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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
Der siebzigste Geburtstag Dr. Rülfs
Date
1901-02-22
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 „Die # Welt" Seite 5 der friedlichen, emsigen, liebevollen und versöhnlichen Art Ihres amtlichen. Wirkens dankerfüllter Brust zu erwähnen. So wissen wir uns eins mit all den vielen Gliedern unserer Gemeinde, Hqeh und Niedrig, Arm und Reich, in den innigen Empfindungeiii aufrichtiger Verehrung und ■■ treuer Anhänglichkeit an den unvergessenen, langjährigen Leiter unserer Gemeinde und Lehrer unserer Jugend, wie auch in dem inbrünstigen Gebete zum Allmächtigen, dass er Ihnen einen langen, heiteren und sorgenfreien Lebensabend, eine Zeit wohlverdienten Ausruhens von Ihrem arbeitsreichen Leben gewähren möge, Ihnen und Ihrer wertgeschätzten Frau Gemahlin zur Freude und zum Stolze der gesammten Judenheit. Der Vorstand und die Repräsentanten d er Synagoge n-G emeinde Meme 1." Ausser dieser offiziellen Kundgebung der Gemeinde haben drei Vereine, der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur'4, der Verein „Gemillus Chassodim" und der Verein „Zdokoh gdaulo" gemeinsam ihrem Ehrenmitgliede und Mitbegründer eine Glückwunsch-Adresse gewidmet. Auch der Gewerbeverein, zumeist aus christlichen Handwerkern bestehend, dessen Vorstand Dr. R ü 1 f jahrelang angehörte, fehlte unter den Gratulanten nicht. Am Montag Abend veranstaltete der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hierselbst zu Ehren des 70. Geburtstages seines Ehrenmitgliedes Dr. Rülf einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Ernst Tuch aus Berlin über „Die Juden in der Landwirtschaft" sprach, zu welchem auch Gäste, durch Mitglieder eingeführt, Zutritt hatten. Viele Familien haben dem Jubilar telegraphisch Glückwünsche gesandt. Berliner Correspondenzen. (Zum J u d e n t ag.) I. Berlin. 12. Februar 1901. Montag den 11. Februar fand die dritte, von der Berliner Zonistischen Vereinigung zur Agitation für den Judentag einberufene Volksversammlung statt. Der Andrang war ungleich grösser als zu den beiden ersten. Hatten doch die Zeitungen durch eingehende Berichte oder gar Leitartikel die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Man konnte so recht erkennen, dass es nur einer unermüdlichen Anfeuerung bedarf, um auch die Apathischen aus ihrem Indifferentismus aufzuscheuchen. Unsere Versammlungen finden nicht hinter geschlossenen Thüren statt, wie zum Beispiel die Protestversammlung der „ Grossen" Berlins gegen die Bemerkungen des Herrn Justizministers. Wir fürchten weder die pöbelhaften Rüpeleien von Radau-Antisemiten, die unsere Versammlungen nicht verschonten, noch etwa den Widerspruch eigener Stammesgenossen. Bei uns dürfen auch nicht grosse pathetische Reden über jüdischen Stolz und jüdisches Selbst - bewusstsein von Leuten gehalten werden, die — vorsichtshalber — ihre Kinder beizeiten haben taufen lassen. Darum haben wir Bedeutung und Beachtung gefunden, weil man herausfühlte: wir posieren nicht; wir sind ehrliche Männer, vielleicht die einzigen Juden, die auch in der breitesten Oeffentlichkeit den Muth haben, offen und stolz ihr Judenthum zu tragen. Unsere letzte Versammlung konnte einen sorgfältigen Vortrag über die Nothwendigkeit eines deutschen Judentages hören, den Herr Rechtsanwalt Heinrich S c h w a r z, unser Breslauer Gesinnungsgenosse, hielt. An der Hand eines reichen geschichtlichen Materiales suchte er nachzuweisen, dass der deutschen Judenheit eine Gesammtvertretung nach dem Gesetze fehlt. Diese mangelnde Einheit hat ebenso verwirrend auf das ganze jüdische Leben gewirkt. Die Rabbiner, die eigentlich eine freie und selbstständige Stellung in den Gemeinden einnehmen müssten, sind zu „Beamten" herabgedrückt worden, d.h. zu Knechten der Geidsäcke und Dickwänste. Die Rabbiner müssen protestieren, um sich die Gunst ihrer Vorgesetzten nicht zu verscherzen, die ihren Kindern christlichen Religionsunterricht ertheilen lassen und ihre Töchter an verschuldete Officiere ausliefern. Bei der Vertagung der Juden-Organisation in Deutschland hob cb»r Redner mit besonderem Nachdrucke die grossen Verdienste des Vereines mit dem ebenso langen wie falschen Namen hervor. Im Anschlüsse an den mehr als Inständigen Vortrag fand eine äusserst lebhafte Discussion statt, in der Herr Klausner zur Abwechslung wieder einmal gegen uns raste, Herr Silbergleit aber dringlichst die Zionisten vor der Propaganda für den Judentag warnte. („Die erste Thätigkeit des Judentages wird ein Piotest gegen den Zionismus sein,") Den vielen;,liberalen und kosmopolitischen Rednern, die mit schon durch das Alter fast heiligeii Ai'gumenten al'b'eTteWn, trat in ausserordentlich wirkungsvoller Weise Herr Doctor Max Oppen h eimer entgegen. Zum Schlüsse wurde gegen 16 Stimmen eine den Judentag befürwortende Resolution angenommen. II. Berlin, 15. Februar 1901. (Vorläufige Mittheilung.) An der Vorbereitung des Judentages wird unW Ausschluss der Zionisten eifrig gearbeitet. Der Judentag soll nun wirklich im März stattfinden. Der Judentag — freilich nicht! Ein Tag von Juden, der irgendeinen unverdächtigen Namen trä^t: Delegiertentag oder Gemeindetag! Nur so Hessen sich die Provinzmänner, die immer noch hinter ihren liberalen Götzen herkriechen, dazu bewegen, sich an einer jüdischen Sache zu betheiligen. Es ist noch nicht bestimmt, ob die Thülen des Versammlungsloeales verdoppelt werden oder mit amerikanischen Patentschlössern gesperrt werden sollen. Auch darüber ist noch keine Einigung erzielt, auf welche Weise die Zionisten, die der ganzen Idee erst die Verbreitung und den Anklang schaffen, ferne gehalten werden können. Wir geben in des die Hoffnung nicht auf, dass es uns gelingen wird, die massgebenden Kreise davon zu überzeugen, dass nicht nur rein ausser lieh die zionistischen Verbände Antheil haben müssen, sondern dass auch im Innern jede grössere jüdische Organisation des Wege weisenden, Fernsichten eröffnenden und des durch seine Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit, seinesldealismus reinigenden und belebenden Zionismus bedarf. Die leitenden Männer werden endlich erkennen, dass es eine lächerliche Feigheit, eine entwürdigende Concession an die rückständige Provinz ist, den Judentag eine religiöse Institution unter A u sschluss aller religiösen Fragen zu nennen, wo eine nationale Grundlage allein Berechtigung hat. S. III. Von einem anderen Berliner Correspondenten erhalten wir folgenden Stimmungsbericht: Die Konitzer Ereignisse und die Judendebatten im preussischen Landtage haben in dem besseren Theile der deutschen Judenheit, nämlich bei denjenigen Brüdern, deren jüdische Instincte im Taumel der Assimilation noch nicht völlig betäubt worden sind, einen gewaltigen seelischen Katzenjammer hervorgerufen. Der aufmerksame Beobachter kann den Umschwung in den Stimmungen fast mit den Händen greifen. Es tagt in den Köpfen der deutschen Juden. Für die Vorkämpfer der Assimilation, die da in den Höhen thronen, bricht eine Götzendämmerung heran, die ihrem Reiche ein Ende mit Schrecken bereiten wird . . . Sie fühlen es mit Grauen und — „auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiss". Grosse Volksversammlungen werden von den Zionisten veranstaltet, auf denen Resolutionen im Sinne der Einberufer zu wiederholtenmalen fast einstimmig angenommen werden — die Assimilations- Greise faseln von „zufälligen Mehrheiten" und einer „scandalsüchtigen Menge". Wohlgemerkt: Zuerst haben die alten Herren die ganze Volksbewegung wochenlang todtgeschwiegen — „aus triftigen Gründen", die sie uns leider schuldig geblieben sind. Und als es mit dem Todtschweigen nicht mehr weitergieng, umgürteten sie sich in ihrer Hilflosigkeit mit dem ganzen Stolze ihrer falschen, abgelebten Vornehmheit und traten uns in dieser lächerlichen Eüstung entgegen. Nun, da sie sehen, dass uns ihre vornehmsten Leitartikel nicht imponieren, verschanzen sie sich hinter dem Rücken „christlicher Freunde" von der liberalen Tagespresse — besser gesagt: sie schieben diese vor und halten uns für so kurzsichtig, dass wir sie dort hinten, woher sie uns in gedeckter und geduckter Stellung angreifen, nicht sehen. Ach nein, ich kenne Dich, liebe Maske. Stand da jüngstens im Mosse'schen „Berliner Tageblatt" ein antizionistisches Entrefilet, in dem u. a. „die deutschen Juden ihrerseits" ernstlich ermahnt werden, noch deutlicher als bisher festzustellen, „dass sie mit den zionistischen Schwärmern nichts gemein haben wollen und nichts gemein haben*. Ich möchte tausend gegen eins wetten, dass der Schreiber dieser Notiz auch seinerseits ein Jude ist ... . Leider zeigen die deutschen Juden ihrerseits nicht die mindeste Neigung, Gewünschtes festzustellen. In der jüngsten Judentags-Versammlung, die die Berliner Zionistische Vereinigung vorige Woche veranstaltete und die von ungefähr 1000 Personen besucht war, wurde wieder einmal die Resolution der Zionisten nahezu einhellig zum Beschlüsse erhoben. Doch das war eine „scandalsüchtige Menge" : aber Herr Prof. Martin P h i 1 i p p s o hn gehört doch hoffentlich memr1 zu die^r (jiimitite' ilegligeable, und -auch:.er haß neulich in Breslau öffentlich die Aeussemng gethan, dass er den

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