Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 7 (15.2.1901)
- Article
- Blut
- Date
- 1901-02-15
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die $ Welt06 Seite 11 sank nooh mehr in sich zusammen und wurde so klein — so klein . . . Seine Augen weiteten sich, unwillkürlich hörte ,er auf zu kauen.;f „Jude," schrie einer,/ — und dann ein vielstimmiges höhnendes Gebrüll: „Judenkerl, Judenkerl!" . . . Und schon flog ein Schwärm von Schneebällen nach der Ecke. Der wasserschwere Thauschnee schlug gegen den Plankenzaun, dass er erzitterte. Der Judenjunge hatte sich erhoben, fiel aber sogleich auf ein Knie. Er schützte sich mit den Armen, die Mütze wurde von seinem Kopfe geschlagen, das Butterbrot aus seiner Hand. Sie Hessen sich keine Zeit, die Wirkung ihrer Salve zu beobachten, sondern griffen jauchzend in den Schnee. Noch eine Salve, und wieder eine . . . Plötzlich drang ein verzweifelter Schrei von der Ecke herüber. Die Stimme gellte, wie die eines Wahnsinnigen: „Mayer ist auch ein Jude! . . « „Das ist eine Lüge! Wir sind getauft!" schrie Mayer und begleitete seinen zornbeben den Ausruf mit einem neuen Wurf. . In demselben Augenblicke sprang der kleine Judenjunge wie eine Feder in die Höhe, stand aufrecht auf seinen dünnen Beinen, ballte die Hände, gieng der Schaar entgegen. Mayers Schneeball hatte ihn mitten ins Gesicht getroffen. Seine Nase blutete, das eine Auge war ganz verklebt; das andere aber stierte gerade los auf Mayer. Ein neuer Schneeball traf seine Schläfe, er fühlte ihn nicht. Einen der Knaben puffte er zur Seite, den Arm eines anderen erfasste er, um schneller vorwärts zu dringen, strauchelte, fiel, sprang wieder auf und gieng vor, bis er dicht vor Mayer stand. Da richtete er sich hoch empor und spie ihm zweimal ins Gesicht. Auf dem Platze wurde es todtenstill. Die Knaben standen wie Statuen--einer gebückt, die Hände zu einem Griff in den Schnee ausgestreckt, einer krummrückig, den Kopf tief zwischen den Schultern und beide Hände um einen Schneeball gepresst, einer zurückgebogen, die Arme zum Wurf erhoben, alle mit geöffneten Lippen, angehaltenem Athem, die Augen auf den kleinen Juden geheftet. Dann — im Augenblicke — glitten die Schneebälle zur Erde, die Jungen richteten sich mit jäher Schnelligkeit auf und stürmten herbei. Ein halbes Dutzend geballter Fäuste streckte sich gegen Mayers Gesicht. „Du rührst ihn nicht an, Mayer!* . . . Oben im Schulhause klirrte ein Fenster, „Plagt Euch der Teufel, Jungens? — Werdet Unruhig sein?" . . . Gleich darauf begannen die Jungen ein lustiges, harmloses Spiel. Auf der Bank sass der kleine Judenjunge. Er hatte sein Butterbrot aufgehoben, ass es mit grossen Bissen, wischte sich zuweilen mit dem Handrücken das Blut vom Gesichte und starrte nach der Dachtraufe . . . Jüdische Toynbee-Hallen. Erste jüdische Toynbee-Halle in Wien XX., Webergasse Nr. 13. Bericht. Der Besuch der Wiener Toynbee-Halle ist anhaltend ein ungemein starker. Allabendlich muss man eine grosse Zahl Leute mit dem Worte „Ueberfüllt" auf den nächsten Abend vertrösten. Das systematisch zusammengestellte Programm, das der Besprechung von Fragen der verschiedensten Gebiete gewidmet ist, kann nur dazu beitragen, das Interesse der Gäste an den Darbietungen der Toynbee-Halle zu befestigen. Die Hausordnung, welche vom Professor Kellner festgesetzt wurde, wird von den Besuchern stricte eingehalten. Als Ordner der Halle fungiert Abendnfär/jAben^.Herr E d e 1 sie in^ dessen, unern^üdlichp Thätigkeit das höchste Lob verdient, Programm i-om lli. bis 11. F e b r u a r : Samstag den 1<>. F e b r u a r : Herr Ring w a i d : „Agada". Herr Tiger: Gesang'. Sonntag den 17. F e h r u a r : Dr. H o r o w i t z : „Hamlet" (mit Recitationen). Musik: Trio (Frl. Feigenbaum und Herren T e d e s c o). Montag den 18. Februar: Dr. Bernstein: „Processfall von Damascusu. Dienstag den 19. F e b r u a r: Herr Beer: .Jüdische Hausierer". Concert: Frl. Abel, Fürst und Frau Stock» Mittwoch den 20. Februar: Herr Sicher: „Die Prager Judenstadt*'. Herr Schön: Recitation. Donnerstag de n 21. F e b r u a r: Dr. S a d g e r : „Asepsis". * Sonntag, den 17. Februar, findet in der Toynbee-Halle ein Kinder-Nachmittag statt. * Jüdische Toynbee-Hallen in Brünn und Drohobycz. Von Brünn und Drohobycz wird über die dortigen Toynbee-Hallen berichtet, dass sie ausserordentlichem Zuspruch zu verzeichnen haben und ungemein erfolgreich wirken. * Eine Toynbee-Halle in Prag. Zugunsten des Fonds einer zu begründenden Toynbee- Halle in Prag veranstaltet die dortige Voreinigung „Fraternitas" einen Unterhaltungsabend. Mehrere Damen des zionistischen Frauenvereines in Prag haben diese Woche die Wiener Toynbee-Halle besucht, um deren Einrichtung kennen zu lernen. fVus dsi) Ve*eii)ei). Voranzeigen. Wien. Die diesjährige Purim-Feier des „Literarischen Geselligkeitsvereines jüdischer Mädchen Moria" wird Sonntag am 24. Februar im „Hotel Central", IL, »Taborstrasse, stattfinden. Das Comite beehrt sich, alle Freunde und Gönneides Vereines höflichst einzuladen. Karten sind erhältlich bei der Präsidentin des Vereines Fräulein Natalie Poll ak, IX.. Währinger Strasse M Wien. Die Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar-Kochba" veranstaltet am S>S. Februar 1. J. im grossen Saale des „Hotel Continental". II. Taborstrasse, eine Akademie mit nachfolgendem Tanzkränzchen. Das vorbereitende Comite hat seinen Sitz Vilf., Langegasse Ii, II. Stiege, Parterre. Graz. Der akademische Verein „Charitas*' veranstaltet am 28. Februar einen Unterhaltungsabend mit Tanzkränzchen. Auf dem Programme stehen u. a : Cello-Vorträge von Herrn Prof. Ludwig Steingrab er und gesangliche Darbietungen und humoristische Vorträge von beliebten Mitgliedern der vereinigten städtischen Theater in Graz. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der isr.- theo 1. Lehranstal t.) Samstag den K>. d. M. wird Herr Dr. Max Hu ss in unserem Betiocale (Beth- Hamidrasch), IL, Tempelgasse 3, zum Wochenabschnitte predigen. Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr morgens. Wien. Der „Erste zionistische Fraue nv er ein" veranstaltet Mittwoch den 27. Februar 1901 im Festsaale des Kaufmännischen Vereines, L, Johannesgasse Nr. <i, einen Unterhaltungs-Abend mit anschliessendem Tanzkränzchen. Ihre freundliche Mitwirkung haben zugesagt die Damen Marianne Marion, Dorn Popper, Zerline Feigenbau m und Mizzi H o f t e u f e 1; die Herren Professor S. Ä übe r, Fritz und Ernst T e d e s c o, Oskar Lampel, N. H o f f m a n n und Elie P. S m o 1 e n s k y. Famil ienkarten Kr. ß. —, E i n z e l k a r te n Kr. c2.— sind bei F r a u Dr. S i d o n i e K a h n, VII., Linde ng a s s e Nr. 11, z u h a b e n. Das R einerträgnis iiiesst der „J ü d i s c h e n Toynben - H a 1 l e" zu. Wien. (Erster jüdischer T um vererein, I., Mölkerb astei 5.) Turnabende finden statt: für H e r r e n Montag und Donnerstag, Dienstag und Freitag von V'a 8 bis 9 Uhr abends; für Damen Mittwoch und Samstag von 6 V2—8 V2 Uhr abends. Wien. (Einzel verein „YYr i e n" d es „Z i o nu.) Dienstag, 18. Febrar 1901. halb 8 Uhr abends, im Vereinsiö.ctile JL; S<m\Vä'rzingergasse;vJi'Vortrag des Herrn Docenten Dr. S. Kornfeld: „Max Nordaus jüdische Volkspölitilr'.