Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Article
- Irrfahrten [Rezension]
- Date
- 1901-02-22
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315914-3394948--24774-3395050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8 Die £'Welt" Seite 11 Es ist nur der Beruf der gedoctorten Rabbiner, davon zu predigen, und die Pflicht ihrer nächsten Anverwandten, darar zu glauben. Aber sonst sind die Berliner Jurten wirklich die Herrschaften, die uns Jungmann vorführt und die uns deshalb zum Lachen reizen, weil wir sie so auf den Strassen und Plätzen sehen, wie sie der Dichter uns zeichnet. Schön nehmen sich dazwischen die beiden Hochlieder aus, worin er dem unglücklichen Marcou-Baruch ein würdiges Denkmal setzt, und wo er den jüdischen Studenten besingt. „Vernehmt, Ihr Berge, wo die Cedern spriessen, Mein Zion, hör', was Dir mein Mund verspricht: Wenn in den Abgrund Dich die Feinde stiessen, Wenn alles rings um Dich zusammenbricht, Wenn alle, alle, treulos Dich verliessen. Der jüdische Student verlässt Dich nicht. Wo die blau-weisse Fahne furchtlos flattert, Dort hält er aus, bis ihn der Tod ergattert. Zwar gibt es manche, die ein schlechter Meister Gebildet hat aus altern, trock'nem Ton; Sie sind verschmiert mit liberalem Kleister, Sie sind Anachronismen in Person. Semiten von Geburt sind diese Geister, Judo-germanisch aber aus Passion. So wandeln sie sicher auf dieser Erd', Dem Maulthier gleich, halb Esel und halb Pferd." Das Stückchen, wie Jungmann seinen Abraham bewirtet, wie er für ihn als Mutter sorgt, wie er ihn zum Studium bewegt, ist aus dem Leben Berlins gegriffen. Es ist der typische Fall, der in Berlin sich beinahe täglich wiederholt. Gut noch, wenn die Herren dann Chemie studieren,, aber wenn sie sich gar auf Kunst oder Philosophie verlegen, dann wird's gefährlich und ungemüthlich. Hier liegt auch ein Stückchen jüdischer socialer Frage, das der Bearbeitung bedarf. Charakteristisch ist das Gespräch über die Mittel zum sogenannten Studium : „Wie aber könnt' ich hier mein Leben fristen," Sprach Abraham, „da ich so abgebrannt . . . „Sie fürchten wohl, dass Sie verdursten müssten?;i Versetzte der Student: „Bei uns zuland' Da geht man einfach mang die Journalisten —" „Doch ist das Deutsche mir noch unbekannt." Und der Student blieb stefrn mit offnem Mund : „Das Deutsche? — Ist denn das ein Gegengrund Jungmann weiss eben, wie winzig deutsches und allgemeines Wissen bei denen ist, die es wagen dürfen. Berlin und seine Juden über jüdische Kunst und hebräische Literatur zu unterrichten. Der gebildete Jude — und deren gibt es doch noch viele in Deutschland — muss ja von einem so vertretenen Judenthum direct zurückgestossen weiden. Und wenn sie wenigstens noch jüdisches Wissen hätten! Aber auch das nicht! Eine gewisse Portion von Unverschämtheit gibt ihnen in Berlin die Mittel zur Existenz, die wir ihnen nicht missgönnen, und in hebräischen Blättern spreizen sie sich. Da sind Jungmanns Spötteleien herzerfrischend, wenn sie auch lange noch nicht genügen, die Luft zu reinigen. Dieser Freimuth. der fröhliche Witz uud der tiefe Ernst der Dichtung sind es denn auch, die uns mit der Behandlung aussöhnen, die uns Jungman n am Schlüsse des Epos zutheil werden lässt. Der Schluss ist nämlich eigentlich für jeden Leser eine Grobheit: „Ihr seid viel zu schofle Philister, um Euretwegen noch weiter zu schreiben!" Der Autor ist offenbar kein Specialarzt für Gehirn leiden, sonst wäre soi.i Abraham nicht so bald verrückt geworden. Ich habe mich bemüht, alle Fehler sorgfältig zu sammein. Mehr als die aufgezählten habe ich nicht gefunden. Der Vorzüge aber hat das Buch überall, und es wäre nur zu wünschen, dass der Autor, der seit dem leider frühzeitigen Tode der „Jüdischen Modern e" so schweigsam war, nunmehr fortfahren wird, recht oft unter Apollos Beistand seiner Satire freien Lauf zu lassen. Aber wir lieben auch seinen Ernst, und bitten ihn nur, auf dem betretenen Wege fortzufahren und sich nicht beirren zu lassen, ganz „Jungmann" zu sein. Charlotten bürg, 13. Februar 1901. - Dr. Heinrich Sachse. ^i4bür)e. Aufruf des Vereines „Schomer Israel" in Lemberg. Die trostlose Situation, in welcher unsere Brüder in Galizien sich schon vor mehr als drei Decennien befanden, verschlimmert sich mit jedem Jahre : Verkürzung der gewährleisteten staatlichen Rechte, Entziehung aller Quellen, welche dem jüdischen Bürger Lebensunterhalt zu bieten in der Lage wären, Nichtzulassung der Intelligenz zu den Berufen, die sie im Schweisse ihres Agesichtes und nach jahrelangen, schweren Studien sich erschlossen. Hundei ttausende unserer Brüder, versunken in tiefstem Elende, können den Kampf um ihr Dasein nicht mehr wie einst kömpfen, den Kampf gegen ihre Feinde in den höheren und niedrigen Sphären. Unsere Kinder gemessen einen Unterricht, welcher dem Judenthum entfremdet und sie reif für den Abfall und die Fahnenflucht macht. Ist unsere materielle und ökonomische Lage eine tiefernste, eine tief bedauernswerte, so macht sieh der Mangel an Solidarität auf Schritt und Tritt fühlbar. Liebe Brüder! Wir stehen heute mitten im Zeichen und der Bewegung des Zionismus. Dieser gebietet uns stramme Organisation, Einigung der Zerstreuten, Sammlung der Kräfte zu gemeinschaftlicher Wehr. Wir wollen in diesem Zeichen alle jene legalen Mittel ergreifen, die es ermöglichen, die drei Hauptbedingnngen unseres volklichen Daseins zu kräftigen, die Nähr-, die Lehr- und die Wehrkraft zu erhalten und zu concentrieren. Besonders geeignet erscheint uns unser jüdischer Bürgerverein „Schomer Israe 1" für die breiten Schichten des Kaufmanns- und Gewerbestandes, welcher ein Centrum erhält, um ihre kaufmännischen und gewerblichen Interessen wahrzunehmen, sie im Sinne der Solidarisierung und gegenseitiger Hilfeleistung zu organisieren und so einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Handeis- und Gewerbekammer zu gewinnen, nicht minder aber thätig einzugreifen in die Zusammensetzung aller anderen Vertretungs- Körperschaften des Staates wie des Landes, insbesondere aber unserer Stadt und der jüdischen Gemeinderepräsentanz. In dem Vereine „Schomer Israel" werden Discussionen über alle Fragen des Judenthums im allgemeinen, wie die der Lemberger Gemeinde insbesondere, abgehalten werden, nicht minder auch über Fragen socialer, ökonomischer und politischer Natur. Für edle gesellige Unterhaltung wird gesorgt werden. Die Wiederherausgabe des Vereinsorgan es wird allen publicistischen Bedürfnissen des Judenthums zu entsprechen sich bestreben, Brüder! Sehr wichtige Fragen tauchen auf: die Frage der Wahl des Cultusvorstandes, die Frage der Wahl des Gemeinrierathes. die Frage der Reorganisierung der jüdischen Schulen und des jüdischen Religionsunterrichtes, die Armenpflege, die Spitalsfrage. Bedenket, welch eine ungeahnte Förderung die jüdische Sache erlängt, wenn unser -Schomer Israel" die jüdische Geschäftswelt in sich aufnehmen wird. Wir wollen im „Schomer Israel" keine Stätte für unehrliche Streber und Sttdlenjäger errichten, hingegen eine Stätte für ehrliches, jüdUches Streben und edle jüdische Thaten schaffen. Aeitere Mitglieder der Vereines „Schomer Israe 1", Lemberg. * * Aufruf! Bra i 1 a, Februar 1V)01. COMITE-BESCHLUSS vom 7. Februar 1901. In Anbetracht dessen, dass vor Ostern ein Delegiertentag nicht mehr möglich ist, in Anbetracht dessen, dass eine propagatorische Thätigkeit unbedingt noththut. beschliesst das unterzeichnete Comite, an sämmliche Vereine Rumäniens die Aufforderung zu richten, sich ihm zu gemeinsamer Arbeit a^zuschliessen. Das Comite verpflichtet sich, sänimtliche Anfragen zu beantworten, die Sectionen regelmässig über alle zionistischen Angelegenheiten auf dem Laufenden zu halten und auf diese Art ein Wiedererwachen des Zionismus in Rumänien zu ermöglichen. Der zu Ostern einzuberufende Delegier t e n t a g wird die Aufgabe haben, d i e R eorganisation der zionistischen Bewegung im ganzen Lande durchzuführen. Das Görnitz „S o c i e t a t e « E r e z Israe 1".