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Die Welt · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Article
Rabbiner Dr. I. Rülf
Date
1901-02-08
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite $ „frie s£PWelt" Nr/Ö ersten Auftreten der Vereinigung an ein tüchtiger Führer und treuer Berather. Den Protest-Rabbinern war er ein gefurchteter Gegner, gegen dessen ehrfurchterweckende Persönlichkeit und wissenschaftliche Autorität man ebensowenig aufzutreten wagte, als gegen seine von wahrhaft jüdischem Geiste getragenen publicistischen Kundgebungen, Die Leser und die Redaction der „Welt" schätzen in Dr. Rülf einen ebenso trefflichen als jederzeit willkommenen Beiiräger. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir sagen, dass ungezählte Tausende den 70. Geburtstag Dr. R ü 1 f s im Herzen mitfeiern. Möge es auch uns gestattet sein, dem greisen Gelehrten unsere innigsten Glückwünsche zu entbieten. Sind wir noch Juden? Von Dr. J. Rülf (Bonn). Die analoge Frage hat bekanntlich David Friedrich S trau ss und nach ihm Ed. v. Hart mann in Bezug auf ihren angestammten Glauben auf das entschiedenste verneint. Wenn wir uns nun auch die Frage stellen: Sind wir noch Juden? so werden wir mit der gleichen Entschiedenheit antworten müssen: Ja, wir sind noch Juden! Und so werden wir selbst dann noch antworten müssen, wenn wir den wissenschaftlichen Standpunkt des einen oder des anderen der genannten beiden Männer fheilen und uns als ihre getreuen Anhänger und Gesinnungsgenossen bekennen sollten. Wie aber wollen wir uns das eiklären? In dem Gegensatze von Judenthum und Christenthum liegt die Erklärung nicht. Das Judenthum ist die Religion des Gesetzes. Seine Gesetzlichkeit kennt keine Grenzen. Das mosaische Gesetz mit seinen 613 Geboten und Verboten haben der Talmud und seine Decisoren, die „Früheren", die „Späteren" und die „Neueren", bis ins Ungemessene erweitert und vermehrt, derart, dass kein Mensch noch imstande ist, den ungeheuren Gesetzesreichthum des Judenthums mit seinem Wissen zu umfassen. — Das Christenthum ist die Religion des Dogmas, der Glaubenssatzung; und auch die christliche Dogmatik hat die Kirche zu allen Zeiten ganz in derselben Weise bis zu einem kaum noch zu bewältigenden Umfange auszubilden und auszubauen gesucht. Nun hat aber die Wissenschaft, die; exacte wie die speculative, am christlichen Dogma in einer Weise gezehrt und gezerrt und auflösend gewirkt, dass von seiner ursprünglichen Gestalt wenig übrig geblieben und vor allem der gläubige Sinn mit der Zeit geschwunden ist. Dieser Umstand ist es vorzugsweise gewesen, welcher die genannten beiden Männer in ihrem hergebrachten Glauben irre wei den und nach einer gründlichen Regeneration oder anderweitigem Ersatz suchen Hessen. Dem gesetzlichen Judenthum ist es. aber noch weit schlimmer ergangen. Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Leben, das gesellige und wirtschaftliche Leben, haben auflösend und zerstörend auf die Gesetzestreue gewirkt. Auch Bequemlichkeit, Genusssucht, religiöse Gleichgütigkeit haben das ihrige dazu beigetragen, dass von der jüdischen Gesetzlichkeit kaum noch ein schwacher Rest übrigblieb; abgesehen davon, dass durch die Nothwendigke.it der vis major, durch die Auflösung des jüdischen Staates, Zerstörung des Tempels, Vertreibung aus ihrem Lande, zwei Drittheile der Religionsgesetzlichkeit der Juden unanwendbar und unerfüllbar geworden sind. Sollten wir angesichts dieser Thatsachen nicht auch als Endergebnis zu antworten uns gedrungen fühlen: Wir sind keine Juden mehr? Man kann die Widerlegung sich leicht machen und ^tetfPäJtf*grosse Masse d^>^ud^ i^fell^^ltlAfti^^ttnweisen, die ailesammt noch als Juden von der strengsten Observanz das Gesetz zu erfüllen und darnach ihr ganzes Leben einzurichten suchen.*' Efne solche Widerlegung hat schon Hartmann mit deii" * Worten zurückgewiesen: „als ob das in idealem Sinne yp^ der Geschichte züHd'en Todten Gelegte nicht docli als reale Existenz darum noch Jahrtausende fortvegetiren könnte, wie der Äugenschein es an so vielen Religionsformen uns lehrt." „Als ob nicht jeder wüsste, dass die Masse des Volkes immer um Jahrtausende hinter den eigentlichen Culturvölkern zurückbleibt, däsö die Grösse dieser Rückständigkeit mit den Culturfortschritten wächst ..." Nun sind zwar diese Bernerkungen H a rvt m a n n s nicht so ganz mit der Lage unserer Volks-und Glaubensgenossen in Uebereinstimmung zu bringen; allein sie enthalten den richtigen Fingerzeig zu einer Diagnose auch für unsere Gebrechen und Gebresten, wie diese so recht offenkundig im Kampfe gegen den Zionismus zutage kommen. Als vor wenigen Jahren der Zionismus in neuer Form und Gestalt sein Haupt erhob und seinen Siegeszug über alle Lande, wo Juden wohnen, antrat, da waren es nicht etwa nur die dem Judenthume völlig entfremdeten Assimilanten, , welche den Zionismus mit aller Macht bekämpften, sondern auch die als streng gesetzestreu sich dargebende Orthodoxie war es, welche in den Chorus der Gegner kräftig einstimmte, obschon doch gerade eben dieser Zionismus allen ihren religiösen Anschauungen, Bitten und Hoffnungen entgegenzukommen schien. Weshalb? Einer der grössten jüdischen, der starren Orthodoxie treu anhänglichen Geldfürsten hat den Grund verrathen. Um seine Unterstützung für die gute Sache des Zionismus angegangen, soll er geantwortet haben: „Ob die Sache gut oder schlecht, ist mir einerlei; genug, ich will mit den „Poschim" nichts zu thun haben." Die Orthodoxie sieht an der Spitze der Bewegung Männer, die von der jüdischen Gesetzlichkeit nichts wissen, theilweise auch nichts wissen wollen, und darum, ganz besonders darum, muss der Zionismus bekämpft werden, und sie stellen sich damit auf Seiten ihrer eigenen Gegner, obgleich diese nach ihren Begriffen die grössten;,Poschim", d. i. Gesetzesübertreter, sind. Doch dieser Widerspruch ist nicht einmal der schlimmste Vorwurf, den man der Orthodoxie machen kann; ein weit schlimmerer ist ihre Einsichtslosigkeit. t Sie sind noch gesetzestreu, glauben es wenigstens zu sein; haben sie aber auch die Versicherung, dass ihre . Kinder — wenn sie welche haben — ihre Enkel oder Urenkel auch noch solche „gute Judeiv" sein werden? Alle Vernunft und Erfahrung sprieht dagegen. Sobald der Jude — und das ist eben eine merkwürdige Erscheinung — moderner Bildung sich zuwendet oder zu Vermögen und Ansehen gelangt, beginnt er gegen die GlaubensgesetzÜchkeit gieichgiltig zu werden und schliesslich sie ganz abzustreifen. Nach } moderner Bildung drängen sie aber doch ailesammt mit unwiderstehlicher Gewalt und ebenso sehr nach Gesellschaftsverkehr und Lebensgenuss. ' In demselben Masse und Grade, als diese Cültur- '* elemente unter den Juden im Zunehmen begriffen sind, zeigt die Gesetzestreue eine abnehmende Tendenz; derart, dass der Psychologe von heutzutage, der in seinem psychologischen Laboratorium die Seelen zustände durch Maäs und Berechnung mit mathematischer Sicherheit glaubt bestimmen zu können, auch ziffermässig den Zeitpunkt Würde angeben können, der als das Ende alles jüdischen Lebens und Wesens, überhaupt als das Ende des Judenthüms betrachtet werden dürfte. Sind-wir noch Juden? Wenn wir Juden weiter nichts besässeu, als unsere Glaubensgesetzlichkeit und weiter nichts tyfe^ ligions-Gerneihschaft, dann, Ja dann 'müssten wfi* eltflicfründ

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