Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Article
Fragen der jüdischen Volkspolitik
Date
1901-03-08
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315916-3395284--24986-3395411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 10 „Die # Welt46 Seite 7 Staatsgewalt, sowie die Zahl der Beamtenstellen mehren sich bei der Exploitierung von Eisenbahnen, Bergwerken u. s. w., wobei die Herrschergewalt des Ingenieurs oder Eisenbahnverwalters diejenige beispielsweise des k. k. Oberförsters weitaus überragt. In Bezug auf die „Stadtverwaltung" erkenne ich zum Beispiel einem Polizeicommissär höhere Herrschergewalt zu als einem Notar. 4. Ich gebe Ihnen recht gerne zu, dass die Juden überhaupt nicht um eine Stelle betteln sollen. Jede Art der Sehn orr er ei sollen sie im Ghetto zurücklassen. Bezüglich jüdischer Volkspolitik in Frankreich darf ich mir kein Urtheil erlauben, doch glaube ich, dass der dort plötzlich hell auflodernde Antisemitismus den französischen Juden ein objectives Urtheil erschwert. Für Deutschland wird der Judentag vielleicht eine Entscheidung herbeiführen; für Oesterreich zeigen die interessanten Artikel von Dr. Ebner und Dr. M e n c z e 1, dass auch dort die positive Antwort noch nicht gegeben ist. Sie sehen also, sehr geehrter Herr Doctor, dass für verschiedene Länder wir beide gegen die Enthaltung der Juden sind, und freut es mich sehr, dass mein Widerspruch Sie zu einer umfassenden Beantwortung veranlasst hat, welcher ich zum' grösseren Theile vorher beigestimmt hatte. . .-: Auch hier hat es sich also erwiesen : „Du choc des opinions jaillit la verite. Hochachtungsvoll mit Zionsgruss Ihr Sie. hochschätzender G. C.? o 1 a k. Jüdische Realpolitik, Discussiun Dr. M e neze 1 :t~ Dr. E b n e r. *) Schlusswort des Dr. Mayer Ebner. S ehr geehrte r (-1 o r r R edaoteur! Sie haben mir freundlichst einige Spalten Ihres Blattes zur Verfechtung meines jüdischen politischen Standpunktes eingeräumt, wofür ich Ihnen im Interesse der Sache, die ich vertrete, besten Dank weiss. Eine Polemik hat noch nie de^n Gegner überzeugt, und, wenn ich es aufrichtig gestehen soll; war es mir auch gar nicht darum zu thun gewesen, Herrn Dr. Menczel zu meiner Ansicht zu bekehren. Hingegen aber weiss ich, mich eins mit Tausenden meiner Volksgenossen, für die die glücklich geprägte Formel „Jüdische Realpolitik" der Ausdrück langgehegter Ueberzeugung ist. Die politische Ohnmacht der Juden in Oesterreich, die völlige Wehrlosigkeit angesichts der schmählichsten Angriffe seitens ausgewachsener Buben, die factische Rechtlosigkeit, die schamlose Missachtung der Gesetze uns gegenüber waren schon lange-eine brennende Wunde in unserem Herzen. Die Hoffnungen des Zionismus können uns über den Augenblick nicht hinwegtrösten. Wenn sich die Judenschät't in Oesterreich, organisieren wird, um für ihre politischen Rechte die bestmögliche Verwertung zu suchen, mag Herr Menczel getrost abseits stehen. Was in Deutschland (siehe Artikel Dr.F r i e d e m a n n : „Judenthum und Liberalismus"'in Nr. 9 der „Welt") möglich sein soll, soll es in Oesterreich nicht sein? Das halbe Percent deutscher Juden 'soll einen Judentag und eine jüdisch^olitische Organisation schaffen, die vier Percent (der Gesammtbevölkerung) österreichischer Juden sollen unthätig sein, weil Dr. Menczel in seiner Befangenheit kein Gefallen an unserer Richtung finden will! Wenn es nach Dr. Menczel gienge, sollen wir Juden wie bisher uns in allen politischen Lagern herumtummeln. Hier deutsch, dort polnisch, anderwärts czechisch, hier zur Thür hinausgeschmissen, dort zum Fenster wieder herein, hier angespuckt, dort mit Füssen getreten —- überall elende Werkzeuge für fremde Interessen. Warum sich dann über das vielgeschmähte A&similantenthum erbosen? In Deutschland ergreift das Schlagwort von der jüdischen Politik von Fall zu Fall, id est Interessenpolitik, die weitesten Kreise. Niemand findet an einer „do ut des"- Politik Anstoss, ist diese Formel doch in Wahrheit Grundsatz jeder politischen Partei. Aber was ist zu machen? Der „feinere Geschmack" des Dr. Menczel sträubt sich gegen diese Art von Politik. Die „localpolitische Bukowinaer Angelegenheit, der ich in meinem zweiten Artikel einen breiten Raum gewährt habe", hat Dr. M enczel übergangen, wahrscheinlich hat er seine Gründe hierfür. Der Hinweis auf die Ruthenen hinkt, wie jeder Vergleich. Dr. Menczel wird selbst nicht behaupten wollen, dass die Juden culturell und politisch so tief stehen, wie bedauerlicherweise die Ruthenen. Ohne Uebertreibung lässt sich sagen, dass jede grössere jüdische Gemeinde eine höhere Intelligenzziffar aufweist, als die Ruthenen einer ganzen Provinz. Im übrigen bin ich überzeugt, dass die guten Anlagen des ruthenischen Volkes einige Culturstufen auf einmal nehmen werden. Zur Sache selbst hätte ich weiter nichts hinzuzufügen. Gegen die jüdische Realpolitik ist kein ernster Gegner auf den Plan getreten. Die Stimme, die laut wurde, ist die des Geistes, der verneint. Ein weiteres Wortgefecht halte ich für überflüssig. Die Sache selbst ist viel zu wichtig, als dass sie an einzelnen Personen sich länger aufhalten sollte. Für mich war diese Polemik nur eine kurze Episode, und es thut mir leid, dass sie für Herrn Dr. Menczel so unerfreulich geworden ist. Indem ich Sie, sehr geehrter Herr Redacteur, meiner Hochachtung versichere, zeichne ich mit Zionsgruss Ihr Dr. Mayer Ebner. Deutsche Chronik. Frankfurter „Zionistische Vereinigung". Die „Zionistische Ortsgruppe Frankfurt a. M." hat in ihrer Vereinsversammlung vom 9. Februar 1901 nach einer lebhaften Discussion über die Frage der Einberufung eines „Allgemeinen deutschen Juden tage s14 folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute von der zionistischen Ortsgruppe Frankfurt a. M. abgehaltene, zahlreich besuchte Vereinsversammlung erklärt die Berufung eines Allgemeinen deutschen Judentages für eine Nothwendigkeit. In der Erwartung, dass derselbe zur Wahrung unserer bedrohten staatsbürgerlichen Rechte, zur Neubelebung des Zusammengehörigkeits-Gefühles und zur Hebung des berechtigten Selbstbewusstseins beitragen wird, verlangt sie, dass die Delegierten durch allgemeine, gleiche, directe und geheime Wahlen aller Juden Deutschlands bestimmt werden.'4 „Zionistische Vereinigung" in Köln. In einer durch die „Zionistische Vereinigung Köln41 einberufenen, von etwa 500 Personen besuchten Versammlung referierten Herr Rechtsanwalt R o senberg (Bonn) und Herr Gustav W o 1 ff (Köln) über die Judeudebatte im preussisehen Abgeordnetenhause und die Nothwendigkeit eines „Allgemeinen deutschen Judentages', der als eine Vertretung aller Richtungen innerhalb der deutschen Judenheit zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte und zur Hebung eines berechtigten jüdischen Selbstbewusstseins beitragen solle. Die Redner, welche lebhaften Protest gegen die Art, wie Justizminister und Abgeordnetenhaus sich zur Interpellation Peltason gestellt hatten, einlegten und zugleich die unmännliche Erklärung des Kölner jüdischen Gemeindevorstandes zurückwiesen, fanden lebhaften Beifall. Eine entsprechende Resolution wurde mit allen gegen vier Stimmen angenommen. Kaufmännische Organisationen. Berlin. Am 10. Februar 1901 fand in Richters Hotel. Burgstrasse 12, die constituierende Versammlung des «Jüdischen Kaufmännischen Vereines" statt. Nach einem von Herrn A. R. Ha r t rn a n n erstatteten Referate, in welchem der Vortragende die Nothwendigkeit der Gründung eines jüdischen kaufmännischen Vereines und die Ziele desselben klarlegte, erfolgte die Constituierung des Vereines durch Annahme folgenden Programmes: Der „Jüdische Kaufmännische Verein" bezweckt die Pflege des jüdischen Selbstbewusstseins und der nationaljüdischen Gesinnung, sowie die Hebung der socialen Lage der jüdischen Kaufleute, insbesondere der Handlungsgehilfen. Der Verein steht auf dem Boden des BaselerProgrammes. Die Versammlung wählte sodann eine aus sieben Mitgliedern bestehende Statuten- Commission, welche am 24. Februar in der General-Versammlung den Statutenentwurf vorlegte. Nach der Annahme der Statuten erfolgte die Wahl des Vorstandes. *) Vgl. Nr, I, 6, 8, 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.