Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Article
- Sind wir noch Juden?
- Date
- 1901-02-08
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 „Die & Welt" Seite 3 entschieden antworten: Nein, wir sind keine Juden mehr! Schauen wir uns doch rechtzeitig um nach einem anderen Surrogat für unser Jadenthum, denn damit geht es über ^kurz oder lang zu Ende. ' 1 Aber getrost! ^Mirsind' noch Juden und werden und wollen es bleiben bis an das Ende der Tage. Die Gesetzlichkeit ist gar nicht das Fundament, das Urwesen, die Substanz des Judenthums, sondern die Nationalität. Diese Gesetzlichkeit ist erst der Ausfluss des jüdisch-nationalen Geistes und gewinnt erst durch diesen eine unerschütterliche Grundlage und ewigen Fortbestand; ohne die Nationalität aber schwebt die jüdische Gesetzlichkeit in der Luft und wird von jedem Windzüge der modernen Aufklärung und des Culturfortschrittes verweht und verflüchtigt. ich kann mir sehr wohl ein Judenthum denken als die reine Nationalität, ganz ohne Gesetzlichkeit; die blosse Gesetzlichkeit hingegen, ohne die Nationalität als ihren Träger, so eine gewisse Werkheiligkeit, Buchstabengläubigkeit, gedankenlose Ceremonialübung ist kein wahres Judenthum. Immer heisst es: „Der Du uns erwählt hast aus allen Nationen und uns Deine Thora gegeben hast"; jederzeit die Nationalität vorausgesetzt. Die jüdische Religion ohne die jüdische Nation ist bestandloses Scheinjudenthum. Selbst der Glaube an den Einig-Einzigen ist geknüpft an die Existenz der israelitischen Nation. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist der einig-einzige Gott." „Israel ist der Genosse Gottes,tf lehrt in diesem Sinne der Talmud. Eben aus dieser Genossenschaftlichkeit schöpfe das Volk seine Ewigkeit, wird es zu jenem „Am-Olam", „Volk der Ewigkeit", von welchem der Prophet redet. „Ich, der Ewige, habe mich nicht verändert, und Ihr Söhne Jacobs habt nicht aufgehört/ Ich und Ihr. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, kann der neuzeitliche Zionismus geradezu als befreiend und erlösend betrachtet und allseitig bogrüsst werden; und sowohl die Orthodoxen als auch die Neologen wussten nicht, was sie thaten, als sie ihm so heftig entgegentraten. Die Orthodoxen nicht, denn mit all ihrer Gesetzesstrenge sind sie nicht imstande, der zersetzenden und auflösenden Macht des neuzeitlichen Culturfortschrittes entgegenzuwirken. Die Neologen nicht, denn die arbeiten der Zersetzung und Auflösung geradezu in die Hände. Was sie da von der „erhabenen Mission" des Judenthums unter den Völkern reden, ist der reinste Humbug. Von einem Judenthum als Nationalität, die anderen Nationalitäten selbstbewusst, würdig und kräftig, mit aller ihrer Bestimmtheit und Bestimmung gegenübertritt, Hesse sich allenfalls so etwas noch sagen, aber nicht von einer Glaubensgemeinschaft ohne Glauben. So ist denn der Zionismus zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen, um eine Regeneration des in schweren Verfall gerathenen, der Auflösung zustrebenden Judenthums — eine Regeneration an Haupt und Gliedern — zu bewirken. Der Zionismus hat das Judenthum zur Selbstbesinnung erweckt, nicht in Bezug auf sein Glaubensbewusstsein, sondern in Bezug auf sein Nationalitätsbewusstsein. Israel hatte, wie der Prophet schon klagt, seine Nationalität vergessen. Es wollte fremden Nationalitäten sich anpassen und angliedern, und niemand dachte oder ahnte, dass man damit auch dem Glauben und Bekenntnisse seine einzige Stütze und Grundlage entzogen habe und das ganze Gebäude, woran man Jahrtausende hindurch gefugt und gezimmert, um es nur recht würdig und gefestigt hinzustellen, über kurz oder lang zusammensinken müsste. Der Zionismus, ja, der hat eine grosse Mission zu . erfüllen, zunächst freilich nur für unser eigenes Volk. Er will alle Glieder der Nation, ob hoch oder gering, reich odWo^rfB%sJ8Pb|W»|,r Pj3er unÄi¥>t&r^^ geseizestreu oder dem Gesetze entfremdet, wieder in eine einzige grosse Körperschaft zusammenfügen. Er will das grosse Einigungs- und Elias-Werk vollbringen und zurückführen das Herz der Väter zu ihren Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, damit, alle f eines Sinnes seien und als Kinder eines Vaters sich erkennen und fahlen lernen. Und zu guter Letzt will er für das jüdische Volk im Lande seiner Väter eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte schaffen. Alles dieses bedacht und überschaut, gelangen wir zu dem Endergebnisse: Wir Zionisten können auf die Frage: „Sind wir noch Juden?" getrost antworten: „Ja, wir sind noch Juden! Wir betrachten darum auch den einen wie den anderen, wer es auch sein und welcher Richtung er auch in Bezug auf die Glaubensgesetzlichkeit angehören möge, betrachten überhaupt einen jeden Juden als einen der Unseren und reichen ihm die Hand zum Bruderbunde/' Die Juden in Rumänien und in Deutschland. Wie wir kürzlich berichteten, hat Ministerpräsident C a r p einem Wiener Interviewer gegenüber erklärt, man könne mit Rücksicht auf die antisemitischen Gefühle der christlichen Bevölkerung nicht daran denken, den rumänischen Juden die politischen Rechte zu geben. Der rumänische Ministerpräsident scheint sich noch etwas von dem sogenannten Schamgefühl vor „Europa" bewahrt zu haben. Er äussert sich nur zwischen vier Wänden, fast schüchtern und wie für die rumänische Bevölkerung um Entschuldigung bittend, dass sie so ist und noch nicht anders. Man fühlt fast Mitleid mit diesem jungen Culturvolke, dessen Ministerpräsident so grosse Mühe hat, es für einen europäischen Rechtsstaat zu erziehen. Wie lange wird dieses junge Volk brauchen, bis es sich zu dem sittlichen Rechtsbewusstsein der grossen europäischen Culturnationen aufschwingt, beispielsweise des „Volkes der Dichter und Denker11. Der rumänische Ministerpräsident hätte viel zulernen können, wenn er auf seiner jetzigen Europareise den Einrichtungen im preussischen Justizdienste intimere Studien gewidmet hätte. Vielleicht hätte er noch interessantere Dinge kennen gelernt, als minder hochgestellte Sterbliche gelegentlich aus den Zeitungen erfahren, welche jüngst wieder Folgendes zu melden wussten: Berlin, 31. Jänner. Im preussischen Abgeordnetenhause wurde heute bei Berathung des Justiz-Etats von dem freisinnigen Abgeordneten Peltasohn die Zurücksetzung der Juden im Justizdienste zur Sprache gebracht. Der Redner wies nach, dass der Justizminister bei der Ernennung von Notaren einen Unterschied zwischen den Rechtsanwälten christlicher und jüdischer Religion macht, und dass er jüdische Richter überhaupt nicht mehr befördert. Justizminister Dr. Schönstedt antwortete dem liberalen Abgeordneten und gab zu, dass er allerdings die Zahl der jüdischen Notare einschränke. Das sei kein Vorwurf gegen die jüdischen Juristen, an deren Tüchtigkeit, Ehrenhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit er nicht zweifle. Aber er müsse Rücksicht auf die Anschauungen der Bevölkerung nehmen, die zum grossen Theile nicht geneigt sei, Vertrauens-Angelegenheiten mit einein jüdischen Notar zu besprechen. Der Freisinnige Dr. B ar th sprach sein Erstaunen über die Antwort des Ministers aus. Der Herr Justizminister, sagte er, hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass bei der Anstellung von Notaren nicht die Interessen der Rechtsanwälte, welche zu Notaren bestellt werden wollten, massgebend seien, sondern, wie er sich ausdrückte, das Interesse der Bevölkerung. Der Grundsatz, dass die Zugehörigkeit zu irgendeiner Confession gar keinen Grund abgeben kann, um den betreffenden Staatsbürger schlechter zu behandeln als den Angehörigen irgendeiner anderen Religion, ist einer der wichtigsten Grundsätze unserer ganzen Staatsverfassung. (Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Wenn der Herr Minister nicht in strieter Interpretation dieses Grundsatzes verfährt, sondern wenn er sagt, ich durchbreche diesen n$run;$sa^^^^ für das Interesse der Bevölkerung halte, an die Stelle der betreffenden Bestimmung