Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Article
- Grand Rabbin Zadoc Kahn und Dr. Max Nordau über die Colonisten und Arbeiter in Palästina
- Date
- 1901-03-15
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315917-3395483--25119-3395580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 „Die & Welt" Seite 7 armen Colonisten können nicht so verlassen bleiben. Von zwei Dingen eines: Entweder der Herr Baron zerstört sein ganzes Werk und gibt den Colonisten ihre spärlichen Getreidefelder zurück, welche sie einst besassen. Oder, wenn er nicht will, dass so viele Millionen hinausgeworfen seien, so überlasse er den Colonisten die kunstvollen Keller für ihre Weintrauben, damit sich die Colonisten den Wein selbst fabricieren. Empfindet er denn nicht Jem Gefühl der Verantwortlichkeit gegen diejenigen, welche er in eine derartige Lage versetzt hat, aus der sie sich ohne seine Hilfe gar nicht mehr hinauswinden können? Verlieren wir unsere Zeit nicht mit Protesten gegen die Ica. Diese Herren dort machen sich lustig über die „Meinung der jüdischen Oeffentlichkeit". Rechnen wir nicht auf die anderen; rechnen wir auf uns selbst. Wenn der Baron Hirsch gar nicht -existiert hätte, oder wenn er einem Sohne Heine Millionen hinterlassen hätte müsste deswegen das jüdische Volk zugrunde gehen? Die Colonisten von Palästina haben der ganzen Welt gezeigt, wessen die Juden fähig sind. Sollen wir sie zju grünte getnn lasssn. Was mich anbetrifft, ich strebe für ein anderes Zion; ich b in im Principe gegen eine solche Co lonisati on. Aber in keinem Falle wollen wir, dass dieses Werk zugrunde gehe. Wenden wir uns an unser Volk, an die ,,Chovevei Zion 4, an die ganze Welt, an alle Juden. Um des Grand Rabbin Hilfe bitten wir als die eines Juden und sonst nichts weiter. Wir hoffen, dass wir durch unsere eigene Kraft dahin kommen werden, den Colonisten von Palästina zu helfen, die ja nur Brot verlangen. Ob die Ica sich dabei erweichen lässt oder nicht, das tümmert uns sehr wenig. Wir haben ohne die Ica existiert" (Enthusiastischer Beifall.) Es erhebt sich sodann der Grossrabbiner Zadok K ahn. Erwartungsvolle Stille herrscht im Saale. „Herr Dr. Nordau,a so begann er, „sagte in seiner hinreissenden Rede, dass er auf mich nur als auf einen Juden und nichts mehr rechnet. Leider ist das die vollständige Wahrheit. Ich habe keinen grossen Einfluss auf die Herren der Ica, man überschätzt meine Macht. Ja, Herr Nordau hat vollständig recht, wenn er sagt, dass man auf die Wohlthäter nicht rechnen darf. Wie? Wenn die Ica nichts machen will in Palästina, nichts thun will für die Arbeiter, wird das gesammte Judenthum diese Angelegenheit nicht besorgen können? Kann denn der Zionismus, welcher hunderttausende von Anhängern zählt, einigen hundert Arbeitern nicht heraushelfen? Welches ist denn seine Macht? Was thun also alle diese zionistischen Vereine, welche überall mit einer so grossen Schnelligkeit entstehen? Wenn die Ica nichts thun' will oder nichts thun kann, muss alles schon zugrunde gehen? Als Vertrauter des Herrn Baron v. Rothschild von der ersten Stunde an kenne ich mehr als irgendeiner die Wahrheit. Ich kann Ihnen sagen, dass er seine Tage und seine Nächte der Coionisation Palästinas gewidmet hat. Da der Baron ein physisch schwacher Mensch ist, hat er sich eines Tages gefragt, was aus seinem Werke nach seinem Tode werden wird. Aus diesem Grunde brachte er das grosse Opfer — denn ein Opfer war es für ihn — alles der Ica zu überlassen. Nachdem er sein Werk nicht im Stiche lassen wollte, entschloss er sich, eine palästinensische Commission zu schaffen, der auch ich angehörte und aus der ich austrat, weil ich an gewissen strengen Massregeln nicht theilnehmen wollte. Und doch kann ich Sie versichern, dass die Ica das Heil der Coionisation werden wird; sie wird nicht das Geld verschwenden, das für das ganze jüdische Volk reserviert ist. und sie allein wird imstande sein, den Colonien eine solide Basis zu geben .... Seien Sie ohne Furcht: die Colonien werden nicht zugrunde gehen; die Ica wird für sie alles thun, was sich nur thun lässt. Was aber die Arbeiter anbetrifft, so ist das schon etwas anderes. Weil es eben unmöglich ist, neuen Boden anzukaufen und die alten Besitzungen schon bebaut sind, können nicht alle Arbeiter Arbeit finden. Die Ica hat nicht das Recht, für sie industrielle Arbeiten zu schaffen, denn sie muss das Geld für zehntausende von Juden verwenden, welche in Bussland, Rumänien, Galizien und anderswo leiden, und nicht nur für einige hundert Arbeiter in Palästina. Die Ica schafft überall Colonien, und wenn jemals das Ideal eines Judenstaates verwirklicht sein wird, so wird es die Ica sein, die ihm alle Elemente liefern wird, die für seine Existenz nothwendig sein werden. Die Ica ist kein Wohlthätigkeitsverein und übt auch keine Wohlthaten. Diejenigen, welche ihr verpflichtet sind, sind ihre Schuldner. Viele Colonisteü Argentiniens zahlen regelmässig ihre Schulden ab und sind bereits im Begriffe, vollständig frei zu sein. Was die Coionisation Palästinas betrifft, so gedulden Sie sich, die Jca wird sie schon einem guten Resultate entgegenbringen. Aber thun Sie etwas für die Arbeiter. Gehen Sie mit gutem BM-piele voran und die Ica wird dann nicht abseits stehen können. Die Kritik hat gewiss ihr Gutes, allein sie genügt nicht. Handelt also und zeigt, was der Zionismus zu leisten imstande ist." Erster Oesterreichischer Zionistentag in Olmütz. Die österreichischen Zions-Vereine werden zunächst nochmals auf die Ankündigung in Nummer 10 der „Welt" aufmerksam gemacht. Wiederholt muss auf die Bedeutung, die der Zionistentag für die Agitation und Organisation der österreichischen Zions-Vereine hat, hingewiesen werden. Nochmals werden alle Vereine daran erinnert, dass ihreBetheiligung an dieser Gonferenz, beziehungsweise die Entsendung von Delegierten, eine Ehrenpflicht ist. Jedem Vereine steht das Recht zu, zwei Delegierte zu entsenden, die dem Verbände „Zion", Wien, IX. T Cirkenstrasse 9, so rasch als möglich namhaft zu machen sind. Als Hauptreferenten werden fungieren: Für den Punkt: I. Die Lage der Juden in Oesterreich: Herr Dr. S. E renberge r. IL Programm: Herr Berthold Feiwel. III. Agitation: Herr Hugo R e c h n i t z e r. IV. Organisation: Herr A. H. Reich. V. Presse: Herr Ober-Ingenieur Josef L a u. Die Referenten haben bereits die Thesen, die die Grundlage üjrer Referate bilden, ausgearbeitet. Die Verbandsleitung hat diese Thesen den einzelnen Vereinen zugehen la-sen, damit sie innerhalb der Vereine zur Discussion gelangen und die Delegierten bereits mit festen Erschliessungen und Aufträgen zum Zionistentage kommen können. Anregungen zu den Referaten mögen den Referenten durch Vermittlung des Verbandes, der auch sonst Aufträge übernimmt und Auskünfte gerne ertheilt, mitgetheilt werden. An die österreichischen zionistischen Vereine! Lieb wer te ßundesb rüder! Die Leitung des Verbandes. „Zion" in Wien hat für den bM<. und 25. März den „Ersten österreichischen Zionistentag" einberufen und das central gelegene Olmütz als Versammlungsort bestimmt. Durch diese den gefertigten Verein hocherfreuende und ehrende Wahl wurde uns Olmützern der Erfolg dieser für unser Zionsideal so bedeutungsvollen Tagung besonders ans Herz gelegt, und wir, zögern nicht, Euch allesammt tivundlich-dringend zu Gast zu laden. Kommet, mit uns und Euren Brüdern über dieZukunftsvvege unseres geliebten Judenvolkes ernsten Rath zu pflegen. Wir hoffen, dass Ihr ohne Ausnahme und gerne dem Rufe der Pflicht Gehör schenken werdet. Darum bitten wir Euch, unserem Obmanne Herrn Wilhelm Spitzer, Olmütz, Elisabethstrasse, Eure Delegierten und die ungefähre Zahl etwa mitkommender Gäste sogleich mitzutheilen, damit wir rechtzeitig die entsprechenden Vorkehrungen treffen können. Verein „Zion", Olmütz. Olmütz im März 1901. Die Berliner Zionisten. i. Welche Erfolge die Zionisten im Laufe dieses Winters in Berlin errungen haben, lässt sich im gegenwärtigen Momente noch nicht feststellen; gerade der bevorstehende Sommer wird erst zeigen, wie tief die Wurzeln sind, die der