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Die Welt · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Article
Der Zionismus und die schweizerischen Juden
Date
1901-02-08
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die 4 Welt" Nr. 6 Das nationaljüdische Gefühl ist hier im Westen verblasst, und die nach Berlin und Paris schielenden Rabbiner thun ihr Möglichstes, um bei ihren Schutzbefohlenen das jüdische Volksbewusstsein zu ersticken. Versucht man es, unseren Leuten die Scheuklappe von den Augen zu nehmen, so jammern sie, der Zionismus wolle ihnen die Freude am Dasein rauben. Die schweizerischen Juden sind zwar in überwiegender Mehrzahl gerne bereit, den östlichen Stammesbrüdern nach Kräften zu helfen, sofern man sie davon überzeugt, dass dies in einer mit ihren Interessen im Einklang stehenden Weise geschehen kann. Die grosse Menge hat sich jederzeit von den materiellen Interessen leiten lassen. Ideale Interessen sind für Durchschnittsnaturen selten bestimmend. Der Zionismus, wie er oft gepredigt wird, klingt diesen Leuten wie ferne Zukunftsmusik; sie wollen etwas in der Gegenwart Brauchbares. Legt man ihnen ein concretes Programm vor, ähnlich wie es Nor d au in seinem Aufsatze , Die politische Gleichberechtigung der Juden" entworfen hat, so sind sie leichter zu gewinnen; und schildert man ihnen den Zionismus als ein Gebot der Selbstachtung, so lässt sich sogar Begeisterung erzeugen. Leider fehlt es in der Schweiz an guten zionistischen Rednern, und es fehlt ferner ein billiges, jedem Zionisten zugängliches Zeitungsorgan, welches geeignet wäre, das einmal angefachte Feuer der Begeisterung lebendig zu erhalten. Hoffen wir. dass diesen Mängeln abgeholfen wird. S. V e i t. Portländer Brief. Von Stephen S. Wise. Portland, Oregon, 27. December 1900. Es ist mir Herzensbedürfnis, Ihnen über den Stand der zionistischen Bewegung an der Westküste dieses Landes zu berichten. Ich bin soeben von San Francisco in Californien zurückgekehrt, das 36 Stunden von hier entfernt ist. Dort veranstaltete ich Sonntag den 23. December im Saale der „Bnai Brith" eine grosse zionistische Massenversammlung unter den Auspicien des Vereines „Helpers of Zion". Es herrschte eine begeisterte Stimmung und zahlreiche angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde traten dem Vereine bei. Rev. Isidore Myers und Rabbi M. S. Levy, die den Verein ins Leben gerufen haben, versprachen mir, in diesem Winter eine ausgebreitete Agitation in San Francisco und in ganz Californien zu entfalten. Binnen kurzem hoffe ich auch hier in Portland einen zionistischen Verein begründen zu können. Der Präsident meiner Gemeinde, SolomonHirsch, einehemaliger hoher türkischer Würdenträger, ist für den Plan bereits gewonnen. Mr. H i r s c h ist über die Verhältnisse in der Türkei sicherlich ausgezeichnet informiert, und ich kann sagen, dass er der zionistischen Bewegung mehr als sympathisches Interesse entgegenbringt In einem Monate, spätestens in sechs Wochen, wird Portland eine wohlorganisierte und thätige zionistische Körperschaft haben. Ich glaube, dass in dieser Gegend für den Zionismus vieles durch ein Zusammenwirken mit dem B n ai-Brith-Orden erreicht werden könnte, der beispielsweise erst jüngst überaus verdienstvoll gewirkt hat, indem er sich der rumänischen Immigranten thatkräftig annahm. In einigen Wochen hoffe ich, Ihnen über die Erfolge meiner Propaganda Erfreuliches mittheilen zu können. Ein Jahr in England.*) Viele Autoren — und es sind nicht die uninteressantesten — producieren subjectiv, sie modeln jeden Stoff nach ihrem Empfinden, alles Dunkel wird von ihrem Licht erhellt, so dass schliesslich alle ihre Figuren nur einem Zwecke dienen — den Autor sprechen zu lassen. *) Prof. Dr. L. Kellner: „Ein Jahr in Eng- 1 an d". (1898/99) Stuttgart 1900. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf. Wir lernen in solchen Arbeiten mehr den Schöpfer kennen als die Geschöpfe, mehr seine Ansicht über die Dinge als die Dinge selbst. Wir erkennen Zustände und Stimmungen von Menschen und zwar vom Gesichtswinkel des Autors, niemals aber volle Menschen. Menschen zu gestalten, bleibt jedoch das höchste Ziel aller Kunst, sowohl der bildenden, der darstellenden, als auch der malerischem Wer diese hohe Stufe sterblichen Könnens erreichen will, muss die Gabe besitzen, Menschenkinder jeglicher Art liebevoll in sich aufzunehmen, mit ihnen Eins zu werden, um sie dann, begünstigt durch den geheimnissvolleri Werdeprocess der geistigen Fruchtbarkeit, lebenswahr und lebensfähig wiederzugeben. Der Autor, von dem wir heute sprechen wollen, Leon Kellner, ist ein objectiver Beobachter, ein Mann der modernen Wissenschaft. Der Forscher zupft den Künstler am Arm, der die Feder führt. Aber er hat England erlebt, er hat im Anschauen ungewollt und unbewusst das' Volk voll Liebe in sich aufgenommen, und indem er das Geschaute wiedergibt, stellt er lebende Menschen vor uns hin. Er rollt in lebenden Bildern, in hochinteressanten Skizzen und Studien dreiunddreissig Wandelbilder vor uns auf, aus denen wir spielend und in angenehmer Unterhaltung einen ernsten Beitrag zur Erkenntnis der modernen englischen Welt mitnehmen. Leon Kellner schildert in seinem Buche „Ein Jahr in England", das im vornehmen Verlage Deutschlands, bei Cotta, erschienen ist, englische Kinder, grosse Philantropen, schottische Kleinbürger und indische Brahmanen, weltbekannte Literaten und dürftige Mädchen, die gleichwertige Jungen einfangen, und das alles nur zu dem Zwecke, um uns das grosse London klarzumachen, um uns Documente zu liefern zur Erkenntnis des modernen Weltreiches Britannia. Er thut dies, indem er uns Menschen vorstellt — und siehe da, diese Figuren, oft nur mit wenigen Zeilen charakterisiert, sie sind, vielleicht dem Autor unbewusst, künstlerisch gestaltet und voll Leben. Und noch ein Ungewolltes finden wir in Kellners Buche : er will Engländer darstellen — es gelingt ihm — und doch seine Treue zum eigenen Volke, sie leitet hie und da seine Feder, sie lässt ihn länger und liebevoller dort verweilen, wo er Analogien findet zur Vergangenheit, zur Zukunft seines Volkes. Das gestaltet sich ungewollt, unbewusst. In uns Allen, die wir mit ernster Neigung an unserem Volke hängen, ist ein Unbewusstes, das uns leitet, ein Müssen, wo unser Wollen uns ablenken möchte. Und gar wenn es zum geistigen Schaffen kommt, wenn das. Geheimste unseres Wesens sich offenbart, dann spinnen die tiefinnerst ruhenden Empfindungen ihre geheimnissvollen Fäden um uns, und neben dem Fremdling, den man schildert, taucht das leidende Haupt des eigenen Volksgenossen auf. Mit welcher Hingabe schildert Prof. Kellner den Brahmanen, den Inder, der trotz London und moderner Civilisation, in seiner Tracht, und was mehr bedeutet, seinem innersten Wesen nach, dem armen, missachteten Volke in Indien treu bleibt. Der Brahmane erklärt, drei kostbare Dinge von England mit nachhause zu nehmen. Lassen wir ihn selbst davon erzählen : „Das erste bereitet mir die grössten Schwierigkeiten. Ich kann den Gebildeten und Reichen meiner Heimat nicht begreiflich machen, dass sie zum Volke gehören, dass ein Volk existiert. Sehen Sie die jungen Leute dort, wie sie glücklich sind, wenn eine englische Dame zu ihnen spricht? Wissen Sie, warum sie sich ihrer Heimatstracht schämen und den Frack anziehen, der Ihnen so widerwärtig und mir so komisch erscheint? Diese Studenten — sie bereiten sich fast alle auf das indische Staatsexamen vor, das in London beständen werden müss, wenn es eine wirkliche Beamtenlaufbahn eröffnen soll —-schämen sich Indiens, weil sie

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