Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Article
- Die Juden in Rumänien und in Deutschland
- Date
- 1901-02-08
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 6 der Verfassung setze — ja, meine Herren, dann hat di e Verfassung ü4b erhaupt gar keinen Wert. Man muss sich wirklich fragen: Bis zu welchem Punkte sind wir bei uns in Preussen allmählich gelangt? (Sehr gut! links.) Wo ist die Idee eines Rechtsstaates in Preussen geblieben? Wenn Sie etwa glauben, dass das deutsche Volk bereits moralisch so erweicht ist, dass es die Gleichberechtigung der einzelnen Confessionen nicht ertragen kann, nun gut, so andern Sie doch die Verfassung. Versuchen Sie, ob Sie die Verfassung ändern können, ob das deutsche Volk bereits dafür reif oder, ich kann sagen, tief genug heruntergekommen ist. (Oho! rechts. Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Die deutschen Juden sind sicher in einer glücklicheren Position als die rumänischen : denn wie man weiss, sind ihnen seit Jahrzehnten die politischen Rechte uneingeschränkt verbrieft. Leider hat die Sache nur den Fehler, dass man den deutschen Juden bei vielen Anlässen nicht gestattet? von diesen verbrieften Rechten Gebrauch zu machen. Und man kommt wirklich in Verlegenheit, welcher Zustand der wertvollere ist: „Fremder" (wie in Rumänien) oder deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, keine politischen Rechte oder politische Rechte, die nur auf dem Papiere stehen offene Verweigerung der Emancipation oder eine Fiction, wie sie zur Zeit in Deutschland offen aufrechterhalten wird. Für die Betroffenen kommt es jedenfalls praktisch auf eins und dasselbe heraus; sie sind ausgesperrt als Juden — in Rumänien? weil Juden keine Rechte haben, in Deutschland, obwohl Juden alle Rechte haben. Gegenwartsarbeit. Von Martin Buber (Berlin.) I. Der Zionismus tritt in die Phase der Gegenwartsarbeit ein. Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob jene Programmpunkte, welche die Arbeit an der Zukunft bestimmen, in den Hintergrund treten sollten. Ist es doch gerade der Erstarkung und V erteinerung unseres activen Glaubens an die Zukunft zu verdanken, dass diese neuen Gesichtspunkte zum Durchbruche gelangt sind. Als wir Jungen mit glühendem, bebendem Herzen und vor Thatbereitschaft fiebernden Händen uns der Bewegung, als dem lebendigen Ausdrucke unserer Sehnsucht, anschlössen, da war unser Glaube ein kernfrischer Enthusiasmus, eine Flamme, die zum Himmel schlägt, weiter nichts. Es war etwas Grosses an unserer Begeisterung, aber auch etwas Unselbständiges und Unbeholfenes- Wir Hessen uns von der guten Sache gefangen nehmen und wollten uns beschenken lassen. Wir streckten die Hände aus und baten um Arbeit. Für viele war das ja das Richtigste, was sie für ihre eigene und des Ganzen Entwicklung thun konnten. Für andere aber war es ein Raub an ihrem Selbst und ihren künftigen Leistungen. Sie baten um Arbeit Die dachten sie sich im Sinne ihrer Ideen, die weltumspannend, wunderschön und unausführbar waren. Arbeit wurde ihnen zugewiesen, tüchtige, fruchtbare Arbeit im Dienste der Organisatin und Agitation. Es wurde doch bei ihnen nichts Ganzes daraus, kein rechtes Werk und keine rechte Freude. Lag das wohl an ihnen oder an der Arbeit? Es waren willensstarke und leistungsfähige Menschen; es war ein schönes und reiches Thätigkeitsgebiet: aber beides passte nicht zueinander. Man hatte der Eigenart der Befähigung zu wenig Rechnung getragen. Darum lösten sich die einen ab, die anderen blieben, aber ohne den beglückenden Lebenshalt, den man von einem grossen Ideale empfängt, dein man dient. Bis allT mählich hie und da der Gedanke zu tagen begann, dass es vielleicht doch noch eine andere zionistische Arbeit gibt, die gerade für diese Menschen geschaffen ist. Ich habe.bereits gesagt, woraus dieser Gedanke Bich bei den jungen Zionisten — denn aus ihrer Mitte ist er in Wahrheit emporgekommen — entwickelt hat: aus den Wandlungen, die ihr Glaube an die Zukunft durchmachte. Dieser Glaube war anfangs utopisch und phantasievoll, mehr auf deduetivem als auf empirischem Wege entstanden; in Poesie und Stitnmungsgiut getaucht, aber vnge und ohne festen Inhalt. Hier hat die Agitationsarbeit die so viel leere Rhetorik und phrasenselige Gedankenträgheit grosszog, doch wieder erzieherisch gewirkt, und zwar auf zweifache Art. Positiv dadurch, dass sie die jungen Schwärmer mit dem Reiche der Thatsachen und der grausamen Wirklichkeit bekannt machte; negativ dadurch, dass sie sie unbefriedigt liess und so veranlasste, eine andere wesenhaftere Bethätigungsform zu suchen. Unser Glaube begann den Wegen der geschichtlichen Nothwendigkeit nachzugehen und die gegenwärtigen Verhältnisse mit klarem, unbefangenem Auge zu betrachten. D<meben reifte eine Selbsterkenntnis heran, die uns befähigte, den Kreis unserer zionistischen Aufgäben selbst zu ziehen, so weit sie von unserer subjectiven Veranlagung abhängig sind. Innere und äussere Erkenntnis ergänzten sich: wir wurden der. Bewegung gegenüber selbständiger. Wir giengen verschiedene Wrege; aber uns vereinigte eine Idee: wir stehen in einer Bewegung, in der Politik nur die letzte unentbehrliche Consequenz bedeutet, die strengster und straffster Centralisierung bedarf und in der Organisation und Agitation nur weitverzweigte und unentbehrliche Hilfsmittel sind, die relativ decentralisiert sein und in den Händen der gerade hierfür Befähigten liegen müssen. Dagegen sehen wir das Wesen und die Seele der Bewegung in der Umgestaltung des Volkslebens, in der Erziehung einer wahrhaft neuen Generation, in der Entwicklung des jüdischen Stammes zu einer starken, einheitlichen, selbständigen; gesunden und reifen Gemeinschaft. Das heisst: in jenen Processen, deren vorläufig noch unzulänglicher Ausdruck die Losungsworte der „Hebung" sind, die der Londoner Congress uns brachte. Zu diesem Ergebnisse kommen zwei Gruppen auf verschiedenen Wegen. Die einen glauben, dass die Gewinnung unseres „Kinderlandes" sich erst auf dem Boden der wiedergeborenen jüdischen Cultur, als deren Frucht und Folge, entwickein werde; die anderen, die der Erde und der bodensässigen Volkseinheit allein culturschöpferische Kraft zuschreiben, wollen nur eine Verbesserung und Veredlung unseres Menschenmaterials. Diese Verschiedenheit ist aber rein akademischer Natur; das unmittelbare Handeln wird von ihr gar nicht beeinflusse Jedenfalls macht eine so exceptionelle Bewegung wie die unsere, die eine so einzigartige und im letzten Grunde unvergleichbare Volksbefreiung anstrebt, auch ein exceptionelles Programm nöthig: das einer grossen und radicalen Volkserziehung. £u diesem Programme sind erst die ersten Ansätze vorhanden; es muss ausgestaltet werden. Ich denke es mir gleichsam als Programm des angewandten Zionismus : auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis aufgebaut, concret, lebensvoll, im schönsten Sinne praktisch, ohne Formeln, alle Strömungen berücksichtigend, allen Kräften Bethätigung zuweisend, weit, aber nicht vieldeutig, das Höchste an That verlangend, aber auch das Höchste an Beseligung bietend. Es genügt anzudeuten, was dieses.Programm leisten soll. Es soll vor allem die heute noch lose und rhapsodisch nebeneinander wirkenden Bestrebungen der Volkshebung zusammenfassen, kräftigen und leiten es soll die, Erzieher erziehen , und die Unsicheren anregen. Es -soll ferner jene sammeln, die in der Aera, der Volksversammlungen ..ihr individuelles Arbeitsbedürfnis nicht befriedigen konnten und abseits traten. Es soll allen modernen national-jüdischen Bewegungen Raum schaffen innerhalb der Bewegung und so einem grösseren Zionismus die Wege bahnen. Es soll den Zionismus1'erweitern, indem es alle geistigen Factoren