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Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Die Jüdin
Date
1901-03-01
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seile 10 O Welt*c Nr. 9 Seit dem Tod des weisen Jakob Waren Jahre schon verflossen. Dreimal hatte schon der Frühling Seine Blüten ausgegossen. Und des Ghettos schönste Jüdin Oeffnete des Friedhofs Pforte, Um den Todtensang zu singen An des Vaters gutem Orte. Ihres Vaters Erde schmückten Junge Gräser, Epheuranken, Kleine weisse Glitz er steine, Die des Frühlings Wärme tranken. Leise zog sie aus der Erde Einen Grashalm nach dem andern, Legte Steinchen drauf und Hess die Thränen zu dem Todten wandern. Und sie weinte lange Stunden, Bis zum Abend, da die Sterne, Wie verträumte Jugendtage, Grüssten aus der blauen Ferne. Und sie weinte, wie ein Mädchen, Das der Väter stolzen Sitten Nicht gefolgt und für die Sünde Ihres Volkes Fluch gelitten. * In dem Haus des weisen Jacob Schien das Leben ausgestorben, Gleich als hielte ein Geheimnis Sich darinnen scheu verborgen. Und man merkte, wie die Juden Aengstlich-still vorüberschlichen. Das Erinnern an den Weisen War seit langem schon gewichen. Denn das Ghetto hatte seine Schönste Rahel längst verloren, Weil sie, liebend, einen Fremden Sich zum Manne auserkoren. Und das Volk der Gasse sagte, Dass den Glauben sie geschändet, Dass sie bloss aus eitlen Lüsten Ihre Weiblichkeit verpfändet. * Immer wenn der Sabbath nahte, An dem Abend, der vom Leide Ein Erlösen bringt und Heilung, Und das Volk im Feierkleide Zum Gebet des Herrn versammelt, Strahlte Licht aus den umflorten Fenstern des verfluchten Hauses Und aus allen seinen Pforten — — Also feierte die Rahel Ihren Vater, ihren Glauben, Denn ihr konnte nicht der Fremde Ihren Seelenadel rauben. Und alljährlich, wenn der Frühling In die Gasse war gekommen, Und der letzte Gruss des Tages In den Wolken war verglommen, Pflückte Rahel auf dem Grabe Einen Gra lialm nach dem andern, Legte Steinchen drauf und liess die Thnii-fii zu dem Todten wandern. Jüdische Wissenschaft und Literatur. Die Medicin im alten Testament/) Von Dr. Wilhelm Ebstein, Geh. Medicinalrath und o. ö. Professor der Medicin. Der berühmte Verfasser des Buches zieht nicht nur die Krankheiten, die Hygiene, die Medicamente etc. der Israeliten und — so weit es mit dem Pentateuch zusammenhängt — auch die der Völker in Betracht, mit denen jene in ihren Kämpfen und Eroberungszügen in Berührung kamen, sondern er bezieht auch alle sonstigen physischen Verhältnisse, Kleidung, Wohnung etc ein. Was erstere betrifft, so ist das Verbot merkwürdig: „Es darf Dir nicht ein Kleid auf den Leib kommen, das aus zweierlei Fäden zusammengewirkt ist." Die Gründe für dieses Verbot sind nicht einleuchtend. Sollte es in der Absicht erlassen worden sein, um die dabei doch sehr leicht möglichen Betrügereien zu verhüten, indem minderwertiges und kostspieligeres Material gleichzeitig in demselben Stück verwebt und für einen zu hohen Preis verkauft wurden? Ein grosses Gewicht wird in der Bibel auf die Vermehrung gelegt. Unfruchtbarkeit wird als Schmach angesehen. Es gab darum nach Ebstein verschiedene Mittel, um diese zu bekämpfen. Ausser dem göttlichen Einflüsse werden Heilmittel erwähnt. Es handelt sich um die Früchte, die in der Bibelübersetzung von Kautzsch als Liebesäpfel bezeichnet werden und die Hamilton für die Früchte von Mandragora officinalis hält, einer den Solaneen zugehörigen Pflanze, die in Südeuropa heimisch ist und deren Wurzelstock als Zaubermittel und Amulett gebraucht wurde. Es ist eine Giftpflanze, deren sehr giftige Wurzel heute noch ausnahmsweise in Apotheken gehalten wird. Die Frucht der Mandragora wird von Hamilton als eine kugelige, gelbliche Beere von Kleinapfelgrösse geschildert. Das hohe Lied VII, 1°2 und folgende besingt sie in begeisterter, allerdings dem Geiste jener Zeit angemessener — sehr freier Weise: „Komm, mein Geliebter, lass uns hinausgehen aufs Feld — wollen früh aufbrechen zu den Weinbergen — dort will ich Dir meine Liebe schenken! Die Liebesäpfel verbreiten Duft und an unseren Thüren sind allerlei köstliche Früchte; frische, auch alte, mein Geliebter, habe ich Dir aufbewahrt." Im I. Buch Moses aber, Cap. 30, Vers 14, wo Rahel zu Lea spricht: „Gieb mir doch ein Paar von den Liebesäpfeln Deines Sohnes!44 entspann sich darob Rede und Gegenrede. Alles drängte bei den Israeliten nach einem reichen Kindersegen. Allerdings wird auch zur Mässigung gemahnt. Wir lesen im Prediger 11 und 12 eine dahinzielende Aufforderung zu nützlicher Anwendung der Kräfte, bestehend in einer Warnung vor Unregelmässigkeit im Essen und in Verhaitungsmassregeln dem Arzte gegenüber, in Krankheit und bei Todesfällen, ferner in den Sprüchen Jesus, des Sohnes Sirachs 37, 27; sowie die Mahnung zu strenger Kinderzucht (ebenda Cap. 30), Viele andere Stellen des Alten Testaments und seiner apokryphischen Bücher lassen sich nach Ebstein in ebenso eindringlicher wie verständiger Weise angelegen sein, Winke für eine gesundheitsgemässe Lebensführung zu geben und die ersten Hebel dazu in einer guten Erziehung der Jugend einzusetzen. Sprichwörtlich sind auch heute noch die Worte des Predigers in dem Vers 1 des bereits angeführten 12. Capitels, wo er, an den Jüngling sich wendend, an die bösen Tage erinnert, die kommen werden, und mahnt, dass Jahre herannahen, „von denen Du sagen wirst: sie gefallen mir nicht". Die Beschwerden des Alters sind vielfach in den biblischen Urkunden hervorgehoben: die Mängel des Gesichtes und die Stumpfheit des Geistes werden ganz besonders betont. Freilich Moses' Augen waren, als er starb, nicht erloschen und seine Frische nicht geschwunden (V. Buch Mose 34. 7). Indes darf daraus, dass dies als besonderer Vorzug angeführt wird, raturgemäss geschlossen werden, dass Moses darin eine Ausnahme von der Regel bildete. „Als der König David", so heisst es im Buch der Könige 1, 1, „alt und hochbetagt war, konnte er nicht mehr warm werden, obgleich man ihn in Decken einhüllte. Seine Diener riethen, eine Jungfrau zu suchen, die ihm aufwarte und ihm als Pflegerin diene"; „wenn sie an Deinem Busen liegt," sagten sie zu dem alten König, „werde er warm werden." Man fand auch ein solches und zwar sehr schönes Mädchen, sie wurde des Königs Pflegerin und bediente ihn. Ob sie ihm aber mehr Wärme verschaffte, ist nicht gesagt. Das sind die *) Stuttgart Verlag von Ferdinand Enke. 1901.

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