Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Noch ein Wort zur "jüdischen Realpolitik"
Date
1901-03-01
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315915-3395109--24865-3395219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 9 „Die & Welt66 Seite 7 in den Kerkern, und dennoch werden in Bezirken, in denen 80 70 Ruthenen, 15 °/0 Juden und 5 % Polen wohnen, polnische Grafen und Fürsten gewählt. Bedenkt man, dass die Ruthenen ein christliches Volk sind, dass sie kleine Grundwirte sind, denen der „Graf" nichts anhaben kann, dass sie vielfach die Arbeitslöhne dictieren können etc., so wird man sich beiläufig vorstellen können*, was die Juden ausrichten würden, wenn sie „nationale Politik" in Oesterreich treiben wollten . . . Mehr noch. Ich halte die Organisation in politischen Vereinen und Verbänden für wert- und zwecklos. Sie sind entweder Cliquen, dazu bestimmt, einzelnen Personen Stellungen und Orden zu sichern, oder sie sind Geheimbünde, die im ewigen Kampfe mit der Staatsgewalt stehen. Das haben Deutsche und Czechen längst erkannt, und ihre Hauptstärke liegt in Turn-, Gesangs-, Volksbildung s-, Arbeite r- und ähnlichen Vereinen. In diesen wird der nationale Geist gepflegt, in diesen für die geistige, wirtschaftliche und körperliche Hebung und implicite für die Gleichwertigkeit gesorgt. Dazu kommt bei Deutschen und Czechen der sprachliche Einschlag, bei uns Juden der Zionismus mit seinen über alles schönen Zielen. — Ich muss gerade aJs Zionist meine galizischen Brüder vor politischen Vereinen warnen; die zionistischen Culturvereine sind die bestmögliche Form der Organisation. Bei dieser müssen sie bleiben. Ich werde nicht ermangeln, gerade diese Seite der Frage noch näher zu beleuchten. Vorläufig schliesse ich und erwähne nur noch bloss, dass ich auf eine localpolitische Bukowinaer Angelegenheit, welcher Herr Dr. Mayer Ebner in seinem zweiten Artikel einen breiten Raum gewährt, deswegen hier nicht eingehe, weil ich die Spalten der „Welt" nur allgemein jüdischen Fragen gewidmet weiss und weil ich hierüber in einem Czernowitzer Blatte wiederholt meine Meinung unumwunden geäussert habe. Dass dieselbe das Gefallen des Herrn Dr. Mayer Ebner nicht gefunden hat, kann mich nicht veranlassen, die Leser der „Welt" mit einer Angelegenheit zu belästigen, die für sie kein weiteres Interesse hat. Damit will ich aber auch meine Polemik mit Herrn Dr. Mayer Ebner endgiltig geschlossen haben. Vivant sequentes I Czernowitz, im Februar 1901. Die Ministerkrisen in Rumänien und die Judenfrage. P. P. Carp, der jüngst als Ministerpräsident demissioniert hat, ist wieder Ministerpräsident geworden und ist es heute wieder nicht mehr. Es konnte dem fähigen Manne nicht gelingen, die Steuer vorlagen durchzubringen, mit deren Hilfe er die finanziellen Verhältnisse des Landes sanieren wollte. Die Opposition, die ihm, ehe er zum zweitenmale die Leitung des Ministeriums übernahm, ihre Unterstützung zugesichert hatte, Hess ihn rücksichtslos fallen. Mit 75 gegen 74 Stimmen wurde in der Kammer ein Vertrauensvotum für die Begierung abgelehnt. Carp ist daher neuerlich vom Ministerium zurückgetreten — wenn auch nicht vom politischen Schauplatze. Man wird sich wohl seiner früher oder später wieder erinnern, vielleicht erst, wenn die Noth zu gross geworden sein wird. Während der politischen Krisen, die das öffentliche Leben erfüllen, denken die Rumänen natürlich nicht daran, die entsetzliche Situation der Juden zu mildern. Im Gegentheile: Jede neue staatliche Verfügung, die die schwierige wirtschaftliche Lage der ärmeren rumänischen Volksmassen erleichtern soll, führt direct oder indirect zu judenfeindlichen Massregeln. Ein Beispiel für viele: Die Verhältnisse des Handwerkerstandes werden gesetzlich geregelt. Jeder weiss, dass das für Rumänien nichts anderes bedeutet als : Verdrängung der Juden. Die ganze Tragweite dieses Gesetzes wird sofort klar, wenn man sich vor Augen hält, dass die Juden durch die gesetzlichen Bestimmungen von den leitenden Comites ausgeschlossen, hingegen der Jurisdiction ebenderselben Comites unterworfen sind. So sieht es aus, wenn die Judenfrage „gesetzlich geregelt* wird. Ueber das neue Ministerium verlautet noch nichts Bestimmtes. Welches es aber auch immer sein mag — es wird einen ungeheuer schweren' Stand haben, wenn es die rumänische Hauptfrage, die finanzielle, lösen soll, und wird nolens volens die Juden schädigen, wenn es zui Hebung des Staatshaushaltes irgendwelche Steuern einführt. Denn die Rumänen sind es gewohnt, sich für derartige Zwangsmassregeln an den Juden schadlos zu halten. * Ausserordentliche General-Versammlung der russischen „Chowewe Zion". (Original-Telegramm der „Welt".) Odessa, 27. Februar 1901. Die aus Anlass des zehnjährigen Bestandes des „Odessaer Comites zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Palästina* einberufene General-Versammlung wurde heute unter ausserordentlicher Betheiligung eröffnet. 1800 Personen und 70 Delegationen, darunter bekannte und bewährte Männer des Judenthums, nehmen an der Versammlung theil. Schon die imposante Zahl der Theilnehmer erweckte grossen Enthusiasmus. Man betrachtet diese Versammlung als ein aussergewöhnliches, bedeutungsvolles Ereignis. Heute wurde beschlossen; Es sei eine Delegation an Baron Rothschild und die „Jewish Colonisation Association" nach Paris zu entsenden, welche diese bestimmen solle, die Verhältnisse der Colonisten zu verbessern und sich insbesondere der brotlosen Arbeiter anzunehmen. Ueberdies wurde die Gründung eines Hilfsfonds beschlossen. Bernard Lazare und die politische Gleichberechtigung der Juden. Von Herrn A. Ludvipol in Paris ist uns die folgende Zuschrift zugekommen : Paris, 21. Februar 1901. Geehrter Herr College! In Nr. o der „Welt", Seite 5, sprechen Sie bei der Anführung des Artikels von ßernard Lazare aus dem „Hador" die Annahme aus, dass dieser Artikel unseres Gesinnungsgenossen vor demjenigen Max Nord aus geschrieben worden sei. In der That, Ihre Annahme entspricht der Wirklichkeit. Der Artikel Bernard Lazares ist nichts als ein Vortrag, gehalten im Frühjahre 1898 im Consistorialgebäude in Paris im Beisein von mehr als 500 Personen, unter denen sich viele französische Juden befanden, u. a. der Grossrabbiner Zadoc-Kahn und Herr Narcisse Leve n. Die hebräische Uebersetzung dieses Vortrages wurde von mir nach dem Original-Manuscripte im Juli 1898 vorgenommen und dem Verlag „Achiasaf* eingeschickt, um in dem Achiasaf-Kalender desselben Jahres abgedruckt zu werden. Infolge von Umständen, die mit den EntSchliessungen der Redaction dieses Jahrbuches nichts zu schaffen hatten, konnte der Artikel Bernard Lazares dort nicht veröffentlicht werden. Die Umstände wechselten, und der Verlag „Achiasaf, in dessen Händen der Artikel zurückgeblieben war, konnte ihn in den ersten drei Nummern seiner neuen Zeitschrift, des „Hador", abdrucken. Es thut der Bedeutung dieser Ausführungen sicherlich keinen Abbruch, wenn ich hinzufüge, dass Bernard La zar e die Anschauungen, die er in diesem vor ungefähr drei Jahren im Saale des Consistoriums abgehaltenen Vortrage entwickelt, mir gegenüber lange vor Beginn des Jahres 1898 mehr als einmal im Privatgespräche auseinandergesetzt hat. Mit collegialem Grusse A. Lu d vi p o 1, 13, Rue Berthollet, Paris 5 a,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.