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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
Wien
Date
1901-02-22
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 „Die # Welt Seite 13 nach einer Recitation von jüdischen Gedichten seitens des Herrn stud. jur. Löwenstein, weiche lebhaften Beifall fanden, schloss der Vorsitzende die Versammlung. Wien. (Literarischer G e sei 1 i g k e i t s-V ere i n j ü d i s b he r Mädchen „Mo r i aa.) Sonntag den 10. d. M. sprach Herr York-Steiner über „Jüdische Cultur und Deutschthum". Der Vortragende kennzeichnete die Schwierigkeiten, mit denen jene semitischen Künstler, insbesondere Schriftsteller, zu kämpfen haben, die ihre Ideale dem jüdischen Leben entnehmen. Aber auch jene, welche, vollgetränkt von christlicher Cultur, ihre Ideale ausserhalb des Judenthums suchen und finden, werden, wie wir es bei einem unserer grössten Lyriker, bei Heine, merken können, vom deutschen Volke nur widerwillig, nothgedj ungen geduldet. Darum müssen wir Juden, die wir nicht Deutsche, Franzosen oder Engländer, sondern Juden deutscher, französischer oder englischer Cultur sind, unserem Geburtslande dadurch dienen, dass wir uns vorzüglich auf das beschränken, was wir sind, dass wir das bringen, was wir haben, dass wir auf unserem eigenen Boden nach neuen Schätzen graben, dass wir in unserem eigenen Garten Früchte züchten, die vielleicht sonst nirgends wachsen, und damit der Allgemeinheit ein Geschenk machen. Die Wissenschaft schon nennt man allgemein, um wieviel mehr ist es die Kunst, deren Heimat nicht der Verstand ist, sondern das Gemüth — das menschliche Herz. Und doch ko rate -ein F h i d i a s nur in Griechenland meisseln, ein Rembrandt nur in Holland rialen, ein Beethoven nur in Deutschland so componieren, wie er es gethan hat. Und würde die heutige Literaturwelt einen Bj örn son, einen A u er b a c h, einen Anzengruber. einen Zola haben, wenn sie den Nationalton verschmäht hätte? Jeder in sich abgeschlossene Charakter und jede Nation hat ihre ureigenen Producte. Darum sollen und müssen jüdische Künstler jüdisch denken und fühlen, diese Gedanken und^ Gefühle aber in ihrer Cultursprache zum Ausdrucke bringen Anschliessend an sein Referat, das mit stürmischem Beifalle aufgenommen wurde, las Herr York-Steiner eine seiner Erzählungen „Die heilige Nacht" und „Wann wird er kommen" von Leon Raphaels mit vollendeter Meisterschaft. R. K. Jüdische Toynbee-Hallen. Erste Jüdische Toynbee-Halle in Wien. XX., Webergasse Nr. 13. Bericht. Programm vom 22. bis 28. Februar 1601 : Freitag den 22. Februar: Rabb. Dr. G r ü 1 1: Bibelerklärung. Samstag den 23. Februar: stud. jur. Hausm ann: Die wirtschaftliche Lage der Juden. Musik: Die Herren Mesteczkyn und Kraus: Cello und Geige. Sonntag den 24. Februar: stud. phil. Arthur S c h w arz: Die Juden im vorchristlichen Italien. Montag den 25. Februar: med. Dr. S. Werner: Schulhygiene. Herr Steinschneider: Vorlesung einer eigenen Novelle. Dienstag den 26. Februar: Theodor Schön: Discussion : Die Juden und der Wucher. Mittwoch den 27.Februar: stud. jur. Fr a n k 1. „Nathan der W^eise.* Donnerstag den 28. Februar: stud. phil. Rübenstein: Fortsetzung: Elemente der Astronomie. * Samstag den 2. Februar 1901: Frl. Kollmann, Vicepräsidentin der „Moria", sprach über: „Erziehung bei den alten Völker n." Die Vortragende, die schon durch ihr klangvolles Organ einnimmt, führte ^aüs, wie grausam 4Äe Erziehung selbst bei (Jen calji viertesten Völkern des Alterthums, z. B. den Griechen, war. Ohne sich eines Chauvinismus schuldig zu machen, könne man behaupten, dass nur ein Volk, das jüdische, eine rühmliche Ausnahme machte. Mit der Schilderung der Erziehung des jüdischen Kindes schloss der Vortrag, der mit reichem Beifalle gelohnt wurde. 15., 16., 17., 18., 19. Februar. Wir haben wieder eine genussreiche Woche hinter uns. Am Freitag erklärte Prof. David Graubart den Wochenabschnitt (Exodus 21) mit tief eindringendem Scharfsinn : es gewährte besonderen Reiz, den Gelehrten zu sehen, wie er mit unfehlbarem Gedächtnisse einen Vers nach dem anderen auswendig hersagte. Leider ist Prof. Graubart in der Toynbee-Halle ein viel zu seltener Gast. Am Samstag trug H^rr Ringwald über die Aga da der Tanaiten vor und wusste das umfassende Thema ebenso lehrreich als interessant zu gestalten.Das überaus zahlreich erschienene Sonntagpublicum — wir mussten leider ebenso viele draussen lassen, als hineinkamen — hatte den seitonen Genuss eines ganz ungewöhnlichen Vortrages und eines prächtigen Concertes. Der Beifall, wir können ohne Uebertreibung sagen, die Begeisterung, wollte sich nicht legen. Man hat aber auch wirklich nur selten Gelegenheit, literarische und musikalische Genüsse so erlesener Art zu empfangen, wie sie dem Toynbee- Halle-Publicum am letzten Sonntag geboten wurden. Herr Dr. Horowitz sprach über „H a m 1 e t". Er ist ein Redner und Vortragsmeister der besten Art. Das voliklingende Organ schmeichelt sich sofort ins Ohr der Zuhörer, die sich von dieser Stimme willig tragen lassen. Dazu kommt noch eine ruhige und sichere Behandlung des Wortes, ein sprachlich formvollendeter Vortrag und eine durchaus nicht au. äussere Effecte berechnete vornehme und verständige Art der Recitation. Das Publicum sah die Gestalten des Dramas vor seinen Augen lebendig werden und konnte der Handlung folgen, als würde sie ihm auf einer Schaubühne vorgeführt. Der literarischen Darbietung folgten musikalische Vorträge des Frl. Zerline Feigenbaum und der Herren Fritz und Ernst T e d e s k o. Sowohl das Trio-Spiel (Ciavier, Cello, Geige) als die Solovorträge wurden mit enthusiastischem Beifalie aufgenommen. Wieder einmal konnten wir das feine musikalische und kritische Verständnis dieses Publicums bewundern, das die Künstlerschaft der Vortragenden sofort erkannte und immer wieder Zugaben forderte. Freilich waren auch die zum Vortrage ausgewählten Stücke darnach : Chopin. Mendelssohn, Rubinstein, Wieniawski u. s. w. Am Montag hielt Hof- und Gerichts-AdvTocat Doctor Bernstein einen fesselnden Vortrag über die B1 u tbeschuldigung von Damascus (1840). Wir erfuhren eine Menge interessanter Einzelheiten über die berüchtigte Affaire, und die Zuhörer zeigten in der sich anschliessenden Discussion, was für einen tiefen Eindruck das nach den Quellen gearbeitete Referat auf sie gemacht hatte. Am Dienstag hatten wir wieder einen der reichsten Abende der Saison : einen sehr lehrreichen Vortrag von Dr. Sadger über Antisepsis und Asepsis und dann ein Violin-Concert von Frl. Fürst, das von Frau Professor Stock begleitet wurde. Die beiden Damen kündigten zwei Piecen an, eine Romanze von Svensen und die „Czarda-Scene" von Hubay: aber das Publicum war so stürmisch in seinem Applaus, dass sie erst die „Serenade" von Piernet und dann wieder die „Canzonnata" von D"Ambrosio „zugaben". Die Toynbee-Halle ist an gute, ja vortreffliche Musik gewöhnt, viele ängstliche Leute sagen: verwöhnt; das Dienstag-Concert aber wird uns lange in Erinnerung bleiben.

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