Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Article
- Der deutsche Judentag
- Date
- 1901-03-08
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 „Die # Welt44 Seite 11 Delegierter Knauser: Hochverehrte Versammlung! Scheusslichkeit der Scheußlichkeiten könnte man ausrufen angesichts der jüngsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Antisemitismus. Ermuthigt durch das Auftreten ihres höchsten Vorgesetzten, haben die preussischen Gefängniswärter beschlossen, keinen Juden mehr in ihren Zellen zu beherbergen. (Hört, Hört!) Haben Sie, verehrte Herren, eine Vorstellung von der Tragweite dieses Beschlusses? Denken Sie sich eine zukünftige Statistik über das Gefangnisvvesen. wenn nicht einmal ein minimaler Percentsatz der Gefangenen von Juden gestellt wird. Da werden die Antisemiten natürlich sagen: „Aha, hier sieht man eclatant diephilosemitischeParteilichkeit der Richter", andere werden zur Ansicht kommen, es müsse ein jüdisches Comite bestehen, das seine Verbrecher schützt, und wer weiss, was schliesslich eine dritte und vierte Kategorie daraus folgern wird. Meine Herren, ich muss bekennen, die Leute hätten recht. Denn wenn man die schwankende Moral in gewissen Kreisen der Judenheit beobachtet, so kann man nicht verstehen, weshalb die Gefängnisse judenrein sein sollten. Wir müssen daher Sorge tragen, dass unseren Glaubensgenossen die Pforten der Gefängnisse wieder geöffnet werden. Der Jude darf nicht dauernd frei sein; seine Freiheit ist Oel im antisemitischen Feuer. Daraus, meine Herren, werden Sie die Gefahr, in der wir schweben, erkennen. Es ist unbedingt nöthig, dass dieser Judentag die Mittel und Wege findet, um zu dem früheren Idealzustande zu gelangen. ^Es muss uns gelingen und wir werden es durchsetzen, dass der jüdische Mauschel mit dem deutschen Michel wieder Arm in Arm ins Gefängnis zieht. (Grosser Jubel und Händeklatschen. Ein Delegierter weint.) Indessen, meine Herren, was ich Ihnen bisher erzählt habe, stellt nur ein geringes üebel dar gegenüber einem anderen Streich der Antisemiten", den zu schildern ich die Ehre habe. Wie Sie wissen, spukt das Märchen vom Ritualmord noch immer in manchen Köpfen und zeitigt mitunter die unglaublichsten Verirrungen. Xanten, Polna, Könitz sind die Vorläufer einer neuen Agitation, die durch das Verschwinden des Nordpolfahrers Andree verursacht wurde. Andree ist verschollen, keine Spur von ihm kann entdeckt werden, folglich, so schliessen unsere Feinde, ist er das Opfer eines Ritualmordes geworden. Meine Herren, zu meiner Schande mu<s ich gestehen, dass ich trotz eifrigen Nachdenkens zu keinem Resultate in dieser Frage gelangt bin, ich weiss thatsächlich kein Mittel, das zur Widerlegung dieser Verleumdung hinreichen würde" Ich stelle es der hohen Versammlung anheim, auf irgendeine Weise das Judenthum' zu rechtfertigen. (Beifall.) Del. Zwiebel -Ha m b u r g : Geehrte Herren! Entschieden ist der zweite Punkt, den Herr K u a us er angeführt hat, der gefährlichere. Ich mache zum Fall Andn?e zwei Vorschläge: Erstens, um der Haltlosigkeit der Blutbeschuldigung im Principe zu begegnen, mögen sich die Herren Rabbiner aus der Schrift des Professors Strack darüber orientieren, aus welchen Gründen uns der Gebrauch des Blutes untersagt ist. Dann soll der Rabbinerverluind bei geeigneter Gelegenheit eine Resolution fassen, die er bei geeigneter Gelegenheit dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus übergibt, damit dieser Verein bei geeigneter Gelegenheit in discreter Weise Gebrauch davon macht. (Grosser Beifall.) Zweitens aber muss der positive Beweis von der Unschuld der Juden erbracht werden! Zu diesem Zwecke beantrage . ich, dass vom Judentage eine Polarexpedition ausgerüstet werde, die den Auftrag erhält, den vermissten Andree lebendig oder todt herbeizubringen! (Die Anträge Zwiebel werden einstimmig angenommen.) Del. Feigenbaum klatscht unaufhörlich Beifall und meldet sich zum Worte. Präsident: Bevor ich dem Delegierten von Eydtkühnen das Wort ertheile, möchte ich mein JReferat über die geistige und moralische Erledigung des Judenthunis halten. Sie dürfen sich nicht darüber täuschen, dass die genannten Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus nichts anderes als Palliativmittel sind. Dem Judenthum kann aber endgiltig nur eine Radicaloperation helfen. Es ist in seinem ganzen Körperbau morsch, sein Herz ist erkrankt, verfettet. Dieses Herz muss herausgeschnitten werden, damit der sieche Körper genese. Wenn ich dieses poetische Bild in die Prosa übertrage, so ergibt sich als die einzige Rettung des Judenthums klipp und klar die Amalgamation (Rute: Sollen wir uns tauten lassen?) Taufen? Nein — nein, meine Herren, die Judentaufe ist eine Lüge, ein Verbrechen'. Nicht ihnen, aber Ihren Kindern komme das Heil der christlichen Kirche zugute. Hier habe ich ein Kind mitgebracht, einen zehnjährigen Knaben, den ich auf den Tisch des Hauses niederlege. Dieser Knabe wurde nicht in den Bund Abrahams aufgenommen, er ist daher gegen antisemitische Angriffe gefeit.'Dazu kommt die seelische Einwirkung des Abfalles vom Judenthum. Der Knabe wurde neulich von einem Mit schüler auf die eine Backe geschlagen, sofort hielt er die andere auch noch hin. (Bravo!) Das Kind hat sogar nach der .Vorschrift des Evangelisten noch niemals einen Splitter im Auge seines Nächsten erblickt. Sind das nicht ideale, die wir im Judenthum vergebens suchen? Haben Sie jemals gesehen, dass ein Judenknabe. dem eine Maulschelle versetzt worden ist, auch noch die andere Wange zum Schlage darreicht? Ich habe eine Denkschrift über diese Frage ausgearbeitet, die den geehrten Delegierten zugestellt worden ist. Mögen Sie beherzigen, was ich Ihnen vorgeschlagen habe, zum Heile des Judenthums, zur Ehre unseres deutschen Vaterlandes. (Stürmischer Beifall.) Del. F e i g e n b a u m : Geliebte Briedel*! Der Herr Vorsitzender hat sich geärgert über mein Idiotom. Oi, wenn man seht, wie Jiden sein zusammen gekommen von alle vier Ecken Deutschlands zu den Judentag, redendig von Jidischkeit, mein ich, is es kein Unterschied, was für e [diotom einer redt. Mir kocht mdn Herz, meine Oigen loifen iber in Thrären. Und wer es hot gesehen diesen Judentag, der wird erst verstehen, wie es muss sein zugegangen auf dem Congress von Basel, wo echte, gute Jiden, Zionisten — — (Rufe: Schluss! Maul halten! Haus!) Es entsteht ein fürchterlicher Spectakel. Der Präsident setzt seinen Hut auf und verlässt den Saal. Alle Delegierten folgen ihm. Nur Feigenbaum bleibt zurück und weint jämmerlich, dann fällt er mir, dem Stenographen, um den Hals, und die rechte Hand in die Höhe streckend, seufzt er: Oi____! Freiburg i. B. M a x Jung m a n n. Ahasver. Die Nacht war seltsam still und klar, Und war ein grosses Blüh'n imd Schweigen . . . xlhasvers Haupt lag mir im Ann; Sein weiches, dunkelblondes Haar War (ist umrankt von Dornenzweigen. ü du! Ich will dich glücklich wissen. Durch mich von allem Schmerz befreit: Du sollst in frühlingsjimger Lust Mir Mund und Stirn und Hände küssen. Voll schrankenloser Seligkeit! Du sollst in diesen Maiennächten Dein altes, ew'ges Leid vei gössen: Ich will die Dornen von dir nehmen Und sie um meine Locken Hechten Und sie in meine Schlafen pressen . , . Wie Rosen meine Wunden glüh'n. Und lächelnd will ich ilrau verbluten; Denn du wirsl mich erlöst innfinigeu Lud still in deine Arme zielui. Erlöst durch meiner Liebe Hinten. Uerlin. D o 1 o r o s a. Schuld und Sühne. Von David Rothblum. (Schluss.) Er trank bedachtig den Theo. Zuhause bei Tische war er vorstört und verwechselte zu seinem grössten Schrecken die Semiroth.*) Es Hei seiner Mütter auf, und Motl schützte I\ onfsenmerzen vor. Er gestand sich tausendmal, dass es eine Sünde sei. an eine Frauensperson zu denken, alle -diesbezüglichen Stellen des Talmud kamen ihm gleichsam warnend ins Gedächtnis, aber das alles half nichts. Immer wieder und wieder tauchte ihm die Gestalt des Mädchens auf, dieses guten und herzigen Mädchens. Ohne Gelegenheit zu suchen, war er jeden Tag in der Lage, mit ihr zu" sprechen. Da er jetzt jeden Tag um eine halbe Stunde früher kam, als es nöthig war, bekam er auch sein Gias Theo. Freilich dauerte die Unterhaltung stets nur einige Minuten, da ihm gewöhnlich nach der ersten Antwort, die er auf ihre Anfrage gab, jeder Sprachstuff ausgieng. *) Sab bath -Tafe 1 gesän ge.