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Die Welt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Article
[Kommentar]
Date
1901-02-15
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt*4 Nr. 7 Vor zwei Jahren bereits veröffentlichte der „Russkoje Bogatstwo" („Russischer Reiehthum") einen aus der Feder des russischen Sociologen Jushakow stammenden Artikel über die zionistische Bewegung. Der Artikel verrieth aber keine besondere Kenntnis der grossen Volksbewegung seitens des Autors, und deshalb eben war er nicht gründlich genug: der russische Leser konnte keinen genauen und tiefen Einblick in die Bewegung gewinnen. Nun brachte aber das jüngst erschienene Jänner-Buch des „Mir Boshij44 eine grössere Arbeit über den Zionismus, die den Titel führt : „Die zionistische Bewegung unter den Juden" und Herrn B. Arndt zum Verfasser hat. Ich bin geneigt, den Aufsatz vermöge seiner Eigenschaften den hervorragendsten Agitationsmitteln für die zionistische Idee in russischen intelligenten Kreisen überhaupt und in russisch-jüdischen im besonderen beizuzählen. Vor allem die Form, in welche die Arbeit gekleidet . ist: ruhig, gemüthlich, populär und hauptsächlich vornehm. Sie blendet nicht und glitzert auch nicht durch frappierende Scheingedanken; nein : die ganze Arbeit ist von ernster Wissenschaftlichkeit durchdrungen. Der Verfasser ist nicht aufdrängend, er wendet nicht die abgedroschenen Mittel an, um für seine Idee zu gewinnen. Im Gegentheil: nahezu die ganze Arbeit ist möglichst objectiv, vorurtheilsfrei: nur zum Schlüsse erlaubt er sich auf Grund historisch festgestellter Thatsachen eine eigene Betrachtung über die zionistische Bewegung. Im ganzen genommen, gehört der Aufsatz der in ihm enthaltenen Gedankenfülle und ihrer logischer Durchführung wegen zu den besten und hervorragendsten, die die russische Presse über den Zionismus gebracht, und muss der Autor desselben als tiefer und gründlicher Kenner jüdischer Verhältnisse im ganzen und der zionistischen Bewegung im einzelnen bezeichnet werden. Ich skizziere den Gedankengang des Aufsatzes. Im Eingange spricht A r n d t über Geschichte und Bedingungen der Entstehung des Zionismus, über sein Wesen, seine Aufgaben und Ziele. Alsdann erwähnteer Dr. Pinskers Broschüre „Autoemancipation" und Dr. Herzls: „Der Judenstaat", erzählt von der Bewegung der Palästinophilen, spricht über den Zionismus in Westeuropa, über die Differenzierung des Zionismus im Laufe der letzten drei Jahre, über die „Culturfrage", welcher er, anbei bemerkt, eine grosse Bedeutung beimisst. schreitet dann zur Darlegung und Erklärung der philosophischen Grundlagen des Zionismus. Arndt geht vom Satze aus, das jüdische Volk sei deswegen so verachtet und verhasst, weil es keinen eigenen Heid, keine eigene Heimatsscholle besitze und daher allen Völkern durchwegs, progressiven wie unentwickelten, als Fremder und Parasit erscheine; die menschliche Psychologie sei bei dem jetzigen Stadium der Cultureritwicklurg derartig, dass heutzutage nur diejenigen sich Achtung erwerben können, welche Eigenthum, Haus und Recht besitzen. Diese Denkart oder besser Gefühlsart müsse das jüdische Volk ganz besonders ins Auge fassen. -— Arndt gibt noch die Argumente an, die seitens der Protestrabbiner und Assimilatoren wider den Zionismus ins Feld geführt werden, widerlegt mit Erfolg die theils mystischen, theils realen Einwände der Protestanten des Zionismus und gestattet sich zum Schlüsse einige Bemerkungen. Seinem Empfinden nach bücke der Zionismus doch ein wenig pessimistisch auf den menschlichen Fortschritt und negirt ganz unnützerweise jegliche humanitäre Vorwärtsbewegung: andererseits anerkennt er den Grundsatz des Zionismus, nach welchem das voreingenommene Verhalten der Völker den Juden gegenüber durch ihre Heimatlosigkeit erklärt wird. Arndts unbedingt lesenswerter Aufsatz bringt eine Fülle von Ideen und interessanten Folgerungen, auf die ich aber hier aus Gründen des Raumes nicht näher eingehen kann. A r n d t sehliesst seine Arbeit mit folgenden Worten ab: „Das Streben nach nationaler Wiedergeburt ist das natürliche, unantastbare Recht jedes bedrückten Volkes, wenn es nur die hierzu gehörige genügende Lebensfähigkeit und hinreichende, wenn auch nicht materielle, so doch geistige und sittliche Kräfte ux.d Mittel besitzt. Ob die zionistische Bewegung von Erfolg gekrönt werden wird — hierüber wollen wir nicht urtheiien, denn wir gerathen nur dadurch in ein Gebiet mehr oder minder gewagter Voraussetzungen und Vermuthungen, Eines aber unterliegt keinem Zweifel, nämlich, dass die zionistische Bewegung ihre Ziele durch Culturmittel zu erlangen sucht, „Bevor wir nach Palästina übersiedeln und dort ein nationales Leben zu führen beginnen, müssen wir an unserei* Entwicklung arbeiten, um so eines hohen Zieles würdig zu sein, sagen die Zionisten3 und sie ^wjLr^pn, auch in diesem,.Qeißte,;.sie,g/;ijnc^n,SV..ß r e.i.ri.e. ZfUr ( b e ] b s t a u s b i 1 d u n g , M u s"t e r's c Ii u 'l e n ' B i Vii otheken, Lesehallen, Abend- und Sonnabend- C u r s e, verbreiten in den unwissenden Volksmassen Wissen und Aufklärung, geben populäre, belehrende Bücher und Broschüren heraus, halten Reden belehrenden Inhaltes u.s.w. Solch eine C u 11 u r ä r b e i t ist an sich schon, abgesehen von ihrem Endziele, im höchsten Grade sympathisch, denn sie führt zur Hebung des geistigen und sittlichen Niveaus der jüdischen Volksrnasen, zur Entwicklung in ihnen des Selbstbewusstseins und der Selbsttätigkeit, zum Eindringen in ihr alltägliches, arbeitsscweres Einerlei geistiger Interessen und höchster Cuiturideale. Schon das Streben nachErlangung (lies er Ziele genügt, um selbst bei den den Juden Fernstehenden Billigung und Interesse für die zionistische Bewegung zu erwecke n " Karlsruhe. Karl Falk. Inhalt unserer heutigen Jargon-Ausgabe : S. Rosenfeld: Der Bibelvers. — Novus: Die ökonomische Lage der Juden in Russland. — Parteibewegung. — Jüdische Chronik. — %* Jüdische Presse. — Politische Uebersicht. — Weltchronik. — Dr. M. A. E i s e i) s t a d t: Nach der grossen Feuersbrunst. (Erzählung.) — A. L. Lewinsky: Die Reise nach Palästina. — R. Brainin: Berliner Charakterköpfe. — 1. d.: Hausindustrie. — Feuilleton : Die Narren. Roman. Von Scholem A 1 e c h e m. — Mittheilungen des Actions-Comites. Blut. Von Carl Ewald. Autorisierte UeberSetzung aus dem Dänischen von Helene Klepetar. Ein öder und kahler Platz, weit und breit ein hässiicher Morast von Schnee und Schmutz. Auf drei Seiten schloss diesen Platz ein getheerter Plankenzaun ein, mit Spuren von hunderten von Schneebällen. Auf der vierten Seite zog sich die schmutziggelbe Mauer des Schulhauses, dessen breite Fensterscheiben freundlich glänzten. In einer Ecke stand eine lange, schmale Holzbank ohne Lehne. Auf dieser Bank sass ein zwölfjähriger Junge und ass sein Vesperbrot. Er hatte einen grossen Kopf mit dickem Munde, gebogener Nase und todten, wässerigen Augen. Seine dünen Beine, die in Kniehosen und zu weiten Röhrenstiefeln staken, schlenkerten hin und her, schlugen gegeneinander, seine Füsse stampften den Schnee und ruhten keine Secunde. Das Butterbrot, welches er in der linken Hand hielt, ass er mit gewaltigen Bissen, und so öfter dreinbiss, zog er die Augenbrauen hoch empor. Seine rechte Hand knüllte das Frühstückspapier zu einer Kugel zusammen. Eine schwarze Katze schlich vorsichtig über den Platz. Einen Augenblick stand sie still, blickte auf den Jungen, nieste und war mit zwei Sprüngen auf der Bank und dem Plankenzaun. Er wandte den Kopf, als er ihre Krallen auf dem Holz kratzen hörte. „Husch," sagte er, und warf die Papierkugel nach ihr, nahm wieder einen Bissen, sank im Rücken zusammen, kaute und starrte nach der Dachtraufe. Da kam es mit einemmale wie ein Sturm die Treppe herab. Zwölf bis vierzehn Knaben stürzten, hüpften und sprangen in den Morast, tollten wie besessen umher, kreischten und schrieen und schwangen die Mützen. „Keine Religionsstunde heute!... Hoch Petersen! Hoch der kranke Herr Petersen! . . . Keine Aufgaben für das nächstemal! . . Plötzlich gewahrten sie den essenden Jungen auf der Bank. Wie ein Blitz durchfuhr ein Gedanke die jungen Köpfe.??Er--der Jude, — — der nie in der Religionssiünäe ^\v^2hc fir krümmte sim^dmi^imn

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