Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Article
- Zionistisches Streberthum
- Date
- 1901-03-08
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die $ Welt* Nr. 10 ärgere micht nicht einmal darüber. Ich bin ein altmodischer Mensch : ich glaube positiv an Wahrheit und Gerechtigkeit, Verleumdung lässt mich absolut kalt. „Ja, mein Lieber, aber die öffentliche Meinung, der jede Verleumdung willkommen ist und im Gedächtnis bleibt..." Die öffentliche Meinung möge es mir nicht übelnehmen, aber ich habe mich nie um sie gekümmert. Stellenjäger, Ehrgeizige, Intriganten mögen vor der öffentlichen Meinung zittern — ich kümmere mich um mein eigenes Gewissen. Damit wäre ich eigentlich fertig. Wenn die „Oesterreichische Wochenschrift" die Absicht gehabt hat, mich durch ihren kläglichen Tratsch, durch widerliche Entstellung und Zwischenträgerei in die Niederungen kläglicher Invectiven zu locken, so wird sie sich enttäuscht finden. Ich vertrage die Sumpfdünste der Intrigue nicht, ich habe immer in gesunder freier Luft gelebt. Ueberdies habe ich zu Erwiderungen auf Schmähartikel einfach keine Zeit. Die Glücklichen von der „Oesterreichischen Wochenschrift", die sich dieses Plaisirchen gestatten können! Ich bin von früh bis abends mit Arbeit überhäuft. Also das ist beileibe keine Erwiderung; ich gehe aus den genannten Gründen grundsätzlich auf eine Schmähcampagne nicht ein. Aber ich glaube, meine Gesinnungsgenossen haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie das mir von Herrn Dr. Ho ff mann vorgeworfene Streberthum beschaffen ist. Das ist nämlich der Kern des Artikels. Der ganze zionistische Gedanke, die ganze Bewegung ist nach Herrn Dr. Hoff mann nur dazu da, um einigen Strebern emporzuhelfen. Als abschreckendes Beispiel, als Muster und Warnung gelte meine Person! Ich wühle und grabe seit Monaten und Monaten gegen die „Allianz", ich stelle verdiente Männer an den Pranger, ich reisse den Frieden der Gemeinde in Fetzen — und wozu alle diese Niedertracht? «Um einen Posten zu ergattern", nämlich eine Curatorstelle in der Baron Hirsch'schen Stiftung. Einen Posten? Eine dotierte Stelle also? Denn das heisst doch nach dem Sprachgebrauche der Gebildeten ein Posten. Nein, die Curatoren der Hirsch'schen Stiftung leisten ihre Arbeit ganz unentgeltlich, und solche „Posten" haben unter anderen David Ritter von Guttmann und Hofrath Ritter von G n i e w o s z „ergattert". Aber vielleicht ist Ehrgeiz im Spiel? Streberthum aus Ehrgeiz ist auch ein Begriff. Nun denn: Herr von Guttmann wird es bestätigen — wenn mein Wort einer Bestätigung bedarf — dass nicht ich, sondern ein anderer unserer Gesinnungsgenossen für den zu „ergatternden" Posten ausersehen und vorgeschlagen war, und dass meine entsetzliche Streberperson erst im letzten Moniente, als der in Aussicht genommene Herr plötzlich zurücktrat, verständigt wurde, es handle sich darum, einen zionistischen Vertrauensmann ins Curatorium zu entsenden : ob ich geneigt wäre, mich hineinwählen zu lassen. So fern stand ich dem ganzen Kampfe gegen den derzeitigen Vorstand der „Allianz", wie ich überhaupt der politischen un 1 agitatorischen Seite der zionis t i s c h enßewegung fernstehe und immerfern gestanden habe, dass ich von Verhandlungen zwischen der „Allianz" und der zionistischen Parteileitung einfach keine Ahnung hatte. So ist mein Streberthum beschaffen. Der zweite Vorwurf der „Üesterreichischen Wochenschrift" ist der, ich hätte einem jüdischen Schriftsteller den Kampf gegen Herrn Dr. Güdemann angekündigt, dem Herrn Oberrabbiner dagegen gesagt, ich hätte ihn nie mit ßewusstsein beleidigt. Nun denn, ich halte was ich Herrn Dr. Güdemann gesagt habe, vollinhaltlich aufrecht, und wer da behauptet, dass ich jemals gegen ihn einen Kampf geführt, gegen ihn eine Zeile geschrieben habe, der ist ein Lügner und hetzerischer Intrigant." Das ist von grundsätzlicher Bedeutung. Ich halte jede Polemik, die sich der Person des Gegners bemächtigt, für beklagenswert; ich habe mich noch nie dieser Kampfesweise bedient. Politiker mögen darüber anders denken; ich bin eben kein Politiker. Ueber den Vorwurf, ich hätte von Dr. Herzl in abfälligem Tone gesprochen, gehe ich mit Verachtung hinweg. Zum Schlüsse noch ein Wort. Ich fange an zu glauben, dass der ganze Artikel des Herrn Dr. Hoffmann, trotz der langen Polemik gegen Nordau und Herzl, doch nur dazu dienen sollte, mir den Weg ins Curatorium der Hirsch'schen Stiftung zu verlegen. Was mich auf diese Hypothese bringt? Die höchst merkwürdige Lücke in den Ausführungen des genannten Herrn. Er erzählt, Dr. Herzl habe drei Stellen in der „Allianz" und eine im Curatorium verlangt. Wie soll man sich das nun erklären, dass der geehrte Herr Gegner die volle Schale seines Zornes über die eine zu ergatternde Curatorstelle ausgiesst, während er die drei Allianz-Stellen vollständig vergisst? WTenn sich Herr Dr. Hoffmann vor der zionistischen Politik fürchtet, wo war grössere Furcht begründet, bei drei Zionisten in der weltumfassenden „Allianz" oder bei einem in dem eng umschriebenen, pädagogischer Arbeit gewidmeten Wirkungskreise des Curatorium^ der Hirsch'schen Stiftung? Welches besondere Interesse aber hat Herr Dr.Hoff'man, welches Interesse hat sein Spiritus rector — denn der Artikel ist, wie jedes Kind sehen kann, mindestens von noch einem anderen Herrn gearbeitet! — daran, gerade das grosse Curatorium der HirscrTschen Stiftung vor einer unheilvollen Person zu bewahren? Vielleicht werden die Herren vom Curatorium darauf die Antwort wissen; ich weiss sie nicht. Nur eines weiss ich: Der ganze Artikel macht den Eindruck, als sei es darauf abgesehen, einen öffentlichkeitsscheuen, unbespritzten Menschen durch einen gassenbübischen Ueberfall von der Theilnahme an genieinjüdischen Angelegenheiten wegzuekeln. Diesen Versuch mögen die Herren als misslungen betrachten. Professor D r. LeonKeUiier. Fragen der jüdischen Volkspolitik. i. Die politische Gleichberechtigung der Juden. (Discussion Dr. Max Nordau — G. C. P o 1 a k.*) Schlusswort an Herrn Dr. Max Nordau. Amsterda m, Februar 11)01. Sehl* geehrter Herr Doctov! Da es nicht meine Absicht war, Polemik zu führen, sondern zu betonen, dass in Amerika. England und Westeuropa jede jüdische Volkspolitik die den Juden zustehenden politischen Rechte im Interesse des Gesammtjudenthums verwenden solle, so ist der Zweck meiner zweimaligen Ausführungen grossentheils erreicht, indem Sie. hochverehrter Herr Doctor, meinen Schlussfolgerungen bezüglich Amerikas, Englands, Hollands, der Schweiz und Italiens beigestimmt haben. Umsomehr ist dies der Fall, da aus dem Hin- und Herschreiben ausdrücklich erhellt, dass Sie mit Ihrem „Zurück ins Judenthum" keineswegs die Absicht hatten, den Zionisten ein „Zurück ins Ghetto" zu empfehlen. Für die Höflichkeit, mir so ausführlich geantwortet zu haben, zolle ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank und erlaube mir noch einige allgemeine Bemerkungen hinzuzufügen. 1. Mit „Pöbel" habe ich immer sowohl den moralischen, als den intellectuellen Pöbel gemeint. Es fallen unter diesen Begriff also auch der bekannte P ü c k 1 e r, trotz seines Adels, Ahl war dt, obgleich er zu den Abgeordneten des Deutschen Reiches gehört u. s. w. ± Die in meinem Schreiben erwähnten 48 Seilen beruhen auf einem Druckfehler oder sind die Folge meiner undeutlichen Handschrift; natürlich meinte ich acht Seiten. o. Absichtlich habe ich Grossbetrieb, Stadt- und Staatsverwaltung zusammengefügt, denn der Eintluss der *) Vgl. Nummer 4, 5, 7, 8.