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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
Brief aus Bern
Date
1901-02-22
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 „Die 2$ Weit46 Seite 9 die wirklichen Slaven sich diese unverschämte Maskerade ernstlich verbeten haben würden — hier in Bern aber, wo es in den }3slavi sehen* Colonien kaum einige Parade-Gojim gibt, urplötzlich-'ihr russisches oder polnisches Herz entdecken. In den letzten Versammlungen des Akademischen Zionistenvereines wurden diese trübseligen Verhältnisse zum Gegenstande einer eingehenden Besprechung gemacht, und es wurde darauf verwiesen, dass die Hauptanziehungskraft der „Colonien" in den materiellen und sonstigen Vortheilen liegt, die diese assimilatorischen Organisationen ihren Angehörigen bieten. So unterhält beispielsweise die russische Colonie eine gute und wohlfeile nationale Küche, eine grossangelegte Lesehalle und noch andere Institutionen. Wohl haben auch die Zionisten eine Lesehalle; doch diese kann keinen Vergleich mit der russischen aushalten. Diesen Mängeln soH aber bald abgeholfen werden. Ein jüdischer akademischer Club wurde dieser Tage im Schosse des Zionistenvereines gegründet, der sich die Aufgabe gestellt hat, alle diejenigen Institutionen zu schaffen, die derzeit noch fehlen. Der CJub veranstaltet am 23. d. M. eine grossangelegte Soiree mit Kränzchen, deren Reinerträgnis der Begründung einer jüdischen Küche und der Vergrösserung des Bücherbestandes der zionistischen Lesehalle gewidmet sein soll. Ferner soll zu diesem Zwecke demnächst ein Jargon- Theaterabend veranstaltet werden, für den sich bereits in weiten Kreisen Interesse kundgibt. Ueberhaupt herrscht jetzt in den Reihen der hiesigen zionistischen Jugend ein lebhafter, überaus erfreulicher Thätigkeitsdrang, und da wir einige tüchtige Agiiatoren acquiriert haben und manche aussichtsvolle Pläne alsbald der Verwirklichung entgegengeführt werden sollen, so ist für die nächste Zeit eine wahrhaft fruchtbringende Arbeit zu erwarten, über deren Ergebnisse ich Ihnen jeweils berichten werde. Zweitschriften^ und J|ücbepl^undscbau. In einer Besprechung des Werkes „J u d a" von B. v. Münchhausen und Lilien, die der bekannte Schriftsteller un$ Rechtslehrer Professor FelixDahn im „Literar. Echott 1901 Nr. 2 veröffentlicht, heisst es: Was das Einfühi ungsgedicht betrifft, so enthält es für jeden Leser, der es aus sich selbst heraus erklärt, einen unverkennbar zionistischen Gedanken: „Zuiück aus Eurer volklichen und staatlichen Zerstreuung und hierauf begründeter Geringschätzung; zurück ins gelobte Land der Völker, dort wieder ein Volk werden und einen Staat bauen. Das ist jedenfalls ein Gedanke, der sich ganz trefflich zu dichterischer Verwertung eignet, mögen auch die meisten Juden — aus vielen Gründen — nichts davon wissen wollen (wäre ich Jude, würde ich begeisterter Z i o n i s t s e i n)." Z. Die Debatte über die Erklärungen des preussischen Justizministers Schönstedt hinsichtlich der Bestellung jüdischer Notare ist in den reichsdeutschen Blättern so ziemlich abgeschlossen. Die liberalen Blätter begnügten sich mit pathetischen Ausführungen ohne weiteren Wert. Die nicht gerade antisemitischen Blätter giengen mit ein papr leichten Worten über die Bagatelle hinweg. Die „Hamburger Nachrichten" constatieren einfach: „Die Debatte im Abgeordnetenhause verlief wie das Horneberger Schiessen. Es kam nichts dabei heraus . . Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben in fröhlicher Bierstimmung: /Im preussischen Abgeordnetenhause fand die erste zweitägige Debatte einen heiteren Abschluss. Unter schallendem Gelächter wurde der durch zwei winzige Worte umgestaltete Antrag der Freisinnigen angenommen." Der TReichsbote" bemerkt u. a. : „Das deutsche Volk weiss sehr wohl, dass die Juden, wenn ihnen erst rückhaltlos alle Aemter geöffnet würden, in noch viel höherem Masse ihre Söhne studieren lassen würden, und es würde dann nicht mehr lange dauern, so würde der grösste Theil der obrigkeitlichen Aemter mit Juden besetzt und sie selbst dann in jeder Beziehung die Herren in Deutschland, das deutsche Volk aber in die Stellung der alten Kananitor und Amalekiter hinabgestiegen sein." Aehnlich äussert sich die „Deutsche Tageszeitung": „Das, was der Justizminister thue, sei das allermindeste, was das christliche deutsche Volk verlangen kann. Unserens Ei achtens dürfen aber diejenigen, welche der Ueberzeugung sind, dass das deutsche Recht nur von christlichen deutschen Männern gehandhabt wi©rcteri söli, nicht die*; Hän/te iindem Sch osä 'fegten "unämielit ruhig beiseite stehen, insbesondere da sich ein gewalliger Sturm gegen den Justizminister erheben dürfte. Das christliche deutsche Volk muss gerade jetzt seine berechtigten Forderungen mit besonderem Nachdrucke erheben, damit es ein Gegengewicht gegen die jüdischen Angriffe:;>gchäffe. Bleibt es still, wahrt das Volk seine Rechte nicht, rfrfrm rfarf* es sich nicht wundern, wenn diese Rechte nicht respectiert werden. Dann muss es sich gefallen lassen, wenn es gezwungen wird, bei jüdischen Richtern und Notaren sein Recht zu suchen und vor einem Juden seinen Eid abzulegen." „Juifs" betitelt sich eine Broschüre von Georges Delahache, (Verlag O 11 e n d o r f f.) „L e S i e c 1 e< rühmt ihr nach, sie sei in kräftigen und präcisen Worten, mit voller Unparteilichkeit, ohne Hnss, ohne Hochmuth, doch auch ohne Resignation geschrieben, und biete einen wertvollen Beitrag zur Psychologie des Antisemitismus. Auch Juden fänden in der Broschüre manche Sätze, die sie zum Nachdenken anregen könnten. Eine Stelle wird im „Siocle" ausgezogen, in der es unter anderem heisst: „Die französischen Juden müssen erkennen lernen, dass sie schon durch die Thatsache, dass sie recht haben; wohl in Beziehung auf die AfTaire Dreyfus), einen Fehler begangen haben, den man niemals verzeiht; dass sie in keinem höheren Grade als früher auf eine wohlwollende und billige Behandlung seitens ihrer Mitbürger rechnen dürfen, dass sie strenger gegen sich sein müssen als ihre heftigsten Gegner und dass sie zur Tugendhaftigkeit v e r u r t h e i 11 sind (eondamnes ä la vertu), wie die Protestanten des 17. Jahrhunderts, wie die Jansenisteu des 18. Jahrhunderts, kurz wie alle verfolgten Minoritäten . . ." Man erinnert sich unwillkürlich an die Worte, mit denen Max Nord au seine Artikelserie: „Die politische Gleichberechtigung der Juden" geschlossen hat. Dort heist es : „. . . Die jüdische Voikspolitik (wie sie Nord au vorschlägt) stellt an die Juden mehr als durchschnittliche Anforderungen? Gewiss. Aber die dürfen wir uns nicht ersparen. Die Geschichte verurth eilt uns dazu, ausser gewöhn lieh tugendhafte und rühmliche Menschen z u sein. Wir können uns diesem Lose nicht entziehen , . / Lieber die Judentags-Ver Sammlungen bringen die reichsdeutschen Blätter fortgesetzt Berichte. Die liberalen Blätter sind ganz ausser Rand und Band, vielleicht am meisten darum, weil sie gezwungen sind, vom Zionismus, den sie bis jetzt glücklich todtschweigen konnten, mehr oder minder ausführlich zu sprechen. Die armen Artikelschreiber thun einem wirklich leid, wie sie sich drehen und winden, um einerseits begreiflich zu machen, wie lächerlich unbedeutend der Zionismus sei, und andererseits vor seiner nicht zu unterschätzenden Gefährlichkeit recht eindringlich zu warnen. Am bedauernswertesten ist das „Berliner Tageblatt", das zu allem Unglück sich noch gezwungen sieht, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" zu seiner Hilfe in Ansnruch zu nehmen, die gute, alte „Allgemeine", deren Charakterbild in der Geschichte des Judentages so schrecklich hin- und herschwankt, dass man lächeln möchte, wenn nicht die Ehrfurcht vor dem Alter uns nachsichtig und mitleidig stimmen würde. f. Inhalt unserer heutigen Jargon-Ausgabe : Sch.Rosenfel d : Wort und That. — ßerthold Fei wel: Zum Deutschen JuhMitage. — Parteibewegung. — Kol-Ami: Jüdische Chronik. — Jüdische Presse. — Politik. — Weltchronik. — R. B r a i n i n : Erinnerungen vom zweiten Congresse. — J. A 1 p e ro v i t z : Im. Ghetto. — Don Lazar: Wegen 4 Ellen. — Levin Lippmann: Herbstblätter (Skizzen). — Feuilleton : „Die Narren" von S c h o 1 e m-A 1 e c h e m. --- Mittheilutigen des Actions-Comites. Jüdische Wissenschaft und Literatur. Der jüdische Alexandrinismus. Eine ganz merkwürdige Phase der jüdischen Geschichte ist es, welche Dr. J. Weinstein in seinem Buche „Zur Genesis der Agada" *) mit dem ganzen Rüstzeuge eirn>r tiefen Fachkenntnis zu analysieren versucht. A 1 e x a u d r i a, die Stadt, welche der grosse Welteroberer an der Einfallspforte Afrikas gegründet hatte, um auf äthiopischem Botlen die griechische Culturstaat einzupflanzen, hat durch die dort angesiedelt gewesenen Juden ihre eigentliche Weltbedeutung erlangt.;,-T.r for&®*%i\Gi>frX*$>.m>s «iea'iA-g^ä diaj^o#.ifi)r;W J* W e i liste in. Güttingen. In Commission bei V'andenhoeek und Ruprecht, 1901. c275 S.

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