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Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Wien
Date
1901-03-01
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 „Die O Welt" Seite 13 Die Pj äsidentin dos Vereines, Fräulein Natalie Poilak hielt eine herzliche Ansprache hu die Gäste, worauf Fräul. in Rosa Kolimann die Vice-Präsidentin des Vereines, einen ebenso sinnigen als formvollendeten Prolog sprach, den sie ungemein wirkungsvoll zum Vortlage brachte. Ein Violin Vortrag des Herrn Josef Schon* folgte. Ebenso lebhaften Anklang fand Frau Raja Waldberg, Opernsängerin vom Stadttheater in Nürnberg. Besonders die Braga'sche Serenade, die Frau Professor Ida Leder er am Claviere und Herr Josef Schorr mit der Violine begleitete, weckte einen wahren Beifallssturm. Den Glanzpunkt des Programmes aber bildete die Aufführung eines Purimspieles „Megillath p]sther% welches von Herrn Carl Löwi t ungemein geschickt und mit wahrhaftigkünstlerischem Verständnisse in Scene gesetzt wrurde. Das Stück führt uns die Vision einer Dichterin vor Augen, die alle Gestalten der „Megillath Esther* lebendig werden sieht und aus dem Munde der Auferstandenen die Anregungen zu ihrer Dichtung erhält. Die einzelnen Gestalten wurden von den Damen: Fräuleins Adele Poppenscheller, Rosa Wolf, Mathilde Halpern, Rosa Kollmann und Malvine Wolf aussei-ordentlich gut verkörpert. Herr cand. jur. B. Felsenburg gab den Haman sehr wirksam und charakteristisch. An die Akademie, die wieder gezeigt hat, wie treffliches die „M ori a" zu bieten imstande ist, schloss sich ein sehr animirtes Tanzkränzchen. Jüdische Toynbee-Hallen. Erste Jüdische Toynbee-Halle in Wien. XX., Webergasse Nr. 13. Programm vom 1. bis zum 7. März 1901 : Freitag den 1. März: Bibelerklärung. Samstag den 2. März: Herr Dr. H. K a d i s c h: Wirtschaftliche Fragen. Sonntag den 3. März: Dr. M. T. Schnirer: Hygienische Fragen. M o n.t a g den 4. März; Leon Lichtgarn: Jüdische Künstler. Dienstag den 5. März: S. L ö w i t: Purim. Fortsetzung der Discussion über Wucher. M i t w o c h den 0. März: Herr Hoppmayer: Jüdische Polizei. Donnerstag den 7. März: Prim. Dr. Kornfeld: Psychologie. WW^MWWW^W^WW^/¥W^V^WWWW Schuld und Sühne. Von David Rothblum. Wenn man in meiner Vaterstadt von der „Mauer" sprach, so konnte unmöglich eine andere verstanden wer den, als die des Friedhofes. Jede andere Mauer musste näher bezeichnet und bestimmt werden. Nur die Friedhofmauer bedurfte keiner näheren Bestimmung oder irgendeines Epithetons. Sie war so alt wie die Stadt und spielte keine kleine Rolle in dem Sagenkranze, der um das Ghetto gewunden wurde. Doch nicht nur das war der Grund ihrer Popularität. Sie stand nämlich auf der Grenze zwischen Tod und Leben. Innerhalb ihres Bereiches spielten sich unter der Regie des Todesengels die traurigsten Scenen ab, während ausserhalb der Umfriedung das Leben in seiner strotzenden Kraft jubelte und lachte. Längs der Mauer zog sich nämlich ein lachendes Feld dahin, das von einer herrlichen Wiese umgeben war, auf der während des Tages die Kinder jauchzten und beim hereinbrechenden Abend die sich liebenden Menschenkinder des Ghettos lustwandelten. Dort, wo diese Mauer sich erhebt, hat so manches jüdische Mädchen ihre glücklichste Stunde erlebt, hat so Mancher angesichts des Todes ein Bündnis für das ganze Leben geschlossen. Und so kam es, dass diese Mauer den Todten und Lebendigen bekannt war, den Jungen und den Alten, die, wenn sie schon an den Liebeständeleien keinen Antheil hatten, doch an den heissen Samstagen unter den hohen, längs der Mauer sich dahinziehenden stolzen Pappeln Kühlung Süchten. Und so kam es, dass auch Motl, seitdem er sich verliebt hatte, die liebe Wiese längs der Mauer aufsuchte. Seit seiner fernen Kindeszeit, die schon mit seinem siebenten Jahre abschloss, betrat nicht sein, Fuss diesen schönen Ort, nuf dem or sich mit seinen Cheder-Collegen unter der Aufsit hl des allgewaltigen „Belfere4 herumgetummelt hatte. Und als die Cheder-Zeit vorüber war, gab es wirklich keine Zeit mehr für Spaziergänge. Mit dem siebenten Jahre muss man doch endlich einmal beginnen, den Talmud zu studieren, und wer ernst lernen will, muss doch an alle übrigen Dummheiten vergessen. Und er hat in der That ernst gelernt. Er lernte in den hellsten und finstersten Nächten. Die Jahreszeiten wechselten ohne sein Wissen. Es störte ihn weder der schönste Mond, noch der brausende Sturm. Und m> ward er die Freude seiner Multer und der Stolz seinem Vaters, des Schächters, eines wegen seiner Einfachheit, Frömmigkeit und Pflichttreue in der Stadt sehr geachteter] Mannes, Da kam eines Tages das Unglück. Ein Stier, dem es gar nicht einfallen wollte, sich von dem kleinen „Schauchei/ das Messer durch den Hals führen zu lassen, entledigte sich seiner Fesseln und versetzte dem armen Schächter mit einem seiner Hörner einen solchen Stich in den rechten Arm, dass ihm derselbe amputiert werden musste. Da ka u Frau Sorge und klopfte an die Thür. Das Brot gieng wohl zuhause nicht aus, denn der arme Mann bezog eine kleine Pension von der Gemeinde, die gerade genügte, um seinem Weibe und den vier Kindern Brot zu kaufen. Da aber schon nach dem Ausspruche der Bibel der Mensch von Brot allein nicht leben kann, so begann es in dem Hause des Schächters recht traurig auszusehen. Im Winter, wo man auch für die Bedürfnisse des Ofens sorgen muss. steigerte sich das Elend in einem solchen Masse, dass der Schauchet einen Familienrath abhielt, zu dem er nebst seiner Frau seine beiden älteren Söhne zuzog und in dem nach längerem Hin- und Herrathen endlich mit bitterem Herzen beschlossen wurde, den ältesten Sohn Motl dem heiligen Studium zu entziehen und ihn einem weltlichen, mehr einträglichen Berufe zuzuwenden. Und so kam er in das Haus Chaim Beers, eines reichen Gefcreidehändlers, der in ganz Galizien Verbindungen hatte und dem Motl von nun an die jüdische Correspondenz führen sollte, wofür er Mittagstisch und einen kleinen monatlichen Gehalt erhielt. Auch sollte er hie und da die Söhne Beers im Talmud unterweisen. Es war zwar eine saure Arbeit, die den ganzen lieben Tag und noch etwas darüber in Anspruch nahm. Motl aber gab sich zufrieden, im Bewusstsein, dass er die Last seiner Erhaltung von seinen armen Eltern abwälzte und ihnen überdies noch einige Silbermünzchen monatlich zuführte. Wohl that es ihm vom Herzen leid, dem heiligen Studium entsagen zu müssen, doch er sagte sich, dass es doch Zeiten gelr\ in denen nach dem Ausspruche unserer Weisen das Thorn- Studium hintangesetzt werden müsse. Und so arbeitete er gewissenhaft und treu zur vollsten Zufriedenheit seines 1 h-rrn. bis ihm eines Tages etwas Schreckliches geschah. Es war nämlich an einem Freitag, als er, vom Bade kommend, in das Haus Chaim Beers trat,um noch eventuell.« Befehle entgegenzunehmen, aber den Herrn nicht antraf. Da muss man natürlich warten. Er zündete sich eine Cigarette an, ein „Drama", das er früher in zwei Theile getheilt hatte, und hielt das brennende Ende gegen die Handfläche, um sich an dem Feuer zu wärmen. Es war nämlich ein kalter Decembertag, an dem die „Vögel fielen". Er sass eine lange Zeit und fröstelte, als plötzlich ein junges Mädchen aus der Küche ins Zimmer trat und vor seinem Tische stehen blieb.. Motl erröthete tief und senkte die Augen, „Es ist Dir kalt, Motl," sagte das Mädchen mit weicher Stimme, „möchtest Du nicht ein Glas Thee? " Er war noch nie in einer so peinlichen Situation. Kr wusste ganz einfach nicht, was zu thun. Da man aber dennoch etwas antworten musste, so öffnete er den Mund und sagte etwas, das er selber nicht verstand. Hierauf entfernte sie sich und brachte ihm ein Gins Thee. Er schlug die Augen auf und sah sie an, Hess aber bald seine Blicke sinken. Sie blieb noch eine Weile stehen und sagte: „Du kannst immer einen Thee bekommen, wenn Dir kalt ist. Du brauchst es mir nur zu sagen." „Ich danke," lispelten seine Lippen. „Denn ihnen41, sagte sie mit vorwurfsvoller Sti in mo, wird es ja gar nicht einfallen, den Leuten, die ihnen dienen, einen Löffel warmen Wassers zu geben." Sie gieng und er sah ihr nach. Er wendete nicht seinen Blick von der Thüre, die während eines Momentes ihre zierliche Gestalt umrahmte. Es fiel ihm wie ein Stein von der Brust, als sie gieng, und dennoch war es ihm schwer auf dem Herzen. (Schluss folgt.)

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