Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Article
- Der Humorist
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die x£Welt*- Nr. 9 „Hegen Sie in Betreff des Antisemitismus irgendwelche Befürchtungen für die Zukunft?" forschte die Interviewerin weiter. Jm Gegenthei 1," erwiderte der Oberhumorist. „Ich hin ein Optimist und erwarte von der Zukunft ein Wiederaufleben der früheren günstigen Verhältnisse . . . Das Vaterland kann die Juden nicht entbehren . . . Wir können um unsere Zukunft unbesorgt sein . . . Der Antisemitismus ist auf den Aussterbeetat gesetzt . . . Das Volk ist zu gutmüthig, als dass es noch lange an der religiösen Intoleranz Gefallen finden könnte." Dr. Güdemann resümierte schliesslich salbungsvoll : „Sterbliche Mächte können uns nichts anhaben, weder in Oesterreich noch anderwärts. Betrachten Sie uns, betrachten Sie unsere Häuser, unsere Synagogen. Sehen Sie sich unser häusliches, unser geschäftliches, unser öffentliches Leben, unsere Wohlthätigkeits-Anstalten und unsere Erziehungs-Institute an und sagen Sie mir, ob Sie Anzeichen der Zersetzung wahrnehmen können. Ich kann nicht gottlob, ich kann nicht." . . . Draussen war's indes trüb und nebelig. Weit und breit kein Zola da. Lustig wucherten die Keime des Antisemitismus. Ein jüdischer Hausierer wurde von einem gutgearteten, vergnügungssüchtigen Wiener aus dem Volke weidlich durchgeprügelt. Dr. Güdemann versank in einen Traumzustand. Er träumte von seinem Orden und von der Zukunft des jüdischen Volkes. Plötzlich lichtete sich der Himmel und durch schweres Gewölke brach siegreich der goldige Schimmer der Sonne. Alle Keime des Antisemitismus welkten im Nu ab. Siehe da! Höchlich amüsiert fiel Dr. Lueger dem Dr. Güdemann um den Hals. Man hatte die beiden Schäker auch gar zu ernst genommen ... M. Z. Noch ein Wort zur Jüdischen Realpolitik".*) Von Dr, Ph. Menczel. Eine Discussion, an der sich nur zwei Federn betheiligen, hat stets das Missliche an sich, dass sie schliesslich zu einem Artikelduell ausartet. Das lag gewiss nicht in meiner Absicht, als ich in Nr. 4 dieses Blattes die Behauptung aufstellte und zu begründen suchte, es gebe keine jüdische Nationalpolitik ausserhalb oder neben dem Zionismus, dass vielmehr jüdische Nationalpolitik und Zionismus reciproke Begriffe seien. Jener Spielart, die sich „Realpolitik* nennt und gleichfalls auf das Epitheton „national" Anspruch erhebt, that ich nur nebenbei Erwähnung, und ich erwartete nicht, dass gerade ein soi disant orthodoxer Zionist in die Arena treten wird. Die Zionisten, bei denen der jüdische Heimatgedanke nach nicht zum wesenlosen Schein herabgesunken ist, haben mich verstanden. Meine Ausführungen waren an die Adresse unserer ..jüdisch-nationalen" Freunde gerichtet, die ich zum Anschlüsse an den politischen Zionismus, als diejenige Richtung, welche allein j ü-d ischnational ganz und voll ist, zu bewegen gehoffc hatte. Was'sagte ich nun? Ich wies darauf hin, dass dasjenige, was sich jüdische Real- oder Nationalpolitik nennt, eigentlich nur Socialpolitik — notabene etwas sehr Löbliches — ist, dass aber —- ich glaubte es überzeugend dargethan zu haben — jüdische Nationalpolitik einzig und allein Zionismus sei. Von den Behauptungen und Argumenten, die ich damals ins Feld führte, nehme ich auch heute kein einziges Wort zurück. Zu meinem nicht geringen Erstaunen führte sich als erster und bis zur Stunde einziger Contra-Redner ein Herr ein, der behauptet, ein strenggläubiger Zionist zu sein, und für sein Phantom, das er Realpolitik nennt, mit einer Leidenschaftlichkeit eintritt, die einer besseren Sache wTert wäre. In dem ersten Artikel identifizierte Herr Dr. Mayer Ebner die Realpolitik mit Schacherpolitik und suchte diese zum wirksamsten Mittel bei der Erkämpfung der „vollen Gleichberechtigung und Gleichwerthigkeit" emporzuheben. Als ich erwiderte, dass dieses merkwürdigste aller politischen Dogmen im crassen Widerspruche zur klaren zionistischen Argumentation stehe und dass es Hindernisse gibt, welche selbst eine solche, einem feineren Geschmacke nicht zusagende Ausnützung der den Juden zur Verfügung stehenden politischen Rechte nicht zulassen, macht Herr Dr. Mayer Ebner in einem zweiten Artikel, geltend, dass ich den Bezirkshauptmann fürchte. Nun, in dieser Beziehung kann ich den Herrn Opponenten beruhigen : ich für meine Person fürchte nicht den Bezirkshauptmann; ich fürchte nicht einmal diejenigen, welche glauben, mit *) Vgl. Nr. 4, G u. 8. Schacherpolitik den galizischen Bezirkshauptmann mürbe machen zu können. Ich habe bloss die Verhältnisse geschildert, wie sie sind und für unabsehbare Zeit bleiben müssen. Ich bin selbst galizischer Jude und masse mir an, auf diesem Gebiete eine Sachkenntniss zu besitzen, welche Leuten, die Galizien nur vom Hörensagen kennen, abgehen muss. Ich spiele aber auch keinen Trumpf aus, denn ich habe nur mit Widerstreben, und keineswegs, um den Herrn Dr. Mayer Ebner justament zu widerlegen, sondern nur, um nach bestem Wissen Klarheit in diese Frage zu bringen, kurz entgegnet. Herr Dr. Mayer Ebner hat aber auch das Wort ergriffen, um gegen „Soldschreiber" und „Leute mit beschränktem Gesichtskreise" zu polemisieren. Die Sache würde mich nun nicht weiter angehen und ich hätte auf den neuerlichen Erguss sogenannter jüdischer Realpolitik nichts zu erwiedern, wenn es dem Herren Dr. Mayer Ebner nicht gefallen hätte, seine Auslassungen wiederholt mit meinem Namen zu verknüpfen. Weswegen wirft er aber seine ^chacherpolitischen' Ausführungen gerade mir an den Kopf? Was gehen mich die Licht, Auspitz, Rosenzweig e tutti quanti an und was soll die ganze Spiegelfechterei? Glaubt Herr Dr. Mayer Ebner, dass das Heil der österreichischen Judenschaft in dem „Do ut des" liege, so richte er diesen politischen „Kramladen" auf eigene Kosten und unter eigener Firma, eventuell in Gesellschaft mit seinen Freunden, auf die er sich beruft, ein. Ich wahre mir bloss das Recht der Aufstellung einer actio publica gegen den Miss brauch der zionistischen Schutzmarke durch , die neue Firma. Das muss ich als Zionist thun, denn wird einmal das „Do ut des" zum Principe erhoben, dann sehe ich nicht ein, warum der galizische Jude, der für denjenigen stimmt, der ihm eine Mühle, eine Propination, ein Schankgewerbe, eine Maut etc. in Pacht gibt, nicht als „Real-" , oder gar als „Nationalpolitiker" bezeichnet werden soll. Er gibt doch (die Stimme), damit man ihm gebe. Consequentermassen sind auch die Herren Licht, Auspitz und Rosenzweig Realpolitiker. Sie concedieren den Deutschen manches, die Deutschen ihnen alles. Ist das nicht das reinste Krystallisationsproduct des „Do ut des"? Die jüdischen Fabrikanten in Böhmen und Mähren wissen auch, weswegen sie für Wolf oder Brzeznovsky stimmen: Do ut des. Nun gelange ich zum Punctum saliens. Herr Doctor Mayer Ebner wird mir gewiss erwidern: „ Ja, die einzelnen galizischen Juden, die Licht und Auspitz, sowie die böhmischen Fabrikanten treiben Realpolitik für sich selbst, ich aber und meine Freunde wollen Realpolitik für die jüdische Allgemeinheit machen." Dieser Einwendung will ich noch einige Worte widmen, wobei ich verausschicke, dass ich an dem Grundsatze „Quisquis praesumitur bonus" festhalte und keinem Menschen Egoismus, selbstisches Interesse und Aehnliches vorwerfe, ehe ich mich hiervon überzeugt habe. Ich nehme also an, Herr Dr. Mayer Ebner und seine Freunde seien von den besten Absichten beseelt und wollen den Nutzen ihrer politischen Productiv-Genossenschaft zum allgemeinen Besten verwerten. Nun wiederhole ich die Frage: Was sollen ihnen die Parteien, mit denen sie die politischen Handelsgeschäfte abschliessen wollen, geben? Der „vollen Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit" hat Herr Dr. Mayer Ebner in seinem zweiten Artikel mit keinem Worte mehr Erwähnung gethan, und das war recht. Nur hat der Opponent beiläufig durchschimmern lassen, er wolle möglichst viele jüdische Maudate in den öffentlichen Vertretungskörpern erlangen, damit man Interpellationen etc. stellen könne. Gut, darauf lässt sich nun zweierlei erwidern. Erstens hält man in zionistischen Kreisen nicht viel von den Interpellationen, und die Erfahrung hat gelehrt, dass alle Interpellationen, Proteste, Beschwerden und so wreiter den Juden nicht geholfen haben und nicht helfen können. Aber gesetzt den Fall, es gebe noch sehr viele Juden, welche Wonne empfinden, wenn man es einem Antisemiten „gut gegeben" hat, gesetzt, es seien die Interpellationen von Erfolg (siehe preussisches Abgeordnetenhaus in Sachen der Ernennung jüdischer Notare!!), so bleibt noch die zweite Frage unbeantwortet, die ich aufgeworfen habe: wieviele Mandate glaubt Herr Dr. Mayer Ebner durch die politsche Organisation der Juden zu erlangen? Ich werde ihm gleich die Antwort geben: Kein einziges. Die zehn Mandate, über welche die Juden jetzt im Parlamente veriügen, konnten sie nur a.if die von mir seinerzeit geschilderte Art erlangen. In dem Momente, da sie als jüdischnationale" politische Partei auftreten, wird kein jüdischer Abgeordneter das österreichische Parlament betreten. Ich weise auf die Ruthenen hin. Diese führen seit dreissig Jahren einen erbitterten Kampf gegen die Schlachta. Ströme Blutes sind geflossen, hunderte ruthenische Journalisten schmachten