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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
Jüdische Realpolitik
Date
1901-02-22
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 „Die # Welt*' Seite 7 freiheitlich gesinnter, verfassungstreuer Abgeordneter mit Wärme für die ge setzlich gewährleisteten, jedoch noch lange nicht in Praxis getretenen Rechte des jüdischen Volkes eintreten kann. Selbst wenn der Erfolg der jüdischen Realpolitik in absehbarer Zeit nicht in einem speciellen jüdischen Club sich zeigen wird, das wird jedenfalls zu erreichen sein, dass die jüdischen Abgeordneten aller Parteilager sich zu einer freien jüdischen Vereinigung zusammenthun, um gegebenen Falles wie ein Mann sich zu erheben, wenn es sich um die leider jederzeit bedrohten jüdischen Volksrechte handelt. Das Beispiel der jüdischen Abgeordneten — vorausgesetzt, dass unter den jüdischen Candidaten gehörige Auswahl getroffen und die Spreu vom Weizen gesondert wird - wird befruchtend wirken auf den jüdischen Volksgeist und das jüdische Volksbewusstsein. Welch ein Gewinn für den Zionismus, der die Heimkehr ins Judenthum vor der Rückkehr ins Judenland vorbereiten will! Man denke den Gedanken einer jüdischen Organisation nur ganz aus, und man wird sich dessen inne werden, welche Fülle herrlichster Früchte die jüdische Realpolitik zeitigen könnte. Die nach der UeberzeugungDr.Men cz eis alleinseligmachende Socialpolitik hätte in der jüdischen Organisation den weitesten Spielraum, und die „politische" Realpolitik, sowie die „sociale" Realpolitik würden ^verschwistert zusammengehen. So viel zur Klarlegung meines Standpunktes, den ich bereits in einer früheren Nummer dieses Blattes gekennzeichnet habe. Dr. Menczel hat nun den Versuch unternommen, die jüdisch-politische Richtung ad absurdum zu führen. Nach seiner Ansicht ist jede jüdische Politik von vornherein aussichtslos; sie scheitere an dem galizischen Bezirkshauptmaiine, der den Juden die Freiheit der Wahlen verkümmere. Mit diesem Argumente will Dr. Menczel seinen Haupttrumpf ausspielen. Es wäre wohl überflüssig, sich in eine ernstliche Widerlegung dieses Einwandes einzulassen. Dr. Menczel vergisst, dass die Realpolitik mit einer organisierten Wählerschaft rechnet, mit der sich nicht mir nichts dir nichts umspringen lässt. Eine gute Organisation verfügt über eine unabhängige, nicht von käuflichen Schreibknechten redigierte Presse, die gleich wackeren, nicht maulfaulen Vertretern die beste Abwehr gegen Uebergriffe ist. Weiters steht es nirgends geschrieben, dass die Juden in Oesterreich wegen der nationalen Postulate der Deutsche]! und Czechen zur Regierung um jeden Preis in Opposition stehen müssen. Eine zielbewusste, jüdische Realpolitik könnte es den Staatslenkern in Wien mit der Zeit schon begreiflich machen, dass es Zeit wäre, dem von Dr. Menczel so gefürchteten Bezirkshauptmanne abzuwinken. Schliesslich ist der galizische Bezirkshauptmann eine Specialität, die mit der Zeit viel von ihrer Eigentümlichkeit verlieren wird. Was ist nun das politische Programm des Herrn Dr. Menczel, wenn anders aus seinen Negationen ein Programm herausdeduciert werden kann! Aus einigen Sätzen seiner „Entgegnung", die man ernster nehmen könnte, ist zweierlei zu entnehmen. Erstens hält Dr. Menczel jeden Versuch einer jüdischen Realpolitik in Oesterreich für aussichtslos, somit wäre die politische Haltung Privatsache jedes einzelnen; zweitens empfiehlt er engen Anschluss an die Deutschen. Ueber die Frage, welche Aussichten die jüdischpolitische Richtung hat, habe ich mich bereits geäussert. Aber dagegen, dass die Politik zur Privat- und Geschmackssache jedes einzelnen erklärt wird, muss ich mich doch sträuben, und als Zionist ganz besonders. Was wir an dem widerlichen Assimilantenthum seit Jahren verdammt haben, könnte sich durch ein Hinterthürchen wieder zu uns hereinschleichen. Wir wissen ganz gut, zu welchen Verwirrungen politische Parteigängerei führt. Zionist seinheisst. auch jüdisch-national sein. Ein Jüdisch-Nationaler, der in Böhmen für die czechischen Extravaganzen sich ereifert, in Mähren deutschfortschrittliche Antisemiten zum Heil und Frommen der deutschen Gemeinbürgschaft unterstützt, in Galizien für die polnischen Nationalhoffnungen sich begeistert, in der Bukowina für die Rumänen oder christlichen Deutschen sich erwärmt — welch ein trauriges Bild! Es ist etwas ganzanderes, wenn eine organisierte jüdische Partei mit einer anderen Partei pactiert, als wenn ein oder mehrere Juden je nach Belieben oder sogar privatem Vortheile »ich einer bestimmten nationalen Gruppe im Land» mit Haut und Haaren verschreiben. Ein Pactieren nach einem einheitlichen Plane unter einer gemeinsamen Führung ist für uns — weil wir als geschlossene, achtunggebietende, selbständige Gruppe auftreten — ehrenhafter und vorteilhafter, da man doch unsere Bedingungen respectieren muss. Ich frage nun, welcher ehrliche Zionist wird einem Einigungsversuche der österreichischen Juden auf politischer Basis seine Mithilfe versagen? Mir scheint, wenn es zur That kommen sollte, wird auch Dr. Menczel seinen oppositionellen Justament-Standpunkt aufgeben. Nun komme ich zum casus belli. Ich und meine Freunde sind nicht so verschroben, der Bedeutung der deutschen Cultur und Sprache die Anerkennung zu versagen. Wir wissen, dass ein centralistisch.es Oesterreich die deutsche Sprache als Vermittlungssprache benöthigt, und es fällt keinem ein, das Geltungsgebiet der deutschen Sprache in Oesterreich einzuengen. VVir Juden brauchen aber nicht die Erhaltung des Deutschthums auf unsere Fahne zu schreiben. Es ist gar nicht nothwendig, dass wir bei jeder — selbst unpassenden — Gelegenheit einen Hymnus auf das Deutschthum anstimmen. Für deutsche Sprache und Cultur sollen und werden die Deutschen schon selber sorgen. Gegenüber dem nahezu überall mit Antisemitismus übersättigten Deutschthum bedürfen wir einer schärferen Betonung unseres jüdischen Standpunktes. Das ist schon mehr als die Frage des Vortheiles, das ist schon Ehrensache, die wir sehr genau nehmen. In zwei Ländern, in Mähren und der Bukowina, sind wir den Deutschen weit nothwendiger als, umgekehrt, die Deutschen uns. Die Deutschen in der Bukowina gestehen sich das zähneknirschend selbst ein. Wir brauchen nur eine gut organisierte jüdische Partei und eine kluge, selbstlose Führung, um uns politische und ökonomische Vortheile zu sichern. Aber Voraussetzung ist immer, dass wir nicht boi jeder Gelegenheit es in Versammlungen sagen und in christlich-deutschen Blättern schreiben, wie innig verknüpft wir mit den Deutschen sind. Innig verknüpft! Es wäre zum Lachen, wenn es nicht auf unsere Kosten wäre! Im ganzen Reiche lehnen die Deutschen mit Emphase die Juden ab. Das Schimpflexikon des Abg. Wolf, das wir bei Gelegenheit, als er den Präsidenten Abrahamowicz attaquierte, kennen lernten, hat die Climax: Schurke, Gauner — Jud' erreicht. Damit hat er Herrn Abrahamowicz erschlagen wollen. Selbst die Deutschfortschrittlichen können drei Juden wässerigster Art nicht verdauen. Wie sollen wir da den Mund mit deutscher Cultur und Sprache vollnehmen? In einem hiesigen christlich-deutschen Blatte war vor einigen Tagen eine merkwürdige Anklage gegen die Juden zu lesen: Die Juden seien an dem deutschen Antisemitismus schuld, weil sie sich in Galizien als Polen und in Mähren als Czechen gerieren, anstatt sich als — Deutsche aufzuführen. Der Artikel schliesst mit einem Hymnus auf den Abgeordneten Leon Rosenzweig, der "trotz der m oralischen Fusstritte, die er einsteckt, noch immer mit Begeisterung ruft: „Ich bin ein Deutscher und lasse mii mein Deutschthum nicht wegdisputieren." Dieser urdumme Artikel dürfte entweder von Herrn Rosenzweig selbst oder von einem christlichen Deutschen herrühren, der auf Judenfang ausgeht. Die wenigen, sich liberal geberdenden Deutschen in der Bukowina sind über die neueste Seeession im Deutschfortschrittlichen Club in arger Verlegenheit. Nachdem das Judenthum einen universellen Charakter hat, geht es doch nicht an, hier die Juden mit den Süssigkeiten des Deutschthums zu locken und draussen sich mit Leidenschaft der Juden zu erwehren. Darum werden die Herren Deutschen und ihre Söldlinge gar sehr nervös, wenu national fühlende Juden an den offenen Antisemitismus der Deutschen im Reiche und den still glimmenden im Lande gemahnen. Nur Leute mit beschränktem Gesichtskreise können rdch noch über Thatsachen täuschen, die offenkundig sind. In einer Beziehung besteht zwischen mir und Doctor Menczel keine Divergenz. Der Wert einer gesunden Socialpolitik ist unbestritten. Bisher ist man über Enqueten zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Galizien nicht hinausgekommen. Der Theorien haben wir genug, nun möge einmal mit der Praxis begonnen werden. Der politische Fortschritt ist immer die Voraussetzung zum wirtschaftlichen Fortschritt gewesen. Wir haben von niemandem etwas zu erwarten, als von uns selber. Wenn wir ernstlich wollen, werden wir stark sein — aber es muss das feste Wollen eines ganzes Volkes sein.

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