Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Article
- Berliner Correspondenzen
- Date
- 1901-02-22
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & Wet& Nr. 8 Zionismus freudig begrüsse als eine Bewegung, die zeige, dass noch Leben im Judenthum sei. Und Herr Landrabbiner Dr. Gronemann in H annove r i^t doch auch aus guter Familie, beileibe kein „russische]* Israelit". Er hat kürzlich, wie die hiesige „Israelitische Rundschau" berichtet, im hannoverschen „Verein zur Förderung jüdischen Wissens" folgende Ansprache gehalten : „Meine Herren! Ich bin heute abends nur als Zuhörer erschienen, nicht mit der Absicht, mich an der Discussion pro oder contra zu betheiligen. Nur das eine möchte ich aussprechen, dass ich, ohne Zionist zu sein, heute nicht mehr im Zionismus, weder vom religiösen noch vom Standpunkte der deutschen Gesinnung aus eine Gefahr erblicke, wie ich es früher mit vielen Collegen gethan habe, da man anerkennen muss, dass der Zionismus gemässigte Bahnen eingeschlagen hat. Die bekannte Erklärung, welche der Vorstand des Rabbinerverbandes seinerzeit gegen den Zionismus erliess, war damals, vor dem ersten Congresse, durchaus berechtigt. Wenn nach dem Congresse die General-Versammlung des Rabbiner Verbandes diese Erklärung guthiess, so bedeutete dies nach meiner Auffassung nichts als die dem Vorstande gewährte Indemnität. Ich binj überzeugt, dass viele meiner Collegen diese meine Ansicht theilen, nach der damals nur ausgesprochen wurde, dass diese Erklärung zur Zeit, da sie erlassen wurde, berechtigt war. Zum Programme der heutigen zionistischen Partei haben meines Erachtens die deutschen Rabbiner noch keine Stellung genominen. Wenn ich als einzelner mir meine Stellungnahme noch durchaus vorbehalte, so kann ich doch die Uebe) zeugung und Hoffnung aussprechen, dass es zu einer Verständigung zwischen der zionistischen Partei und den deutschen Rabbinern kommen wird. Voraussetzung ist, dass Freunde und Gegner des Zionismus sich bestreben, einander zu verstehen und einander mit Vertrauen zu begegnen in der Ueberzeugung, dass beide das Beste des Judenthums wollen." Also, Ihr Herren Antizionisten und Schleppträger der freisinnigen Parteien allzumal: wenn Ihr sagt, „die deutschen Juden werden ... öffentlich feststellen müssen, dass sie mit den zionistischen Schwärmern nichts gemein haben", so irrt Ihr ganz gevvaltg. Bekanntlich muss kein Mensch müssen. Oder doch: Menschen und Dinge, die sich überlebt haben, müssen einem unerbittlichen Naturgesetze zufolge absterben. Und in diesem Falle befindet sich das jüdische Assimilantenthum, in Deutschland und anderwärts; es hat sich überlebt. I w r i. jüdische Realpolitik, ) Von Dr. Mayer Ebner, Czernowitz. Die politischen Verhältnisse in Oesterreich haben auch in zionistischen Kreisen, für die unser Baseler Programm Dogma ist. allmählich die Erkenntnis gereift, dass es für die Juden Oesterreichs hoch an der Zeit ist, auch Gegenwarts-Politik zu treiben. Der Zionismus ist uns Trost und Hoffnung, und alle Begeisterung, deren unser Herz fähig ist, wollen wir auch fürderhin in den Dienst der Sache des gesammten jüdischen Volkes stellen. Aber Klugheit und Vorsicht gebieten uns, nicht gleichgiltig zuzusehen, wie die Million österreichischer Juden politisch völlig bedeutungslos geworden ist, umsomehr, als die Resignation in politischen Dingen das sicherste Anzeichen geistiger Rückständigkeit und totaler Versumpfung des öffentlichen Lebens eines Volkes ist. Die Discussion über die Frage einer jüdischen Realpolitik ist actuell geworden. Das gesteigerte Interesse, das man dieser Frage entgegenbringt, ist ein Beweis des allmählichen Erwachens aus der Lethargie. Ich bin zwar kein Freund davon, Ideen und Ideenrichtungen in das Prokrustesbett von Definitionen einzuzwängen, ich möchte aber doch, um der Discussion eine Grundlage zu geben und Missverständnisse zu vermeiden, das Wesen der jüdischen Realpolitik in dem Cardinalsatz zusammenfassen : *) Wir setzen mit dieser Entgegnung des Dr. Ebner auf die Ausführungen des Dr. Menczel (Nr. 4 und .6) die Discussion über den Wert einer jüdischen Realpolitik in Oesterreich fort. Die jüdische Realpolitik will durch weise Ausnützung aller gegebenen Machtverhältnisse und insbesondere der neu zu schaffenden, selbständigen jüdischen Organisationen, sowie der nach dem Grundsätze „do ut des" zu schliessenden Bündnisse für eine energische Vertretung der österreichischen Judenschaft und ihrer Volksrechte imParlamente, in den Landtagen, in den Gemeinden und sonstigen allgemeinen Vertretungskörpern — womöglich durch Juden — sorgen. Die jüdische Realpolitik sieht in einer gesunden Socialpoiitik ein ausgezeichnetes Mittel für den politischen Fortschritt, der schliesslich in seiner Endconsequenz nichts anderes anstrebt, als das wirtschaftliche Gedeihen und die freiesteEntwicklung des gesammten Volkes sowie des Individuums. Die Vertreter dieser jüdisch-politischen Richtung sind durch die Betrachtung der gegenwärtigen, traurigen Verhältnisse zu dieser Anschauung gekommen. Wir erleben das schmähliche Schauspiel, dass ein Volksstamm in Oesterreich, der durch Intelligenz, Steuerkraft und durch Pflege von Handel und Gewerbe hervorragt, im österreichischen Parlamente so gut wie gar nicht vertreten ist. Es hängt rein vom Zufalle ab, ob sich jemand im Abgeordnetenhause oder in den anderen Vertretungskörpern findet, der sich der Mühe unterzieht, die wahnsinnigen Angriffe auf unsere Religion und unser Volksthum zurückzuweisen. Eine Viertelmillion Rumänen hat im Abgeordnetenhause einen eigenen Club, die Million Juden vertraut die Wahrung ihrer Rechte der Grossmuth von Ariern oder Juden an — Ausnahmen lasse ich gelten — die keine Empfindung und kein Herz für ihr Volk haben und durch ihr schmähliches Verhalten uns direct zur Unehre gereichen. Ich weiss es aus dem Munde des einzigen jüdischen Abgeordneten (Dr. Strauch er), wie schwer es ihm oft gefallen ist, sich die zur Einbringung einer Interpellation nothwendigen fünfzehn Unterschriften zu beschaffen, wenn diese Interpellation eine jüdische Angelegenheit betraf. Die Hausjuden des Polen-Clubs wichen aus. Die Deutschfortschrittlichen Hessen sich in der Regel für jüdische Interessen nicht missbrauchen, und nur die Socialdemokraten hatten ein Einsehen. Ist das nicht ein Zustand gleich verderblich wie schmählich? Sollen wir müssig zusehen, bis sich zu Hass und \ erachtung auch der Hohn gesellt? Wenn sich durch Zufall ein echt jüdischer Abgeordneter ins Parlament verirrt, weiss er wahrlich nicht, was er mit sich anfangen soll. Er ist kein Socialdemokrat und selbstverständlich kein Christlich-Socialer. Seine Ehrenhaftigkeit und seine Ueberzeugung halten ihn davonj ab, bei den Deutsch-Fortschrittlichen per vim majoritatis Aufnahme zu suchen und zu finden. Einsam und verlassen wandelt er durch die weiten Hallen. Diejenigen, an die er sich am ehesten anschliessen möchte, sind in allen möglichen Clubs zerstreut, um des Propheten W^ort von der Zerstreuung Israels unter die Völker wahrzumachen. Die einen sind Heloten der Polen, die anderen — mit Lueger, Schönerer und Wolf—Säulen der deutschen Gemeinbürgschaft. Was ist nun natürlicher als das Bestreben, den jüdischen Abgeordneten im Parlamente einen Sammelpunkt zu geben? Man erhebt nun den Einwand, dass die Candidatur eines Juden auf ein jüdisches Programm in Oesterreich keine Aussicht auf Erfolg hat. Nun brauche ich es gar nicht hervorzuheben, dass Real politiker mit den Verhältnissen werden zu rechnen wissen. Der deutsche Professor Dr. S k e d 1 hat im Wahlkreise Radautz-Sereth-Suczawa mit jüdischer Majorität auf Grund eines bukowinischwirtschaftlichen Programmes candidiert, ist dem deutschfortschrittlichen Club beigetreten, wird jedoch in Landesfragen mit der neugebildeten „Freien wirtschaftlichen Vereinigung der Bukowinaer Abgeordneten" stimmen. In Wahlkreisen mit absoluter jüdischer Majorität wird ein jüdischer Candidat rückhaltsloser auftreten können, als in Bezirken mit nur relativer jüdischer Majorität. Im allgemeinen candidieren jüdische Abgeordnete auf Grund eines allgemeinen Programmes. Nachdem die Juden keine nationalen Forderungen — staatsrechtlicher oder sprachlicher Natur — haben, dieselben sich vielmehr mit denen jeder verfassungstreuen, fortschrittlichen, nichtnationalen Partei decken, wird es dem jüdischen (Kandidaten leicht gemacht, ein Programm zu entwickeln, das allen Wählern recht, sein wird, den jüdischen . Wählern ganz besonders, weil der jüdische Candidat — ich denke nicht an Leute wie Licht, Auspitz oder gar Rosenzweig — als.