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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
Der jüdische Alexandrinismus
Date
1901-02-22
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 8 Die alexandrinischen Juden waren auch die eigentlichen Urheber des Christenthums. Ehrlicherweise wird man ja dem Christenthum nicht ein an rein jüdischen, sondern einen jüdisch - griechischen Ursprung zuschreiben. In griechischer Sprache wurden auch die Evangelien geschrieben und die griechisch geschriebenen Hagiographen, welche im alttestamentarischen Canon keine Aufnahme fanden, die aber auch, wie Dr. W e i n s te i n eingehend nachweist, voll der jüdisch-alexandrinischen Philosophie sind, wurden durch das Christenthum canonisiert. Dort in Alexandria erhielt durch Philo das Judenthum und somit die Religion und Theologie den ersten philosophischen Einschlag, dort sind demnach die ersten Spuren der völligen Umwandlung des menschlichen Geistes zu suchen. Philo, der alexandrinische Jude, war es, der die Philosophie in die Religion eingeführt, und hiermit hat die Geschichte der Wissenschaft den Beginn der Theologie zu verzeichnen. Freilich, sollten wir uns gar nicht verwundern, wenn wir von verschiedenen Seiten zu hören bekommen; Es gibt keine Theologie, es gibt nur Theologen. Was thut es jedoch, wenn so viele Uebermenschen Religion und Theologie als die gleichmütigste Sache der Weit erachten; in Wahrheit stossen wir in der ganzen Weltgeschichte allererst auf Schritt und Tritt auf dieselbe, und nicht solchen Skeptikern haben wir es zu verdanken, dass die religiösen Begriffe geläutert wurden, sondern gerade den Theologen. Wir brauchen nur an Strauss, an Renan, und an den philosophischen Theologen Lessing zu erinnern. Die Theologie ist es, die ins innere Reich der Religion eindringt und da, wenn auch als Anwalt der Herrschaft des religiösen Gedankens, doch nur die Rechte der Vernunft und Geistesfreiheit zur wirksamen Geltung bringt. Die Theologie rechtfertigt die Religion, aber jede gewissenhafte Rechtfertigung ist Concession, Selbstverbesserung und Anerkennung der Gegenmeinung. Dr. Weinstein hat nun das überaus schätzbare Verdienst, dass er mit sicherem Blicke das Eindringen des jüdischen Alexandrinismus in das Herz des Judenthums, zunächst in die Agada und von da in den halachischen Theil des Talmud, verfolgt und uns noch heute klar sehen lässt. wie sich das officielle Judenthum, die damalige jüdische Kirche, das judäische Patriarchat nämlich, gegenüber jener so ganz neuartigen und für die ganze Menschheitsentwicklung so bedeutungsvollen Neuerung verhielt. Mit Anhäufung eines übermächtigen Materials weist Dr. Weinstein, ein ausgezeichneter Kenner des Talmuds und der griechischen Philosophie, nach, dass die talmudische Agada-den treuen Wiederschein der alexandrinischen Schriften enthalte. Die Agadisten, darunter die vorzüglichsten Halacha- Grössen, treue Anhänger des Gesetzes, Lieblinge des Volkes, die überdies den Zauber des berauschenden Wortes für sich hatten, waren die Vertreter der Philosophie und waren beflissen, den Fragen, welche die Vernunft gegen den Glauben erhob, gerecht zu werden. Die Kluft zwischen Gott und Welt, zwischen göttlicher und menschlicher Persönlichkeit sollte überbrückt werden, sie auszufüllen, erkühnte sich noch nicht der Gedanke. Das ist die Logoslehre des Philo und seiner Schule, und diese wieder hat die Platonische Ideenlehre zur Grundlage. Nach Plato gab es für alle Dinge der Welt körperlose Ideen, welche als die nächsten Schöpfer dieser Dinge zu betrachten wären. Als Schöpfer dieser Einzelideen galten wieder höhere Ideen, die Ideen der Arten und Gattungen, und so weiter hinauf bis zur höchsten Idee, dem Logos der alexandrinischen Juden, welcher insofern als der unmittelbare Weltenschöpfer erscheint, während Gott, der Schöpfer des Logos, nur mittelbar durch diesen die Welten erschuf. Dieser Logos erscheint sodann auch als der Mittler zwischen der Persönlichkeit Gottes und der des Menschen. Er ist es, der zu Moses redete, der am Sinai auch die Israeliten ansprach, und das grosse Welträthsel göttlicher Offenbarung schien hierdurch den Agadisten des Talmuds gelöst. Man erkennt leicht, wie verwandt sich das Christenthum mit dieser Logoslehre fühlen musste, zugleich aber auch den unausgleichbaren Gegensatz zwischen beiden. Doctor Weinstein versteht es, die historischen Daten vorzuführen, welche uns klar das Bild geben, wie sich das judäische Patriarchat gegen die Anhänger dieser Lehre verhielt. Das Patriarchat hat es nicht gewagt, offen und entschieden dagegen Stellung zu nehmen. Die Agadisten wurzelten ja allzu sehr im Volke und waren auch im Lehrhause überragend. Man beschränkte sich auf das Verhältnis des Misstrauens, des peinlichsten Ueberwachens und zeigte beim mindesten Verstösse die rauheste Seite. So wurden die edelsten Männer zur Flucht und Auswanderung nach Babylon gedrängt. Gegen diese soll auch das gegen die Minäer gerichtete Verwünschungfigebet gemünzt geweisen sein, wie Dr. Weinstein behaupten möchte. R. Mei'r, einer der erleuchtetsten und scharfsinnigsten Gesetzeskundigen, dessen tief innige Frömmigkeit legendarisch wurde, durfte im Lehrhause nicht mit Namen genannt werden, selbst wenn seine Lehrmeinung zur Geltung und Anerkennung kam. Es hiess dann immer: „Andere sind der Meinung". Merkwürdig erscheint es uns, dass Dr. Weinstein in seinem Buche Partei für das Patriarchat nimmt und in der Agada polytheistische Anwandlungen findet. Wenn wir jedoch die Sache von einer höheren Warte betrachten, werden wir diesen Agadisten besser gerecht werden. Es waren Männer, die in ihrem religiösen Empfinden mit sich selbst in Harmonie gelangten, indem sie der rauhen Vernunft, der Liebe, dem Welt- und Gottesgedanken und auch den heiligen Ueberlieferungen gerecht geworden' zu sein glauben konnten. Es ist heute noch etwas Trostreiches für die menschliche Existenz, das treue Weben jener Geister zu überdenken, welche mit Verzicht auf Aemter und Würden bestrebt waren, das menschliche Leben und die geistige Structur ihrer leidenden und bedrückten Nation zur göttlichen Schönheit zu erheben, wie sie diese mit innerer Befriedigung selbst empfanden. So sprachen sie aufklärend und bildend zum Volke nicht für ihre Machtstellung, nicht, um es zu kämpfenden Vereinigungen und Gemeinschaften hinzureissen, in welchen es sich selbst quält, sondern um die lauschenden Hörer, jeden für sich selbst, das eigene Leben verstehen zu lehren und frei zu machen Es war ein selbstloses Ausströmen ihres inneren Reichthums. Jeder konnte davon schöpfen, von keinem wurde etwas verlangt. Hier erfüllte sich das Wort des Propheten Jesajas: „O kommt, Ihr Durstigen alle, um Wasser; die Ihr nicht bezahlen könnet, kommet, kaufet und esset. Kommet und kaufet, Geld wird von Euch nicht verlangt, ohne dass Ihr einen Kaufpreis zu bezahlen habet, wird Euch Milch und Wein geboten." Das Problem der Logoslehre aber und diese selbst besteht auch heute noch, freilich in anderer Form und Ausdrucksweise. Der Logos heisst jetzt — Naturgesetz, Causalnexus, die Frage ist, wie diese als Mittler zwischen Gott und Welt darzustellen wären. Das Menschheits-Ideal ist dann der Gottesmund, welches zu Moses am Horeb, zu den Israeliten am Sinai sprach, der Logos der Offenbarung. Dr. M. L. S t e r n. „Irrfahrten." (Jung mann Max: „Irrfahrten." Jüdisches Epos in acht Gesängen. Leipzig: M. W. K a u f m a n n. J900. Markl.—.) Eine Schrift, die einem so aufopferungsfähigen und durch seine eigene Glut begeisternden Zionisten wie Dr. Albert G o 1 d b e r g gewidmet ist, darf schon aus diesem Grunde unsere Aufmerksamkeit verlangen. Aber auch der Judenjunge aus Ungarn, den uns Jung mann in seiner ganzen Länge vorführt, ist interessant genug, um ihm auf seiner Wanderung durch Ungarn, Galizien, Posen u. s. w. nach Berlin zu folgen. Jungmann hätte nicht nöthig gehabt, mit so platten Dingen wie den jüdischen Banquiersbäuchen zu drohen, um uns für seinen Abraham zu interessieren. Solche Plattheiten hat Jungmann aber im Bewusstsein seiner gesunden Kraft gar nicht zu vermeiden gesucht, und wir müssen bedauern, dass er von dieser Licenz öfter Gebrauch gemacht hat, als wir wünschen würden. Aber Jungmann interessiert es gar nicht, wie das Publicum etwa sein Epos aufnehmen wird, das ist ihm, um mich eines niederdeutschen Ausdruckt s zu bedienen, »ganz schnuppe*. Diese Schnuppigkeit und gewisse Ruppigkeit ist aber so eng mit der Eigenartunseres Dichters verknüpft, dass wir sie durchaus nicht missen möchten, wenn er auch zuweilen die Zügel zu arg schiessen lässt. Für alle diese kleinen und grossen Ungezogenheiten entschädigt uns ein so gesunder Humor, gepaart mit so witzigem Sarkasmus, dass jeder Leser gern das Buch wieder von neuem zur Hand nimmt, um sich noch einmal mit J u n g m a n n zu amüsieren. Was Jungmann schreibt, ist aus dem Leben gegriffen und lebt, auch wenn er sich im Stillen über die Dummheiten seiner Leser ins Fäustchen lacht, die nicht merken sollen, dass er Posen zwischen Galizien und Schlesien eingeklemmt hat. Auf die Berliner Juden aus Posen ist der Autor nicht besonders gut zu sprechen. Er kennt sie zu intim und hat zu viele lites inter familias mit ihnen auszufechten, um sie lieben zu können. Und freilich gehören sie nicht immer zu jenen Kreisen, die in der Poesie verherrlicht werden. Nur muss er ihnen nicht die „Jüdische Mission11 zum Vorwurfe machen. So dumm sind sie denn doch nicht, um daran zu glauben.

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