Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Feste des Lebens
Date
1901-03-01
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315915-3395124--24896-3395221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 „Die Weit4* Seile 9 Alles gilt mir meines ßlutstammes Schönheit und Glück. Und ich weiss : die kann er nur gewinnen in seinem Volksthum. Und ich weiss : ein Volk, das keine Heimat hat, muss durch ein lebendiges Band von gemeinsamem, bedeutungsvollem Erleben die heimatliche Einheit ersetzt sehen, wenn es ein Volk bleiben soll. Rein geistige Güter sind kein solches Band: man sieht sie nicht, hat kein Bild von ihnen, hält sie nicht. Organische Einheit kommt nur von sichtbaren, greifbaren Dingen, die in das ursprüngliche Sinnenleben des Volkes sich stark hineinweben und eine heimatliche Stimmung, ein volksthümliches Wesen erzeugen.-So, nur so entstehen Gefühle der Zusammengehörigkeit, Thaten der Volksbefreiung. Feindlich anstürmendes Schicksal mag sie zuletzt auslösen, werden und wachsen können sie nur in der stillen, warmen Atmosphäre der Volkssitten, unter der milden Sonne der alten, ewig neuen Feste. Darum liebe ich Euch. Feste meines Volkes! Nicht weil Euch ihm ein Gott befahl. Ich habe gelernt, ehrfurchtsvoll beiseite zutreten, wenn himmlische Satzungen des Weges einherschreiten. Aber ich liebe Euch, weil mein Volk sich selbst befehlen muss, Euch zu wahren. Euch — nicht als sinnlose Ceremonien, sondern als sinnvolles BUderschaffen, als Qmsetzen der alten Erinnerungen, der alter Freuden und Martern in Kunstwerke des Lebens. Die grossen Schicksale gehen durch die Jahrhunderte, um endlich auszuströmen in dieses concentrierte zweite, symbolische Erleben : die Festtage. In Euch, Feste meines Volkes, spricht sich die einheitliche Seele der Todten und der Lebenden aus, und die Volksseele kann durch Euch, in Euch geschaut usd geliebt, die schlummernden Keime wecken. Ihr seid ihr Körper, und sie wirkt durch Euch, weil nur Körperliches unmittelbar wirken kann; aber Seele bleibt sie und Seele ist der letzte Sinn ihres Thuns. Und so schöpft sie aus dem Leibe, den sie sich geschaffen, ewig neues Leben. Wie der Künstler aus dem Stoff der Erde sichtbare Werke schafft, in die er sein Seelenerleben legt und die im Empfangenden wieder zu Seelenerleben werden. Sitten sind Volkskunst, wie Lieder und Tänze, „allheilig dem, der ihre Seele sucht". Darum liebe ich Euch, Feste meines Volkes, wie ein Kind seine Mutter liebt. Und will zu Euren Füssen sitzen und Euren Mären lauschen und schauen, wie Euch in unseren Tagen eine neue Weihe wird und ein neuer Glanz: wie der lebendige Aehrenkranz der Auferstehung auf Euer Haupt gelegt wird und Euer Angesicht sich verwandelt. Und will von Euren Händen das Geschenk der Kraft nehmen, die Schönheit wird, und das Geschenk der Heiligkeit, die nicht hinter den Wolken ihren Sitz sucht, sondern im Wogen des Erdentages, und das Geschenk der Reife, die Unendlichkeiten in ihrem Schosse trägt und sich doch geruhig im Gegebenen auslebt. Und will hinausgehen und Euer Reich verkünden. * * * Euch aber, Ihr Braven, Uebereifrigen, Kurzsichtigen, die ihr immer die Sache des „Fortschritts" gefährdet sehet, wenn ein Traum von grosser Lebenskunst auftaucht, Euch sei es gesagt, dass ich nicht zurückgehen will, sondern — über Euch hinaus. Denn während ich zu den alten Festen zurückkehre, sind sie neu geworden. Nun komme ich nicht zu starren Denkmälern schützender Tradition, sondern zu jungen Weihegärten eines jungen Volkes. Nicht zu Festen todter Vergangenheit, sondern zu Festen lebendiger Zukunft. Dies ist meinem Volke vorbehalten : das Werdende zu feiern, das künftige Erringen, die geahnte Wiedergeburt, das Jahresleben der wiedergewonnenen Fruchterde, die Geschichte des Halmes und des Weinstockes; Feste zum Gedächtnisse der Bauern, die noch nicht geboren sind, Feste, deren alte Formen neuer Inhalt und Wert belebt,Feste, in denen schon neue Formen wie Olivenzweige durch die Dämmerung glühen, Feste, welche die Geschichte des neuen Judenlandes an die Geschichte des alten knüpfen, Feste, die das ganze Schicksal einer Volksseele erzählen. Martin B u b e r. Die Jüdin-). Eine Dichtung von Adolph Donath. Kam der Frühling in die Gasse, Und von seinen hellen Strahlen Schimmerten der Mädchen Haare Wie von glänzenden Opalen. Und es weitete die Sehnsucht Die ergrauten Ghettomauern, Wo Gestrüpp und Dornensträucher Um des Volkes Freiheit trauern, Wo der Widerhall nur zittert, Wenn die Juden Todte bergen, Wenn die Erde rinnt auf Erde Von den holzgebauten Särgen . . . * Kam der Frühling in die Gasse, Nur die schöne Rahel klagte, Weil der Vater ihr die letzten Wünsche seines Lebens sagte. Denn ins Haus des alten Jakob, Den die ganze Stadt verehrte, Dessen Weisen Rath und Aussprach Auch der Fremde stets begehrte, Schlich der Tod. Die schöne Rahel Faltete die jungen Hände, Als der rothe Glanz da- Sonne Glühte durch des Zimmer Wände Und des Todten Stirne küssto, Wie zum Dank, dass er geboren, Um zu bessern, die den Glauben An ihr eignes Selbst verloren. Rahel war die schönste Jüdin. Ihres Mundes Perlen zahne Glänzten wie der Silberschimmer Einer bergkristaü'nen Thräne. In der schwarzen Glut der Augen Und dem Feuerschein der Waagen Schien das zaubergleiche Bildnis Einer Märchenwelt zu hangen. Und der Wohllaut ihrer Stimme Klang wie seelisches Frohlocken. Und die Hände waren weisser Als die weissen Maienglocken. Habel war die reichste Jüdin. Ihres Herzens Kostbarkeiten Linderten die stumme Armut Weltvergessener Einsamkeiten. Rahel war die ärmste Jüdin. Trug man doch den Einzig-Gute", Ihren Vater, doithin wo die Ewig Friedevollen ruhten. * *) Aus dorn noch ungedruckton Bun'i»»: „Li^h»'". Neue Gedieht«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.