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Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Die Medicin im alten Testament
Date
1901-03-01
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 „Die a£ Welt- Seile 11 fange der sogenannten Ge.rocomie, d. i. der Versuch abgelebte Greise durch Berührung mit jungen Personen zu verjüngen. Von den Heilmitteln sei dem Buche Ebsteins nur das entnommen, was vom Autor über den Wein berichtet wird. Dass der Wein als Heilmittel bereits in den Schriften des Alten Testaments und in den apokryphisehen Büchern gewürdigt wurdp. darf aÄan als sehr wahrscheinlich annehmen. Wie sollte der Rath in den Sprüchen Salomonis wohl auch anders gedeutet werden, wo es heisst: „Gebt Rausehtrank dem, der am Untergange ist, und Wein solchen, deren Seele betrübt ist. Der mag trinken und seine Armut vergessen und seines Leides nicht mehr gedenken." Es ist gewiss nicht zufällig, dass in solchen Fällen gerade der „Rauschtrank" empfohlen wurde. Auch wir wenden in solchen Fällen nicht die gewöhnlichen alkoholärmeren, sondern die starken, an Alkohol reichen Weine an. weil ihre belebende Wirkung doch eine entsprechend stärkere ist. Eines solchen Weines bedarf aber der Mensch, der am Untergange ist. Freilich nicht allein als Reizmittel wird der Wein an dieser Stelle der Sprüche Salomonis gepriesen, sondern auch als Tröster für Betrübte, die ihres Leides vergessen sollen. In ähnlicher Weise hat Rückert gesagt: „Wein ist der Glättstein des Trübsinns, der Wetzstein des Stumpfsinns, der Brettstein des Siegers im Schach." (Mnkamen 1. 99 Nr. 10). In dem Befehle: „Gebt" liegt zugleich die stillschweigende Voraussetzung, dass der Geber abwägt, dass durch den Wein nicht mehr bewirkt wird, als dass seine erregende Wirkung auf der einen und seine beruhigende auf der anderen Seite zum Ausdruck kommt. Mehr wäre von Uebel! □ Georg Hirschfeld: „Der junge Goldner". Von Max Aram. Bei allen Völkern mag die Kunst wie die Liebe etwas sein, das sich über die nationalen und confessionellen Schranken gern hinwegsetzt. In dem Prologe, den Gerhard Hauptmann für die Eröffnung des Deutschen Theaters gediehet hatte, heisst es von der Mission der Kunst: Bürger, Arbeitsmann und Kaiser, Christ und Jude, hingerissen. Werden billiger und weiser, Menschen sich erkennen müssen. Es ist das Selbstverständliche, dass das Kunstwerk in dem Bannkreise der Nationalität bleibt, der der Künstler eben angehört. Wenn früh, eh' die Hähne kräh'n', eh' die Sternlein verschwinden, das verlassene Mägdlein am Herde stehen und Feuer zünden muss, so ist ein speeifisch Deutsches aus dem Gemälde nur von einem von tiefster Feinheit beinahe entgleitenden Herzensgefühle aufzuspüren. Unzählige haben, gewiss nicht ohne Berechtigung, in dem mittelalterlichen „Fäuste-Milieu der farbigen Butzenscheiben, Erker, Landsknechte und Scholaren etwas ganz eigen Deutsches gesehen, und Turgenjew wollte im „Faust" etwas speeifisch Russisches finden. Das speeifisch Nationale an einem Kunstwerke ist eben nur das Secundäre, das dem rein Künstlerischen, also dem rein Menschlichen durchaus nur nachhinkt. Aber bei den Juden ist es auch damit ganz anders als bei allen anderen Völkern bestellt. Das Problem des modernen jüdischen Schicksals mag ja gerade darin bestehen, dass es den Juden nicht vergönnt wird, sich als reine Menschen zu betrachten, sondern, dass sie sich wegen ihres Mangels an irgendeinem nationalen Boden als von der übrigen Culturmenschheit verschieden empfinden müssen. Eigentliche nationale Strömungen, wie etwa die Einheitsbestrebungen einer zersplitterten Nation, sind dabei durchaus nicht die Bedingung für eine nationale Kunst. Wenn sie die Kunst berühren, geschieht es zumeist in einem vernünftigen Sinne, wie in der Epoche 1843; als die deutsche Nation sich von allen politischen und nationalen Träumen abgewandt hatte, in den Fünziger- und Sechzigerjahren des nennzehnten Jahrhunderts, kam das Zeitalter einer classischen Nachblüte herauf, und die sogenannten silbernen Classiker, wie Gottfried Keller, Strom, Hebbel und die anderen marschierten auf. Für die Bedingungen einer nationalen Kunst würde es schon genügen, wenn die Juden auch nur den nationalen Boden eines eigenen und separierten, privaten Beieinanderwohnens hätten, ohne nach anderen Bezirken hinwegzuschielen: wie etwa die Polen. Aber die Juden ermangeln in der Gegenwart auch noch dieser Grundlage für eine nationale Kunstübung, und wenn sie jetzt von jüdischer Kunst sprechen wollen, so mag ihnen nichts anderes übrig bleiben, als dass sie dazu jedes Kunstwerk zählen, das von einem Juden geschaffen worden. Wenn sie in jedem Kunstwerke eines Juden Beziehungen zu der speeifischen Eigenart des jüdischen Lebens fordern, vergiften sie gleichsam die Kunst. Sie sehen an einer Dichtung noch nichts Jüdisches, wenn nicht auf jeder Seite das Wort „Jude" wiederkehrt, und selbst hochbegabte junge Zionisten können noch erstaunt fragen, was denn Georg Hirschfelds „Agnes Jordan" eigentlich mit dem Judeuthum zu thun habe. Der Kunstverständige wird zumal nicht anders verfahren wollen, als dass er alles, was eben Juden geschaffen haben, zu einem besonderen Häuflein zusammenträgt. Ein neues Werk von Georg Hirschfeld würde demnach unter die in dieser Zeitschrift übliche Betrachtungsweise fallen, auch wenn es gar keine Beziehungen zu irgend etwas Jüdischem hätte. Und im „Jungen Goldner", ist ein grosser, ja sogar der grösste Theil der Personen als Jüdisch" charakterisiert. Es sind die künstlerich bestgelungenen Gestalten in dem Stücke. Die Familie Goldner, vor allem der herzensgute alte Redacteur, sind mit einer beinahe Jean PauTschen humoristischen Innigkeit dargestellt und hier mag Hirschfeld aus der kräftigsten Quelle eines jüdischen Künstlers, aus dem Familiengefdhl schöpfen. Der vor lauter Temperament der Haltung entbehrende Dr. Johannesburger ist die bei weitem charakteristischeste Gestalt unter den Nebenfiguren, und selbst so flüchtig skizzierte Gestalten wie der Commercienrath Elkan und seine Gemalm überragen noch an charakteristischer Deutlichkeit die entsprechend zurücktretenden anderen. Aber wenn das neueste Werk Hirsch fei ds einen schwächeren Eindruck zurücklässt, so kann es doch nur in rein künstlerischen Ursachen liegen, und in derThat dürfte hierbei vornehmlich die ausserordentliche Winzigkeit des Grundmotivs ins Gewicht fallen. Der rein literarische Conflict ist in keine genügend überzeugende Analogie zu grösseren, rein menschlichen Gegenständen gebracht und durch ein Symbol bedeutsamer gemacht worden. Dazu kommt noch, dass selbst die Gestalten, die dem Dichter gelungen, nicht die goldene, runde Vollkraft zeigen, die etwa den Gatten der „Agnes Jordan" auszeichnet. In den „Müttern", in „Zu Hause" und in „Agnes Jordan" gab der junge Poet realistische Darstellungen von so entzückender Feinheit, dass wir uns vorstellen können, wie sich spätere Generationen an ihnen ebenso erfreuen würden, wie wir an den besten Genrebildern der niederländischen Maler. Diese Darstellungen von Menschen, Stuben und Gegenständen haben den Ewigkeitszug, weil über ihnen eine gleichsam stahlfarbene Luftschicht schwebt, die der Dichter zu der Wirklichkeit hinzugethan hat. Der Realismus erhält den Ewigkeitsgehalt durch den Lyrismus des Dichters. Gegen diese beinahe classische Höhe seiner naturalistischen Dichtungen, mit der sich Georg Hirschfeld zu den Dichtern der „Weber",-des „Biberpelz" und der „Jugend" gesellt hatte, mag das neueste Werk freilich wie ein Abstieg erscheinen. Aber es lässt doch erkennen, dass der junge Dichter so leicht zu dem, was seine ungewöhnliche Kraft ausmacht, zurückkehren kann : zu einer hinreissend innigen und schlichten Darstellung der Wirklichkeit

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