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Die Welt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Article
Turnen!
Date
1901-03-15
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 „Die & Welt' Seite 11 Jeder niu^s alles aus sich herausnehmen. Niemand kann den anderen für sich i.rbeiten lassen. Neidlos anerkennt jeder den Tüchtigeren und wird sich der eigenen Schwäche bewiest. AucJji-,ii-ie Selbsterkenntnis und die neidlose Wertschätzung des anderen sind seltene E'genschaften. und der Turner trügt sie ins Leben hinaus. Bis zum nächsten Wett-Turnen muss der Schwache stark, der Tüchtige noch tüchtiger werden. Das bedarf zielbewusster, haitnäckiger Arbeit. Und >ie wird gethan. Hohe Befriedigung erfüllt den Turner, hat er ein neues Stück körperlicher Geschicklichkeit zuwege gebracht. Eine ehrliche Freude an dem ehrlichen Erfolge. Und die anderen alle freuen sich mit ihm. Kraft, Muth und Geschicklichkeit, das sind die äusserlich sichtbaren Effecte des Turnens. Dazu kommt die Disciplin. Sie hat uns bisher ganz gefehlt. Sie ist ein seelisches Product. Das Anerkennen der grösseren Tüchtigkeit des anderen, das Einsehen der Nothwendigkeit, die ejgenen Interessen hinter die der Gesamrntheit zu stellen, das Verständnis für das System, als das pläntnässige Vorgehen zur Erzielung der höchsten Wirkung, diese Factoren, aus denen sich die freiwillige Disciplin entwickelt, sind die Vorbedingung des Erfolges — nicht nur beim Turnen. Fester Wille, Selbstbewusstsein, männlich freier Sinn und Heiterkeit der Seele, das sind die inneren Effecte des Turnens. Wir gewinnen so im Turnen die besten Eigenschaften für das Leben des Kampfes, welches wir Juden zu führen gezwungen sind. * Es sei hier die besondere Aufmerksamkoit auf den „Ersten Wiener j ü d i s c h e n Turnverein" gelenkt. Er hat bereits seinen eigenen, mit allen erford-rhehen Gerätheu ausgestatteten Tunisa*], I., Mölkerbastei 5. Die Turnle tung liegt in den Händen eines tüchtigen energischen Fachmannes. Wer aus was immer für Gründen sich selbst die Wohlthat des Turnens nicht erweisen kann, der ermögliche sie anderen durch rmiteiielle Unterstützung d-s Vereiae«. Ein Besuch der Turnhalle am Abend wird ihn jeictilich lohnen. Geturnt wird in mehreren Riegen nach Untersc ied des Alters und der Eignung. Frauen und Mädchen haben gesonderte Turnstunden. Die Bethedigung wächst täglich. Soll aber dieser Sammelpunkt der Wiener Judenschalt erhalten bleiben, soll auch ferric-r den minderbemittelten Studenten, Handelsangestellten, Handwerkern und Arbeitern der Beitritt durch bedeutende Ermässigung des Mitgliedsbeitrages ermöglicht werden, so müssen alle den Verein nach jeder Richtung, ins- J esondere aber materiell, unterstützen. 11. Eine Anstalt zur Heranbildung jüdischer Krankenpfleger in Pressburg. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wir haben im Vorjahre berichtet, dass in Pressburg eine Anstalt ins Leben gerufen wird, welche den Zweck verfolgt, tüchtige und geschulte jüdische Kr a n k e n p 11 e g e r u n d ■Pflegerinnen heranzubilden, die dadurch in die Lage versetzt werden, sich einen neuen und schönen Lebensberuf zu wählen. Durch eifriges Sammeln von unterstützenden Mitgliedern ist nun die Anstalt auch in die Lage gekommen, ihre Aufgabe zu beginnen. Sie hat den Concurs' vorläufig auf zwei Pflegestelleu ausgeschrieben, um die sich 20—35jährige gesunde Personen beiderlei Geschlechtes von unbescholtenem Vorleben und zumindest elementarer Schulbildung bewerben können. Gesuche sind mit Geburts-,"Sitten-, ärztlichen und Schulzeugnissen, sowie der Beschreibung des bisherigen Lebenslaufes und alltälligen Empfehlungsschreiben versehen, bis 31. März d. J. bei der Directum der Anstalt (Pressburg, isiael. Sj.ital) zu überreichen. Es wäre zu wünschen, dass die Seelsorger, Gemeindevorsteher und Lehrer von jüdischen Gemeinden geeignete Personen auf diesen Goncurs aufmerksam machten. Die berufenen Bewerber erhalten gründliche theoretischeundpraktische Ausbildung und entsprechenden Falles lebenslängliche Anstellung. Zeitschriften* «od Küche*« t^undsebau. Die „Zeit" bringt in ihrer Nummer 334 einen Artikel über den Antisemi t.i s m u s i n I) e u t s c h 1 a n d, der eine nähere Besprechung umsomeW verdient als er in objectiver und richtiger Weise eine Schilderung des Antisemitismus in Deutschland bringt, andererseits auch des Zionismus Erwähnung thut, in einer Weise jedoch, die eine weitere Erklärung erfordert. Der Antisemitismus als Volksbewsgung ist in Deutschland eine der Folgeerscheinungen der Gründerjahre. Der Verfasser des Artikels schildert die Versuche die in Deutschland unternommen wurden, um den Antisemitismus zu einem politischen Factor zu machen. Trotz der grössten Bemühungen und der angestrengtesten Agitation verlor die antisemitische Partei immer mehr Stimmen und Mandate. Im Jahre 18(.)8 hatte der Antisemitismus als selbständige Parteibewegung Bankerott gemacht. Der Autor, der bisher dem Judenfchum die erfreuliche Thatsache meldet, dass der politische Antisemitismus in Deutschland in Brüche gegangen, bringt in den Schlusssätzen seines Artikels Beobachtungen über das Verhalten der politischen Parteien und der arischen Gesellschaft zu den Juden, die, frei von jeder Schönfärberei, den Anspruch vollkommener Richtigkeit haben und sich mit den zionistischen Anschauungen über die Jadenlage in Deutschland decken, „Was der Antisemitismus an Tiefe verloren", führt der Verfasser H. von G e r 1 a c h aus, „hat er a n Breite gewonnen.'4 Der Antisemitismus hat alle Parteien sanft dnrehweht. Nicht bloss Conservative, sondern auch das Centrum und die Nationalliberalen stimmten der verfassungswidrigen Praxis des Justizministers zu. Aber selbst von Freisinnigen werden private Aeusserungen antisemitischer Natur colportiei t. Nur bei den Socialdemokraten ist die Parteidisciplin stark genug, um der Rassen-Instincte vieler Parteigenossen Herr zu werden. In demselben Masse, wie der politische Antisemitismus zurückgieng, wuchs der gesellschaftliche Antisemitismus. Immer grösser ist die Zahl der Vereine, die keine Juden aufnehmen. Von Beamten- und öffentlichen Stellungen ist das Judenthum fortdauernd immer mehr und mehr zurückgedrängt worden. Und nun formt der Autor seinen neuen Begriff des „Antisemitismus44 : „Man will in Deutschland überhaupt nicht Antisemit sein, weder politisch noch geschäftlich, sondern nur Asemit, m an will gesellschaftlich möglichst wenig m i t Jade n in Berührung ko m m e n." Bezeichnend ist auch der Schlusssatz des Artikels: „D i e Zahl derer, die die Juden hassen, hat gewaltig abgenommen, die Zahl derer, die sie mit Bewusstsein nicht lieben, ist r i e s e n h af t ge s t i e g e n"---- In der Medicin gieng man den Bacillen erst durch, die Antisepsis, gegenwärtig durch die Asepsis zuleibe; in beiden Fällen gehen die Bacillen zugrunde. Auch der A^emitismus, wie er gegenwärtig die Gesellschaft in Deutschland ergriffen hat. der ja nichts anderes als der alte instinetive Judenhass ist, und der immer nur* gerinfügiger Katastrophen bedarf, um zum Antisemitismus zu werden, gibt dem Dogma von der Unnahbarkeit der gegenwärtigen Judenlage die beste Unterlage. Ob Antisemitismus oder Asemitismus, in beiden Fällen geht das Judenthum seinem Untergange entgegen. Umgeben von einer feindlichen Gesellschaft, ist der Jude nach jeder Richtung in seiner Wirksamkeit gehemmt, zum Ausleben seiner Talente und Eigenart ist ihm jeder Weg versperrt. Und da hat der Autor den Muth, von dem wünschenswerten Aufgehen des Judenthums in der übrigen Bevölkerung zu sprechen. Mit diesem einen kurzen Satze berührt der Autor die Frage, wie der Judenmisere herzukommen wäre. Der Autor zeige doch den Weg dieses Auflösungsprocesses, wo die umgebende Bevölkerung auch nicht den geringsten guten Willen zeigt, diesen Aufgehungsprocess zu begünstigen. Geschieht dies vielleicht durch das vom Autor anerkannte Bestreben der Arier, möglichst wenig mit Juden in Berührung kommen zu wollen, oder dadurch, dass man die Juden, mit Bewusstsein "nichtjliebt'4? Vielleicht soll der Vorwurf, „das Judenthum ist vielfach zu nervös", ein Wink dafür sein, was diesen Auflösungsproeess begünstigen könnte. Sollten die Juden es vielleicht ruhig hinnehmen, wenn die Hochflut antisemitischer Beschuldigungen auf sie einströmt, wenn sie aus allen öffentlichen Befchätigung*m ausgeschlossen werden, wenn die ehrlosesten Beschuldigungen gegen ihre Religion und gegen ihr Volksthum auf sie einstürmen. Der Verfasser erwähnt den „Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Eine Vereinigung, deren Anschauungen in Bezug auf die Judenfrage ganz andere sind, als die der Zionisten, eine Vereinigung deutscher Juden, die den Aufgehungs- und Assimilierungs-Process als obersten Leitstern ihres Wirkens auerkennt. Und auch dbwr Voivin

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