Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Article
- Ein Jahr in England
- Date
- 1901-02-08
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 „Die j£ Welt46 Seite 9 sich des indischen Volkes schämen, das sie wegen seiner Unwissenheit, seiner Niedrigkeit, seiner Derauth, seiner Anspruchlosigkeit verachten. Wie Sie die Herrchen da sehen, ahnt keiner von ihnen, dass der Engländer im Herzen zwischen ihm und dem ärmsten Ryot (Landmann) nicht den geringsten Unterschied macht — mit Fug und Recht. Kommt Ihnen das merkwürdig vor? Sehen Sie, mir war der Gedanke, dass ein Londoner Costermonger und der Herzog von Westminster sich als Stammes- und Staatsgenossen, als Engländer fühlen, eine Offenbarung, die mir mit einem Schlage den jetzigen Zustand Indiens erklärte und meine ganze Zukunft bestimmte. Ich erinnere mich des Tages — er war der traurigste meines Lebens und der glücklichste zugleich. Ich weinte heisse Thränen über unsre Blindheit, die wir in unseren Schulen, Comptoirs und Palästen ein paar Tausend Menschen gelten Hessen, während die ungezählten Millionen in den Bergen und Thälern einfach nicht existieren. Diese befrackten Studenten sind Söhne von Geldyerleihern, Advokaten, Theehändlern und dünken sich unendlich erhaben über die armen Leute, welche die schwere Arbeit Indiens verrichten. Sprechen Sie nun mit meinem Prinzen: e r weiss, dass er ein Kind desselben Klimas, desselben Bodens, derselben Geschichte ist, wie das Volk. Ich habe es ihm gesagt und wieder gesagt; jetzt ist er in England, um mit eigenen Augen zu sehen, was ein Volk, das sich als Volk fühlt, in der Welt zu leisten vermag.'* „Und was haben Sie als zweite Errungenschafc aus England nach Hause gebracht?" „Es wird Ihnen thöricht, vielleicht gefährlich erscheinen, wie es dem Vater meines Prinzen und seinem ersten Minister erschien. Ich habe dem Volke meiner Heimat das Evangelium der Unzufriedenheit gebracht." „Allerdings eine sehr bedenkliche Botschaft!" „Und wie wollen Sie eigentlich das Volk zur Unzufriedenheit zwingen?" „Leicht ist es nicht, gewiss nicht, es ist fast so schwer, wie die erste Aufgabe, aber ich werde es erreichen. Mein Prinz steht mir bei. Haben Sie einmal davon gehört, wie das Volk in England, wie die Fabriksarbeiter in Leeds und Manchester, wie die Kohlensclaven in Newcastle und Durham noch vor fünfzig Jahren lebten? Fast wie unsere Ryots. Ein Minimum von Nahrung, gerade genug, um Leib und Seele zusammenzuhalten, ein Minimum von Bekleidung und Behausung, gerade genug, um vor dem Erfrieren zu schützen — damit waren Engländer zufrieden, als Königin Viktoria den Thron bestieg. Und jetzt? Mein Herr, ein englischer Fabriksarbeiter braucht für seine Person mehr in einer Woche, als eine grosse indische Familie in Monaten verzehrt! Und wie wohnen englische Arbeiter! Ihre kleinen Vorstadthäuschen sind wahre Paläste für den Inder, der sich der erbärmlichen Lehmhütten seiner heimatlichen A rb ei ter eri n n ert.u „Und was folgt daraus für Ihr Evangelium?" „England ist das machtigste, freieste, glücklichste , Reich, weil seine Arbeiter die unzufriedensten sind in der Welt." „Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wie passen Unzufriedenheit und Glück zusammen?" „Wenn die Unzufriedenheit von der rechten Art ist, so bedeutet sie allein schon das Glück. War es nicht ein deutscher Denker, der das Streben nach Wahrheit der Wahrheit selbst vorzog? Das Streben nach Verbesserung, die Freude über das Erreichte und die Hoffnung auf weitere Fortschritte — das ist das Glück. Solange mein Volk sich über sein elendes Dasein nicht beklagt, solange ist keine Aussicht vorhanden, Indien wieder frei und selbständig zu sehen. Haben wir aber erst einmal Arbeiter, die vom Leben mehr als täglich ein paar Reiskörner und ein Binsenbett innerhalb vier Lehmwänden verlangen, dann — —" „Und welche ist Ihre dritte Lohre für das indische Volk?" „Soweit mein Einfluss reicht, gilt es als erstes Gebot: Verkaufet kein Land!" „Haben Sie auch das in'England gelernt?" fragte ich erstaunt. „Sie können ja englisches Land fast so billig wie Weidegründe in Südamerika bekommen! Der Ackerbau wird ja in England fast nur noch als Luxus betrieben." Der Brahmane lächelte. . „Ich bin auch in Irland gewesen," sagte er. „Dort habe ich mir meine dritte Lehre geholt. Solange wir Inder unseren Boden behalten, hat\ es keine Gefahr. Sehen Sie, es ist möglich, dass die grüne Insel ihre keltische Bevölkerung einmal ganz an Amerika und Australien abgibt, und nur der Name Irland wird an die einstige Existenz eines irischen Volkes erinnern. In meiner Heimat wird kein Land an Fremde venkauft. Alles kommt von der Erde, und zur Erde kehrt alles zurück." Wer erkennt nicht die geistige Parallele zu dieser Schilderung? Auch für uns Juden ist die schwierigste Arbeit, den Mitbürgern israelitischer Confession klarzumachen, dass sie Glieder des jüdischen Volkes sind. Zweige eines uralten ehrwürdigen Stammes. Auch wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass der einzelne Zweig leicht zerbrochen wird, ein vereinigter Volksbund aber allen Zerstörungsversuchen zu trotzen vermag. Jene tödtliche Selbstbeschränkung, die pathologische Bescheidenheit des Inders, nein, die ist nicht unser Erbe. Nun, und wenn wir sogar an gegentheiligen Eigenschaften kranken würden? Haben wir nicht Jahrtausende des Exils überdauert trotz und wegen dieser Eigenschaften. Was wären die Inder mit unserer Lebenskraft und was wären wir auf eigener Scholle geworden? Der Brahmane räth seinem Volke: Verkaufe kein Land — wir rufen unserem Volke zu: Kauf Dir ein Land! Man lese weiter in diesem Buche: „Inder über Indien" oder „Dichter der T h a t'\ Namentlich diese Skizze. Der Autor schildert einige Ungerath ene Söhne respectabler Engländer, unruhige Köpfe, die in keinem Amte auf keinem Comptoirstuhl aushalten. Diese Phantasten sind es, die Englands Colonialmacht begründen, diese „unklaren Köpfe" erschliessen ihrem Volke neue Gebiete. Sie gehen zumeist unter, sie bilden aber den Humus, den Nährboden für die gedeihlichen Pflanzungen. Wer denkt nicht an die russischen Studenten, an die Gründer von Kattrah, wenn er diese Zeilen liest? Sie zogen aus, ihren heimatlichen Brüdern eine Ruhestätte zu erobern — schwärmerische Feuergeister — ungewohnt jeder landwirtschaftlichen Hantierung. Sie sind „verdorben, gestorben." Kattrah aber ruft stolz von seinem Hügel hinaus ins Land Judäa : hier ist jüdischer Boden, von Juden bebaut, von Juden betreut. In unseren Kreisen erklingt seit Jahresfrist gar oft der von Meister Brüll vertonte Psalm, als dessen Dichter Leo Rafaels genannt ist. Tausende von Sängern haben mit diesen Harmonien die Sehnsucht der modernen Kinder ihrer alten Heimat gestillt, hunderte von Sprechern haben in die markigen Sätze die ganze Kraft ihrer Begeisterung gelegt. „Ein Garten ist die Heimat, sie sei wie sie auch sei", heisst es in diesen Strophen. Dieses Buch ist uns eine Verheissuug Kellners, eine wertvolle, die jeder gelesen haben soll, aber auch eine Anweisung auf die Zukunft. Wir warten seine Einkehr in den Garten der Heimat, er wird uns das Inventar des jüdischen Volkes schreiben, er mit seinem klaren Gelehrtenverstande, er mit seiner Liebe zu unserem Volke. Dann werden wir die zwei Namen, Leo Rafaels und Leon Kellner, zusammen aussprechen, wie eine n, wie den eines der verdienstvollsten Männer unseres Volkes. H. Y o r k - S t e i n e r. Die technische Erschliessung Palästinas. Auf Wunsch vieler Mitglieder des „Vereines für technische Studien in Palästina" wurde die constituierende General- Versammlung auf Sonntag den 10. d. M., 10 Uhr vormittags, verschoben. In einer der nächsten Nummern werden wir die Statuten des Vereines publicieren.