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Die Welt · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Article
Gegenwartsarbeit
Date
1901-02-08
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 „Die 2$ Welt" Seite 5 der, Wiedergeburt vereinigt, und es soll ihn zugleich vertiefe^ indem es von dem starren und oberflächlichen Formelkram der Agitation zu einer innig lebendigen Erfassung des Volksthums und der Volksarbeit führt. Es soll endlich neben die Propaganda durch das Wort die heute schon allerorten sich durchringende Propaganda durch productive Thätigkeit setzen. Wir sehen, wie in unserem Zeitalter auf allen Gebieten Theorie und Wort durch Lehen undThat verdrängt werden. Die moderne Naturwissenschaft, die nicht mehr erklären, sondern beschreiben will, die neueste Kunstentwicklung, die Richtungen durch Persönlichkeiten ersetzt, die politischen Parteien, die sich immer mehr von Abstractionen und theoretischen Schlagworten ab- und den wirtschaftlichen Forderungen des Tages zuwenden, die einzelnen Menschen endlich, die der religiösen und ethischen Schablone müde sind und nach Gesetzen des individuellen Lebens, nach neuen, aus individueller Wahl stammenden Lebensgemeinschaften verlangen — sie alle sind Zeugnisse für diese grosse Umwandlung, die sich in unseren Tagen vollzieht Der Zionismus tritt in diese Gesammtentwicklung ein, indem er die jüdische Gegenwartsarbeit proclamiert. Man könnte zwar gerade aus diesen Gesichtspunkten heraus behaupten, er brauche kein Actions-Programm aufzustellen. Aber unsere junge Bewegung bedarf eines Zusammenhaltes ihrer Thaten, eines Einheitspunktes, in dem die Wünsche zusammenströmen, und aus dem die Gebote wieder ausstrahlen. Nur ein Programm kann die Einheit aller Regenerationsarbeiten nach aussen hin documentieren. Nur ein Programm der potenzierten Thätigkeit, wie wir es uns denken, kann die weckende und befruchtende Macht ausüben, die zu allen Zeiten von den Manifesten des triumphierenden Lebens ausgieng und Welten umgestaltete. Und nur ein solches Programm kann die Unseren zu der geistigen Freiheit und Selbständigkeit heranziehen, die einst alle Programmeentbehrlich machen wird. Brief aus Manila. Von. einem jüdischen Soldaten. (Wie wir jüngst gemeldet haben, ist unter den jüdischen Soldaten auf den Philippinen eine zionistische Vereinigung gegründet worden. In dem nachfolgenden, überaus interessanten Briefe, der uns dieser Tage von einem Mitgliede dieser Vereinigung in Manila zugekommen ist, finden nun unsere Leser Näheres über die neue zionistische Organisation.) Manila, 20. November 1900. Werter Herr! Wollen Sie gefälligst in beiden Ausgaben Ihrer geschätzten Zeitschrift Folgendes veröffentlichen, was sicherlich Ihren Leserkreis ausserordentlich interessieren wird. Am 11. November v. J. wurde hier ein Massenmeeting veranstaltet, dessen Theilnehmer hauptsächlich jüdische Soldaten aus den verschiedenen Regimentern und dem Hospitalcorps Ü. S. A. waren, welche in Manila und Umgebung stationieren. Der Zweck dieser Versammlung, die mit Erlaubnis unserer vorgesetzten Behörde arrangiert wurde, war die Begründung eines Zweigvereines der New - Yorker „Chovevei Zion" (The Lovers of Zion), die bereits in zahlreichen Städten der Union Einzelvereine ins Leben gerufen haben, welche seit Jahren eine eifrige und erfolgreiche zionistische Propaganda betreiben. Am 15. November fand eine neue Massenversammlung statt zum Zwecke der Constituierung des neuen Vereines und der Wahl des Ausschusses. Unser wackerer Kamerad Mr. Herman referierte in englischer Sprache über den vierten Zionisten-Congress in London. Seine Ausführungen wurden vom Kameraden Mr. Georg R u b i n s t e i n in Yiddish (Jargon) verdolmetscht. Sodann wurde ein Bericht über den gegenwärtigen Stand der Jüdischen Colonialbank verlesen, den uns der Secretär des Trust, Mr. James H. Loewe, freundlichst eingesandt hatte. Hierauf wurde einstimmig der Regimentsarzt David Steward zum Secretär und Georg R u binstein zum auswärtigen Correspondenten der „Manila Lovers of Zion1* gewählt. Die hiesigen englischen Blätter haben ausführliche und überaus wohlwollend gehaltene Berichte über diese Versammlung gebracht So schrieb „The American" :. „Es ist sehr lobenswert, dass diese jüdischen Soldaten selbst weit entfernt von ihrer Heimat ihren Glauben und ihre leidenden Stammesgenossen nicht vergessen haben. Die jungen Soldaten haben durch ihre Organisation ihre Treue und edle Gesinnung bewiesen, und sie mögen sicher sein, dass sie immer auf unsere Sympathie rechnen dürfen." In ganz ähnlichem Sinne äussert sich „The Manila Free dorn". Unser Verein hat bereits den Schekel von seinen Mitgliedern eingehoben und eine Anzahl von Shares der Jüdischen Colonialbank bestellt. Wir hoffen, in Bälde alle jüdischen Waffen geführten auf den Philipppinen zum Anschlüsse an den Verein veranlassen zu können. Mit dem Ausdrucke meiner aufrichtigen Hochachtung bin ich Ihr stets ergebener G. E. Volunteer of the HosPital-Corps, Real- oder Sozialpolitik? Wir erhielten von Herrn Dr. Mayer Ebner (Czernowitz) einen „Jüdische Realpolitik" betitelten Artikel. Da sich dieser seinem ganzen Inhaltenach auf den in der Nummer i der „Welt" unter dem Titel: „Jüdische National- und Realpolitik" veröffentlichten Artikel des Dr. Menczel bezieht, so haben wir diesen ersucht, sich zu dem Artikel des Herrn Dr. Ebner zu äussern. Obwohl es sich scheinbar nur um eine Frage handelt, die österreichische, beziehungsweise bukowinensische Verhältnisse betrifft, so erkennt man doch leicht, dass hier eigentlich die wichtige Frage von der besten Verwertung der den Juden zur Benützung freistehenden politischen Rechte behandelt wird. Dadurch gewinnt die Controverse für die Allgemeinheit an Interesse. Wir lassen nun die beiden Artikel folgen : I. Jüdische Realpolitik. Von Dr. Mayer Ebner (Czernowitz). Vor den Wahlen in den österreichischen Reichsrath ist die Frage der jüdischen Realpolitik wieder sehr actuelL geworden. Die Frage wird discutiert, die Ansichten sind getheiit, es gibt Anhänger und Gegner einer jüdischen Realpolitik, ich zähle mich zu den ersteren. Die Juden in Oesterreich sind in der glücklichen Lage, nicht in einem allgemeinen Oesterreic'herthum aufgehen zu müssen und, so ferne sie es nur einträchtig wollen, jüdische Politik, d. i. Politik für sich selbst machen zu können. Ich streife im Nachstehenden die Zustände, wie sie waren und zum überwiegenden Theile noch sind. Die Juden in Wrien ziehen noch den alten liberalen Karren, auch wenn er noch so verfahren ist. Dort, wo sie — wie in der Leopoldstadt — bisher einen Juden (Hofrath Kareis) wählten, haben sie diesmal einen Arier gewählt und die Wahrung der jüdischen Interessen seiner Grossmuth überlassen. In Mähren wählen die Juden czechisch oder deutsch, sie verstärken nach Belieben die eine oder die andere Partei und ernten jedesmal den oft nicht unverdienten Hass der einen und den Undank der anderen. In der Bukowina sind die Verhältnisse ganz ähnlich. In den Städten politiüsche Parteigänger der deutschen Minorität, auf dem Lande Regierungsknechte, im Süden betheiligen sie sich überflüssigerweise an einem rumänischen Bruderkriege, dem Gegner zuleide, sich nicht zuliebe. Die Deutschen lassen sich zähneknirschend „die Bundesgenossenschaft der Juden gefallen", Rumänen und Ruthenen geben ihrer offenen Feindschaft Ausdruck und weisen hohnlachend darauf hin, wie die deutschen Bundesgenossen bei der Wahl eines Juden (Dr. Strauche r) Abstinenz üben. In Galizien, wo 800.000 Juden wohnen, sind sie Helfershelfer des Polenclubs, reizen sie die Ruthenen zu unauslöschlichem Hasse, wieder anderen zuleide, sich nicht zuliebe. Diese Politik des übelangebrachten Altruismus ist eine Ursache des selbstverschuldeten Unglücks. Dagegen gibt es zwei Mittel: Entweder befolgen wir den Rath unseres Dr. Nord au und treiben überhaupt keine Politik, indem wir uns in sein

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