidarität, die auch heute noch den grösseren Theit der österreichischen Judenschaft zusammenhält. Sonst ist mit Ausnahme des gemeinsamen Bekenntnisses die jüdische Zusammengehörigkeit überall durchbrochen worden. Kaum dass noch Bezirks- oder Ortsinteressen grössere oder kleinere Gruppen von Juden zusammenbringen. Von einer Gemeinsamkeit der Vertretung der politischen Interessen ist überhaupt nicht zu reden. Dazu haben noch die Glassen- oder besser gesagt Kastengegensätze ein hohe Scheidewand aufgerichtet zwischen Reichen und Armen, zwischen Gebildeten und Ungebildeten, ganz abgesehen davon, dass die Judeh ganzer Länder, die sich in fremdnationaie Gruppen eingliedern Hessen, einander feindlich gegenüberstehen. Der Antisemitismus, der im letzten Jahrzehnte zu so erschreckender Höhe emporgewachsen ist, hat manches besser gemacht, aber in vieler Hinsicht noch mehr verwirrend und zersetzend gewirkt. In die Reihe dieser Juden schalt, die politisch zerklüftet, wirtschaftlich unselbständig und in allen nationalen Fragen verblendet war, sollten die Zionisten Ordnung und Einheit, neue Thatkraft und die Begeisterung für einen grossen nationalen Gedanken tragen. Wie viele Vorurtheile, Gewohnheiten und Widerslände waren da zu überwinden. Der Kampf gegen die Assimilation in jeder Form und die Heranziehung immer neuer Freunde und Vertreter des national-jüdischen Gedankens haben die Arbeitskraft, der österreichischen Zionisten stark in Anspruch genommen. Die einzelnen Gruppen musslen in dieser schweren 7a it. isoliert kämpfen, einzelne der tüehtigslen Gesinnungsgenossen in übermässiger Weise zur propagandistischen Arbeit herangezogen werden. An eine Gesammtorganisation konnte, so lange die Gruppen Mühe hallen, sieh selbst durchzuringen, nicht gedacht werden. Dabei wurde der Mangel einer Gesammtorgn.uisal ion und eine gewisse Systcmlosigkeit immer deutlicher fühlbar und behinderte trotz des unermüdlichen Flcisses einzelner Vereine die gewünschte Entfaltung des Zionismus in hohem Gracle. Der Oesterreichische Zionistentag ist berufen, die Gesammtorganisation durchzuführen und die Thätigkeit der österreichischen Zions-Vereine nach einem systematischen Arbeitsplane zu regeln. Dass die Anregung der Veranstalter des Zionistentages bei fast allen zionistischen Vereinen lebhaften An* klang gefunden hat, lässt uns hoffen, dass der Zionislcntag der Ausgangspunkt für eine fruchtbringende und weiter ausgreifende Thäligkeit sein wird. So weil man aus den Thesen, die die Grundlage der auf dem Zionistentage zu erstattenden Referate bilden, seh Messen kann, ist eine ganze Reihe von Acüonen geplant, weiche die zionistische Organisation und Agitation stärk -n und fördern sollen. Im Zusammenhange mit diesen Actkmcn ist die Entfaltung einer socialpolitischen Thätigkeit in Aussicht genommen. Der Zionistentag wird über eine Reihe von Institutionen zu berathen haben, die der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden dienen sollen. Wir wollen den Beschlüssen des Zionistentagcs nicht vorgreifen. Es handelt sich um EntSchliessungen, welche auf Jahre hinaus richtunggebend für die österreichischen Zionisten sein sollen. Mögen alle Vereine, mögen vor allem die Delegierten den Ernst ihrer Aufgabe voll erfassen.