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Die Welt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Article
Eine Protestversammlung gegen Minister Schönstedt in Berlin
Date
1901-02-15
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 „Die & Welt46 Seite 9 Beschwerdeschrift der Berliner jüdischen Gemeinde. Eine grosse Zahl ähnlicher Eingaben ist von Gemeinden aus allen Gauen Deutschlands eingegangen. Als dritter Redner führte Rechtsanwalt Eugen F uchs den juristischen Inhalt jener Sätze der Verfassung vor, die hier in Frage kommen. Nach den Schlussworten Dr. Nathans gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme: „Die versammelten jüdischen Bürger Berlins legen nachdrücklich Verwahrung ein gegen die aus den Reden des preussischen Justizministers vom 31. Jänner und 8. und 9. Februar a. c. ersichtlichen Verwaltungsgrundsätze, welche mit aller Deutlichkeit ergeben, dass unsere Glaubensgenosse!) wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Religion die Gleichberechtigung im preussischen Staatsdienste nicht geniesse n." Zeitschriftenui)d Rücbep« Rundschau. Von der jüngst hier angezeigten neuen „illustrierten Monatsschrift für modernes Judenthum", die unter dem Titel „Ost und West" im Verlage von S. Calvary & Co. in Berlin erscheint, liegt die erste Nummer vor. Inhalt und Ausstattung stellen das Blatt sofort in di« erste Reihe der jüdischen Zeitschriften. Wir werden auf die Bedeutung des neuen Blattes, das mehr ist und mehr sagt, als man in wenigen Zeilen ausdrücken kann, noch ausfuhrlich eingehen. Heute beschränken wir uns daranf, die zwei leitenden Aufsäte hervorzuheben : „J ü d i s c h e Renaissanc e" von Martin B u b e r und „D ieZukunft desJ udent h u m s" von Dr. Alfred N o s s i g. Von zwei verschiedenen Gesichtspunkten werden in diesen Artikeln eigenartige Beitrage zur Psychologie der national - jüdischen Bewegung gegi ben. N o s s i g geht von der geschichtsphilosophischen Betrachtung aus; er will aus der Geschichte des Judenthums Schlüsse auf seine Zukunft ziehen. Der wichtigste histoi ische Entwicklungsfaktor ist für ihn neben dem ursprünglichen Walten der Triebkräfte die Macht der Ideen, die sich in den führenden Persönlichkeiten verkörpern. Er tührt aus, wie der natürliche Erhaltungstrieb unseres Stammes und der Einfluss der geistigen Vo'.ksleitung, die „den nationalen Bestand durch eine Reihe zielbewu.-ster, erfolgreicher Satzungen" sicherte und „dem Volke innerlich eine fast fanatische Ueberzeugung von der Notwendigkeit seiner Existenz4 einpflanzte, zusammenwirkten zu einem Triumphe der Volkserhaltung, so oft das jüdische Volk „an dem Scheidewege stand, wo es zwischen einem letdvolien Dasein und einer verlockenden Auflösung zu wählen hatte". Ein solcher Scheideweg ist die G« genwart. In ihr tritt die negative Richtung zum erstenmale als reeller, entgegenwirkende! Factor auf. N o s s i g zeigt, dass die Entwicklung auch diesmal — ui.d diesmal mit der Bedeutung einer endgütigen SchicksalsbtStimmung — zugunsten der älteren, ursprünglichen, naturgemässen Kraft fallen musj, „wenn keine die Richtung der geschichtlichen Entwicklung fundamental, umgestaltende (von ihr gänzlich unabhängige) Katastrophe eintreten wird" — für die Möglichkeit einer solchen aber liegen keinerlei Anhaltspunkte vor—, mit anderen Worten : „Bei ungestörter Entwicklung wird das jüdische Volk seine Sondere-xii-tenz beibehalten." Aus eine]'Analyse der Diaspora ergibt sich nun das Resultat, „dass das unaufgelöste jüdische Volk auch aus einem höheien civilisierten Volks- und Staatsorganismus hinausgedrängt wird, sobald jener Organismus innerlich auf eigener Basis erstarkt und gereift ist*. Aus diesen beiden Ergebnissen lässt sich ein drittes ableiten : dass in unfeiner Zukunft eine Massenemigration der Juden zu erwaiten ist. und weil sie in reiferen und bewussteren Zeiten vor sich gehen wird als jede, frühere, wird sie mit einer Concentrierung der jüdischen Majorität und einer Wiederbelebung des jüdischen Staatslebens verbunden sein. Dann ei\st wird die jüdische GeLsteslehie entnationalisiert werden dürfen und sich zu einer neuen Religion der Einheit und der Entwicklung auswachsen. So werden die Weissagungen der grossen Propheten, dieser Menschen des tieften historischen Blickes, in Erfüllung gehen. — Von einem ganz anderen Gesichtspunkte wird in dem Aufsatze Bub ei s die neue jüdische Bewegung aufgefasst. Es wird darin geschildert, wie sich in unserer Zeit eine grosse, allgemeine Schönheitscultur ankündigt, eine Wiedergeburt der. Menschheit durch, .die-Kumt, und wie sie die Wesensföhnen der einzelnen Völker annimmt. „Nicht der Besitzdrang und die territoriale Expansionskiaft der Nationen will sich nun ausleben, sondern ihre individuelle Nuance. Es ist eine Selbstbesinnung der Völkerseelen . . Goethes Traum einer Weltliteratur nimmt neue Formen an: nur wenn jedes Volk aus seinem Wesen herausspricht, mehrt es den gemeinsamen Schatz.41 In der Tiefe der Entwicklung selbst verschmilzt allgemeine und nationale Cultur. „Was den besten Geistern unserer Zeit vorschwebt, ist. ein von Schönheit und geistiger Kraft durcktränktes Menschheitsleben, in dem jeder einzelne und jedes Volk mitschafft und mitgeniesst, ein jedes in seiner Art und nach seinem Werte." Die nationale Theilnahme der Juden an dieser neuen Culturbewegung hat einen ganz eigenen Charakter: den der Muskelanspannung, des Autschauens, des Erwachens: „dem jüdischen Volke steht eine Auferstehung von halbem Leben zum ganzen bevor." Darum hat man bei ihm von einer Renaissance gesprochen. Aber man darf diese nicht missverstehen, wie man früher die grosse Renaissance-Zeit des Ii. und 15. Jahrhunderts missverstand. Wie man diese als Rückkehr zu den Denk- und Sprachformen des Alterthums, als Erneuerung des classischen Lebensstils aufgefasst hat, während sie in Wahrheit eine Wiedergeburt, des ganzen Menschen bedeutet, eine Verjüngung und Neugestaltung des Menschenlebens, so hat man in der ,.jüdischen Renaissance" fälschlich eine blosse Rückkehr zu den alten, im Volksthum wurzelnden Gefühlstraditionen und zu deren sprachlichem, sittlichem, gedanklichem Ausdrucke gesehen. Diese Vorstellung ist klein und unzulänglich. Es handelt sich vielmehr um eine Wiedergeburt des ganzen Menschen in jedem, einzelnen Juden, um eine Verjüngung und Neugestaltung des ganzen jüdischen Lebens. Darum muss der äusseren Erlösung, der Befreiung von Ghetto und Golus zu eigenem Gemeinschaftsleben eine Erlösung vom inneren Ghetto, vom inneren Golus vorausgehen. „Den Kampf gegen die armselige Episode ^Assimilation', der zuletzt in ein wortreiches und inhaltsarmes Geplänkel ausgeartet ist, soll ein Kampf gegen tiefere und mächtigere Zerstörungskräfte ablösen. Dieser soll latente Energie in thätigere umsetzen, Eigenschaften unseres Stammes, die sich in seiner Selbständigkeits-Geschichte geäussert haben, um in den Qualen der Diaspora zu verstummen, unserem modernen Leben in dessen Form wiedergeschenkt. Auch hier keine Rückkehr; ein Neu schaffen aus uraltem Material." Im weiteren Verlaufe des Aufsatzes führt Buber aus, wie er sich eine Wiedergeburt des einheitlichen, ungebrochenen Lebensgefühls des Juden denkt. „Die Bewegung, die in unserer Zeit anhebt, wird den Juden wieder dazu bringen, sich als Organismus zu fühlen und nach harmonischer Entfaltung seiner Kräfte zu streben, ins Gehen, Singen und Arbeiten so viel Seele zu legen, wie in die Behandlung inteilectueller Prohlrme, und eines gesunden t nd vollkommenen Leibes in Stolz und Liebe froh zu werden. Sie wird den Zwiespalt zwischen Denken und Thun, die luroujjruenz von Enthusiasmus und Energie, von Sehnsucht und Opfermuth wieder aufhecen und die einheitliche Persönlichkeit, die aus einer Willensglut heraus schafft, wiederherstellen. Sie wird Staub und Spinnweb des inneren Ghetto von unserer Volksseele abkehren und dem Juden den Blick ins Herz der Natur verleihen, ihn lehren, Bäume, Vögel und Sterne seine Geschwister zu nennen und an der Individualität all^r Wesen seine eigene zu messen. Sie wird ein lebendiges Schauen erziehen und die schöpferischen Kiäfte zur Entfaltung bringen. „Sie wird uns die Schlichtheit und Wahrhaftigkeit eines freiheitlichen Lebens zutheilen. Sie wird uns vor einer äusseren eine innere Heimat schnffen dadurch dass wir in eine Lebensgemeinschaft eintreten, weiche die alte angestammte und doch wieder eine neue ist." Diese beiden Aufsätze ergänzen sich. In dem einen werden die grossen, historischen Mächte dargestellt, aus denen unsere Bewegung, als der Ausdruck des realen Entwicklungsweges, hervorgegangen ist: in dem anderen wird unser Ziel in dem Zusammenhange einer allgemeinen Wiedergeburt, als ein „Theilstrom der neuen Renaissance" betrachtet, und unsere nächsten lebendigen Aufgaben werden skizziert, die sich aus dieser Auffassung ergeben. Der erste betont von unserer Zukunft am stärksten das Endziel, der zweite den Weg. * Als ein sehr erfreuliches und bedeutsames Ereignis muss die Thatsache bezeichnet werden, dass eine ernste russische Monatsschrift zum Zionismus Stellung nahm. Der „Mir Boshij4 (zu deutsch: „Gottes Welt") gehört nämlich zu den einflussreichsten und verbreitetsten Zeitschriften, die Russland besitzt. Die russische Intelligenz bildet nicht den kleinsten Theil der , Mir Boshij"-Leser. am wichtigsten aber ist es, dass die: russische reifere Jugend zu den Anhängern des genannten Journals gehört.

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