Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Article
- Jüdisches Turnwesen
- Date
- 1901-02-22
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die $ Welt" Nr. 8 Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. i. Jüdisches Turnwesen. (Eine Anregung.) Kaum ist seit den Reichsrathswahlen ein Monat vergangen, und schon haben die Olmützer Juden von denen, deren Helfershelfer sie waren, einen Rippenstoss bekommen. Wie man von dort berichtet, beantragte der Olmützer Deutsche Turnverein den Ausschluss der Juden aus dem Vereine. Diese Massregel, die unter den jüdischen Bürgern eine grosse Erregung hervorrief, documentiert so recht den Geist der sogenannten „Deutsch-Freisinnigen*. Unser energischer Gesinnungsgenosse Dr. Egon Zweig benützt nun diesen Moment, um einen jüdischen Turnverein zu gründen. Vorarbeiten sind schon in Angriff genommen, und Herr Dr. Egon Zweig wird bei der Grün dun gs-Versammlung die schon ausgearbeiteten Statuten vorlegen. Auch in Lemberg schreitet man an die Gründung eines jüdischen Turnvereines. Das Comite unter der Leitung des stud. polit. L. Z i n n ist rüstig bei der Arbeit. Mit diesen beiden zu gründenden Vereinen bestehen nun sieben jüdische Turnvereine, die in dem kurzen Zeiträume von zwei Jahren gegründet wurden. Diese Thatsache beweist, wie nothwendig jüdische Turnvereine waren. Es ist zu erwarten, dass den gemeldeten Gründungen sich in Kürze weitere anschliessen werden. Es wäre nun im Interesse aller Vereine, nach einem System vorzugehen und sich zu organisieren. Diese Organisation würde nicht nur den schon bestehenden Vereinen eine wirksame Stütze sein, sondern auch die Gründung neuer fördern. Ich erlaube mir nun die Idee des jüdischen Turnvereines „Bar Kochba", Berlin, nämlich die Gründung eines jüdischen Turnverbandes mit einer kleinen Modifikation wieder aufzunehmen. Der Verband hätte den Zweck: Alle jüdischen Turnvereine zu vereinen, um gemeinsam das Turnen unter den Juden als Mittel zur körperlichen und sittlichen Kräftigung zu propagieren. Mittel zur Erreichung dieses Zweckes : Förderung eines geordneten, einheitlichen Turnbetriebes; Veranstaltung von Turntagen in grösseren Zwischenräumen; plan massige Verbreitung des Turnens unter unseren Volksgenossen durch Gründung jüdischer Turnvereine; eine Verbandscasse, in die jeder Verein einen seiner Mitgliederzahl und seiner finanziellen Lage entsprechenden, noch festzusetzenden Beitrag zu zahlen hat; ein Ausschuss, der den Verband nach aussen vertritt und dem die Besorgung aller Verbands-Angelegenheiten sowohl in turnerischer, als auch in administrativer Beziehung obliegt; eine Verban ds - Zeitung, als welche natürlicherweise die vom Berliner Turnvereine herausgegebene „Jüdische Turnzeitung" zu bestellen ist, die dann in Berlin und in Wien zugleich erscheinen soll. Ich lege den Entwurf nochmals zur Discussion vor und möchte den Antrag stellen, nach Begründung der beiden neuen Vereine einen constituierenden Verbandstag, wozu jeder Verein zwei Delegierte zu entsenden hat, nach einem noch zu bestimmenden Orte einzuberufen. jur. B. Felsen bürg, Wien. II. EJne Anregung zur Ausgestaltung der Baron Hirsch- Schulen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redacteur! Ihr hochgeschätztes Blatt hat mit Recht den Fragen der körperlichen und geistigen Hebung der Juden seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Erlauben Sie nun dem Unterzeichneten, die Aufmerksamkeit Ihrer Leser und der betheiligten Kreise auf einen praktischen Fall zu lenken : Der Menschenfreundlichkeit des Baron Hirsch verdanken wir galizischen Juden die Stiftungen, in welchen 10.000 jüdische Kinder Unterricht nehmen. Diese Schulen haben sich'ir 'kürze'ster Zeit hoch emporgeschwungen und wirken gegenwärtig sehr segensreich, da den Kindern in allen Lehrfächern gründlicher Unterricht ertheilt wird. An all dem Guten jedoch, welches diese Elementarschulen in die jüdische Welt ausströmen, wäre eines auszusetzen, etwas, was sich auch in anderen jüdischen Schulen findet und vielleicht die Hauptursache ist, wes,halb unsere armen galizischen Juden zu der verknöchertesten und schwächsten Menschenrasse gehören. Zu unserem grössten Bedauern scheint man in den Gebäuden, wo die Baron Hirsch-Stiftungen untergebracht sind, gar nicnt darauf zu achten, dass nebst der geistigen und moralischen Heranbildung der jüdischen Jugend auch die Erhaltung, und zwar die gesunde Erhaltung des Körpers, einen der wichtigsten Factoren bei der Entwicklung unserer aufwachsenden Jugend bildet. Ich hatte Gelegenheit, mehrere Baron Hirsch-Stiftungen zu besuchen, und die Beobachtungen, welche ich dabei machte, waren keine besonders günstigen. DieKinder, welche stundenlang im Schulzimmer sitzen und die dumpfige Luft einathmen müssen, sind auch in den Pausen darauf angewiesen, nur in beschränktem Masse ihren körperlichen Uebungen in freier Luft nachzugehen, und es muss nicht erst gesagt werden, wie nachtheilig es für die Gesundheit ist, wenn es den Lungen mit Gewalt verwehrt wird, den Stickstoff wieder von sich zu geben, welchen sie durch längere Zeit aufgenommen haben. Mit geringem Kostenaufwande könnte diesem Uebelstande abgeholfen werden, und zwar, wenn man in einer jeden Schule einen Hofraum einrichten wollte oder, wenn sich ein solcher bereits vorfindet, ihn grösser gestaltete, wenn man dann für diese Hofräume verschiedenartige Turngeräthe und Handwerkszeuge aufzutreiben sich bemühte, Gartenanlagen errichtete, damit die Kinder in allerlei Arten von Handarbeiten, Turn- und Gartenübungen eingeführt werden. Das wäre ein grosser Nutzen, ein wahrer Segen für unsere vernachlässigten, jüdischen Ghetto-Kinder. „Mens sana in corpore sano." Wenn wir unsere Idee vervollkommnet und unsere heilige Sache einem wirklichen Ziele sich nähern sehen wollen, so müssen wir Väter trachten, dass es unseren Kindern an dem nicht fehle, was uns so krüppelhaft und unsere Körper so unnatürlich gestaltete. Wenn wir ein festes und schönes Haus errichten wollen, welches lange, lange Zeit dastehen soll, müssen wir doch auch trachten, dass das Fundament stark sei, damit dann nicht aus dem schön geformten Gemäuer ein Trümmerhaufen werde. Und uns handelt es sich doch nicht um das Erhalten eines Gebäudes, sondern um das ewige Bestehen einer Nation. Unsere Nation aber und unsere Hoffnung beruht auf der Jugend. Unsere erste Aufgabe muss es daher sein, ihr körperliches Wohl zu wahren. Dann nur kann der Zionismus gedeihen zum Wohle des Judenthums. Gerathen wäre es auch, den Lehrern ans Herz zu legen, dass ihr Unterricht sich nicht nur darauf beschränken möge, den Kindern auf mechanischem Wege irgendwelches Wissen beizubringen. Den Schülern, besonders den jüdischen, soll stets klar gemacht werden, welcher der Zweck ihres Lebens ist, und wie sie späterhin zu wirken haben, ihr zukünftiger Beruf muss ihnen immer vor Augen gehalten werden, damit sie selbst- und zielbewusst dasjenige zuhause, wie überhaupt ausser der Schule, praktisch auszuüben sich gewöhnen, was sie in der Schule theoretisch erlernt haben. Hochachtungsvoll S. L. S c h o r, Lemberg. Brief aus Bern. Von Jakob Lewkowicz. Die nachfolgenden Daten über das Leben und die Bestrebungen der hiesigen jüdischen Studentenschaft dürften für die Leser der „Welt" von besonderem Interesse sein. Der Umstand, dass an der Berner Universität ausländische Studienbeflissene ohne jeden Nachweis einer genügenden Vorbildung aufgenommen werden, erklärt, dass sich hier so viele jüdische Studenten und Studentinnen aus den osteuropäischen Ländern aufhalten. Gegenwärtig beläuft sich ihre Zahl auf ungefähr 300. Diese Studierenden stammen zumeist aus Russland, theilweise auch aus Galizien und Polen. Der grössere Theil der jüdischen Studentenschaft nimmt an jüdischen Bestrebungen überhaupt keinen Antheil und ist in nationaler Beziehung entweder farblos oder gehört zu der „russischen* und „polnischen" Colonie. Bloss die kleinere Hälfte dieser Studenten bekennt sich offen zum Judenthum und gehört dem „Akademischen Zionistenverein" an. Merkwürdig ist die Thatsache, dass die andersnationalen „ColonSen/4 mrs Elementen-besfcehetn/denen es in der russis4fo$n/ oder polnischen Heimat niemals eingefallen wäre, sich als Slaven aufzuspielen — aus dorn sehr einfachen Grunde, weil