Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1901-03-08
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die £ Welt" Nr. 10 schwer vorkommen, bei uns aber, in unserem Ghetto, konnte es kaum anders sein." „Jewi'sh Call", so schliesst er, sei dazu berufen, als ein Jargonblatt, dass von wirklichen Literaten geleitet sei. den Geschmack seiner Leser zu verfeinern, ihre Kritik zu schärfen und an ihrer Erziehung mitzuarbeiten. Das „Hamburger Fremdenblatttt schreibt : „Der Allgemeine deutsche Judentag soll, wie das Hauptorgan der Zionisten zu melden weiss, bereits im Laufe des Monats März in Berlin abgehalten werden. Die Form wird sich von der ursprünglich geplanten wesentlich unterscheiden und auf dem Judentage lediglich eine gemeinsame Action der bestehenden jüdischen Vereinigungen zum Schutze der angeblich bedrohten staatsbürgerlichen Rechte der Juden berathen werden. Als Delegierte sollen Vertreter der meisten jüdischen Organisationen, unter Ausschluss der Zionisten, zugelassen werden. In zionistischenKreisen plant man für den Fall, dass der Juden tag wirklich die Zionisten von seinen Verhandlungen fernhalten sollte, eineGegendemonstration durch «leichzeitge Einberufung eines deutschen Zionisten tag es." „Newcastle Chronicle" bemerkt zu der Mittheilung, dass der diesjährige Congress wieder in London stattfinden solle, es gesche dies wohl aus dem Grunde, weil die Meinungen über den Zionismus in England noch immer getheilt seien. Der diesjährige Congress solle alle Zweifel besiegen. Unsere Bruderorgane „Wschöd" und Judische Volksstimme" zeigen in den jüngsten Nummern einen vermehrten Umfang, beziehungsweise verbesserte Ausstattung. , Wschöd" kündigt eine Stellungnahme zu den Discussionsartikeln Dr. Menczel—Dr. Ebner in der „Welt" an, auf die wir seinerzeit zurückkommen wollen. In der letzten Nummer der „Jüdischen Volksstimme'' ist ein Artikel: „Die Agitation unter Nichtjuden" von besonderem Interesse. Ein Purim-Prolog. Von Martin Buber. Buch Esther III. 2. Wir leiern heul' ein froh bescheidnes Fest, Nicht einen jener Tage, da der Himmel in göttlich weit r Herrlichkeit erslrahlt Und goldene Fällen ieis' herniedergieiten In Me. sclienlierzen, die sich scheu erschauernd Und ücr durchglüht dem Meiligen ergeben. Nein, nur um FeM des Frohsinns und der Farben, Ein Fest der bunten toll n Maskenzüge, Ein Fest der herzlich wannen Händedrücke, Der Augen, die beglück! in Augen schau'n. Und doch spricht uns'res Volkes ganze Seele, Aus dieses Festes Tanz, aus seinem Lächeln. Denn diese Freude, die Ihr kaum begreift, So fremd und fern erscheint sie Eurem Wesen, Volksfreude ist's, und ihr verborg ner AVerl ls( heimlich in Jahrhunderten erworben. Die Freude des Befreiten ist's, der dumpf Das ganze Jahr des Elends Ketten schleppte. Und nun für einen Tag dem Joch entrinnt, Die Arme reckt und auf zur Sonne schaut. So war es unser'm Volk an diesem Fest: Da fiel von ihnen aller Jammer ab. Die Schmach des kleinen, athendosen Lebens, Und stolz, in stolzes Flitterzeug gehüllt. Bewegtere sie die sonst so müden Glieder In Scherz und Reigen, und vergessen war Der^ grosse Schinerz der Zeit, der Tage Noth. Ein Fest der Lose war ja dieser Tag, Und wie im Spiel die weiss und schwarzen Lose In stetem Wechsel fallen, so ei schien Vielleicht auch manchen seines Volks Geschichte Als solch ein Spiel der schwarz und weissen Lose. Und fagfe^nicht manch still verlräumtem Knaben In ahnungsfreud'ger Seele schon der Ruf, Den er vier Wochen später schallen hörte: „Heut Knechte, morgen sind wir freie Herren! Dies Jahr in enger, sonnenloser Fremde, Das nächste Jahr in uns'rem Vaterland!M . . . Und der verträumten Knabenseele kam Ein wunderbares Bild: im Thor des Perserkönigs Sitzt still mit grauem Bart ein hoher Mann; Es gehen Fürsten stolz an ihm vorüber, Doch jener neigt die mächt'ge Stirne nicht, Die furchenreiche Stirn, darauf des Volkes Leid In unlöschbaren Lettern eingegraben ... Des Knaben Seele glüht dem Bild entgegen Und seine blassen Lippen flüstern heiss: „Ich beug mich nicht. Komm, Elend, kommt, Ihr Qualen, Du tausendfältiges Weh, komm über mich, Nehmt mich in Eure Arme, drückt mich fest An Eure Brust, zermalmet mir das Herz : — Ich bin ein Jude und ich beug mich nicht." — Und mitten in des Maskenzugs Gewoge Lodert ein Schwur empor zum blauen Himmel. Wir feiern heut' ein froh bescheid nes Fest, Ein Fest des Frohsinns und der bunten Farben, Und doch ist uns'res Volkes ganze Seele In diesem Spiel und spricht aus ihm zu Euch. (Von einer Purim-Feier der nationaljüdisehen Vereine Berlins.) Der deutsche Judentag. (Purim-Correspondenz.) Also doch! Endlich ist der so sehnsüchtig erwartete Judentag zustande gekommen! Und ich hatte das Glück, als vereidigter Stenograph seiner ersten Sitzung beizuwohnen. Da kein Journalist zugelassen wurde, wird die „Welt" durch meine Liebenswürdigkeit Wühl das einzige Organ sein, das über die Vorgänge in jener denkwürdigen Versammlung zu berichten vermag; Leider muss ich bemerken, dass den Zionisten die..B'etheiligung untersagt war. Die Delegierten wurden nur nach strenger Controle der Legitimationskarten in den Saal.-eingelassen, die Gallerien waren gesperrt, und so konnte vor aller Oeftentiichkeit ohne Scheu gesagt werden, was man auf dem Herzen hatte. Für 10 Uhr vormittag* war der Beginn der Sitzung angekündigt und schon . ge^eh ' 2l l Uhr rollte die erste Equipage vor, das Haus der Delegierten Aus allen deutschen Gauen waren Vertreter erschienen, um über das Heil der inländischen Judenheit zu berathen. Um H Uhr traf der Präsident ein,' Herr Benedictas Levita aus Halle, begrüsst von einem endlosen ■Beifallsjubel, der nur langsam verrauschte, als der mit Recht so beliebte Vorsitzende das Wort ergriff. P r äs i d en t: .,M»dne Herren! Aus vollem Herzen heisse ich Sie willkommen. Das ganze Deutschland blickt mit Bewunderung zu Ihnen empor. Denn diese Versammlung ist die erste, auf der Vertreter aller deutschen Gauen zu harmonischer Arbeit vereinigt sind. Wenn wir hier als Judentag zusammentreten, so geschieht es nicht etwa nur der/luden wegen, (Beifall) sondern weil sich innerhalb unseres lieben Vaterlandes Zustände entwickelt haben, die unbedingt zum moralischen Zerfall des deutschen Volkes führen müssen. Und'das schmerzt uns, das zerreisst unsere Seele : denn deutsch sind wir, deutsch vom Scheitel bis zur Sohle. (Delegierter Feigenbaum - Eydtkuhnen : Oi, nisch gut is mir). Die Thätigkeit des Judentages denke ich mir in zwei Theile gruppiert: Erstens werden wir uns mit den wichtigeren praktischen Fragen befassen, den antisemitischen, zweitens mit den geistigen und moralischen Fragen des Israelitismus. .Referent des ersten Theiles ist Delegierter K nauser - Berlin, des zweiten Theiles meine Wenigkeit. Ich beraume jetzt eine Pause von zwei »Stunden an, da die Herren gleich mir wohl'das Bedürfnis haben werden, sich zu stärken. (Endloser Beifall. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Um zwei Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet. Präsiden t: Meine Herren! Aus dem Stenogramm habe ich zu meinem Schrecken wahrgenommen, dass der Herr Delegierte F e i g e n b a u m einen Zwischenruf in jenem Kauderwelsch gemacht hat, das als Idiom ungebildeter Ausländer gilt. (Pfui! Pfui!) Ich bitte, derartige Missgriffe in Zukunft zu unterlassen.